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Abendveranstaltung am 25. Juni 2009 im Haus St. Ulrich

01.07.2009 13:39

HIMMLISCHE GENÜSSE -

Warum Werbung Religion braucht

Prof. Dr. Manfred L. Pirner

Ein Klingelbeutel wandert durch die Reihen einer Gottesdienstgemeinde. Er nähert sich einem Herrn, der seinen Geldbeutel vergessen hat. Wie peinlich! Er reißt den Knopf seiner Jacke ab, wirft ihn in den Beutel. „Wenn Sie Geld brauchen ...“ verspricht in dem Werbespott eine Fernsehlotterie die Rettung aus solcher Not. Wie sich die Werbung religiöser Motive bedient, darüber sprach beim Akademischen Forum im Haus St. Ulrich der evangelische Theologe Manfred L. Pirner von der Universität Erlangen.

„In der Werbung wimmelt es von religiösen Anspielungen“, zeigte Pirner an Beispielen auf: Fröhliche Nonnen werben am Harmonium für Erdgas; bei einer Zigarettenreklame hat sich eine in rot gekleidete Dame in einen Beichtuhl verirrt; ein junger Kleriker lässt sich in einem Filmspott nicht von der Schönheit eines jungen Mädchens, sondern der Coladose in ihrer Hand verzaubern.

Tiefe menschliche Sehnsüchte werden geweckt

Religion in der Werbung, so Pirner, erzeuge Emotionen, vermittle den Eindruck „des Besonderen, des Heiligen“ und spreche noch immer eine breite Bevölkerung an. Wenn eine Zigarettenwerbung auf blauem Hintergrund meditierende Menschen zeige, so wecke sie „tiefe menschliche Sehnsüchte – nach Freiheit, nach innerer Ruhe und Unabhängigkeit.“ Pirner: „Wir haben ja fast alles, was wir brauchen.“

So preise die Werbung nicht nur bestimmte Objekte an, sondern verlagere sich ins Spirituelle. Pirner zog auch klare Grenzen: Kritisch sieht er es, wenn religiöse Symbole und menschliche Werte in der Werbung diffamiert oder lächerlich gemacht werden. Religion sollte „nicht lediglich an der Effekt haschenden Oberfläche bleiben“.

Gerlinde Knoller, Augsburger Allgemeine Zeitung, 1. Juli 2009, Seite 33