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Wenn Grundbedürfnisse zum Luxusgut werden

28.01.2009 12:12

Tagung des Akademischen Forums in Kooperation mit dem Caritasverband der Diözese Augsburg, der Katholischen Jugendfürsorge und der Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen und dienste der Erziehungshilfe und Jugendsozialhilfe am 23. Januar 2009 im Haus St. Ulrich.

Prof. DDDr. Clemens Sedmak, King's College London und Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg: "Armut schwächt die Identität, die aber stark sein muss, um mit der schwierigen Situation fertig werden zu können."

"ARMUT ZERMÜRBT, ERMÜDET"

Salzburger Armutsforscher Sedmak fordert Umdenken

Augsburg, 24.1.2009 (pca). Armut hat heute ein anderes Gesicht, nicht mehr das des Bettlers oder des Obdachlosen, der zerlumpte Kleider trägt. Die Grundversorgung erfolgt durch Kleiderkammern und Tafelläden, was die Unterscheidbarkeit weniger zulässt. Dennoch leben arme Menschen im gesellschaftlichen Abseits. Derzeit sind in Deutschland über zehn Millionen Menschen von Armut betroffen und die Kluft zwischen arm und reicht wird immer größer. Das Thema brennt auf allen Nägeln. "Wir wollen deshalb hinter die Fassaden schauen, was Armut bedeutet und welche Wege wir gehen müssen, um sie überwinden zu können", gab deshalb Dr. Robert Schmucker vom Akademischen Forum der Diözese Augsburg als Richtschnur für die Veranstaltung am Freitag Nachmittag vor, für die der Salzburger Armutsforscher Prof. Dr. mult. Clemens Sedmak gewonnen werden konnte. Dass es nicht nur um ein akademisches Thema ging, ließ sich an den Kooperationspartnern ablesen: der Caritasverband für die Diözese Augsburg, die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg, die Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe und Jugendsozialarbeit haben sich an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt.

Sedmak, der am King's College in London lehrt und gleichzeitig Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg ist, verzichtete darauf, auf Zahlen einzugehen. Er wollte vielmehr die Augen für die Armen und deren Lebenswirklichkeit öffnen. Ein wichtiger und unerlässlicher Schritt für jeden, der sich mit dem Thema befasse, meinte er. Die meisten Menschen nämlich richteten sich, so beklagte er, ihr Leben so ein, dass sie niemals in Kontakt mit armen Menschen kämen. "Da wird der Arme zu einem Bewohner eines anderen Sternes und der deshalb nicht Mensch in vollem Sinne sei, weil er nicht arbeitet und an dem gesellschaftlichen Leben so teilnimmt, wie die Erfolgreicheren." Dann denke man den Armen nur metaphorisch, aber kenne ihn eigentlich nicht. Sedmak will aber diese Denksperre aufbrechen. "Der Arme ist in erster Linie Mensch." Um ihn zu verstehen, gelte es Freundschaft mit armen Menschen zu pflegen, sich regelmäßig Zeit für sie zu nehmen. Institutionelle Einrichtungen und Instanzen helfen da zumeist wenig. Da sich Armut verstecke, weil sie von den Betroffenen als beschämend erfahren wird, würden viele nicht zu diesen offiziellen Stellen gehen, weil sie nicht auf fremde Hilfe zurückgreifen wollen. Die entsprechenden Mitarbeiter der Ämter lernen dann von der Armut oft genug nur das, was ihnen die ihnen vorliegenden Zahlen sagen, was wiederum das Verständnis nicht unbedingt fördere.

Nur wer sich auf die Armen einlasse und in ihnen einen Menschen wie sich selbst sehe, so legte Sedmak mit seinen Worte nahe, fange an zu verstehen, dass Armut "zermürbt, ermüdet und erschöpft". Das schwäche die Identität, die aber stark sein muss, um mit der schwierigen Situation fertig werden zu können. Armut raube die Kraft, die man aber bräuchte, um wieder aus der Armut herauszukommen. Die Gesellschaft und Politik hingegen fordere eine "Armutsfähigkeit" ein, die vom Betroffenen verlangt, in seiner äußerst bedrückenden Situation der Schwäche, Isolation, Ausweg- und Hoffnungslosigkeit "gut drauf zu sein, soziale Netzwerke zu knüpfen und sich nicht hängen zu lassen." "Das kann aber keiner von uns", sagte Sedmak.Die Situation sei ohnehin schwer genug. Die soziale Ausgrenzung des Armen werde dann aber noch dadurch fortwährend verschärft, dass der Standard der Teilhabe an kulturellen und Konsumstandards ständig erhöht werde. "Heute ist es schon in der Grundschule ein Statuszeichen, ein Handy zu haben." Vor wenigen Jahren sei das doch undenkbar gewesen.

Den entscheidenden Schlüssel für einen Ausweg aus der Armut sieht Sedmak in der Bildung. Diesen Begriff will er aber nicht auf Schul- bzw. Wissensbildung reduziert wissen. Lebenserfahrung wie zum Beispiel die "Bildungsressource, verwundbar zu sein" gehöre dazu. Weil diese Lebenserfahrung fehlt, werde Armut auch als Schande empfunden. "Das ist sie aber nicht!" Das Fehlen dieser Lebenserfahrung, verwundbar zu sein, kann nach Auffassung Sedmaks allerdings ausgeglichen werden: durch Lesen und durch Kontakt mit anderen Lebenswelten, wodurch soziale Kompetenz gewonnen und gestärkt werden könne. Bildung müsse zudem darauf hinarbeiten, den Menschen dazu zu befähigen, mit seinen Fähigkeiten kreativ umzugehen und sie weiterzuentwickeln. Ein Erfolg setzt aber nur dann ein, "wenn man die Bildung in sich trägt, zu wissen, wohin man in seinem Leben auf dem Weg ist und sich dafür auch selbst motivieren kann." Ist dies gegeben, so der Salzburger Armutsforscher weiter, werde auch die persönliche Widerstandsfähigkeit gegen Lebenskrisen gestärkt.

Dass die Politik nicht den direkten Kontakt mit Armen sucht, obwohl diese bereits die Mittelschicht erfasst hat (Prekärisierung der Mittelschicht), habe Sedmak zufolge zwei Gründe: Es bringe keinem Politiker mehr Stimmen ein, merkte er kritisch an. Außerdem herrsche ein Grundfehler im Denken vor, der sich in dem Spruch "Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es allen gut" widerspiegelt. "Dieser Satz muss umgedreht werden", forderte er, und diese Umdrehung zu einem Kernsatz in der Gesellschaft werden: "Wenn es allen gut geht, dann geht es auch der Wirtschaft gut."

Bernhard Gattner, in: Sozialcourage 1/2009