Mastodon
Ansprache beim Kreuzweg für verfolgte Christen im Dom am 18.09.2016 von Bischofsvikar Prälat Dr. Bertram Meier

"Der Leib Christi, die Kirche, ist verwundet und blutet."

20.09.2016 17:45

„Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich; denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.“

Dieser Satz begleitet uns wie ein Refrain auf dem Kreuzweg, den wir miteinander beten werden.

Auf vierzehn Stationen gehen wir den Weg nach, der Jesus nach Golgotha geführt hat. Gleichzeitig werden wir daran erinnert, dass Jesu Kreuzweg weitergeht - gerade heute.

In den vergangenen Monaten kamen viele Flüchtlinge nach Deutschland. Ein großer Teil von ihnen gelangte zunächst nach München - nach Bayern, wo auf herausragende Weise ehrenamtliches Engagement dafür sorgte, dass Deutschland „strahlte“ über die Grenzen hinaus. Leute willkommen zu heißen, die aus prekären Situationen in ihren Herkunftsländern und den Transitländern nach Deutschland gelangt sind, war und ist ein Dienst an den Menschen und ein Zeichen dafür, dass ihre Würde als Mitmenschen ernst genommen wird: ein humanitärer Dienst und eine Christenpflicht.

Aus den Berichten orientalischer Christen, deren Kirchen auch in unserem Land beheimatet sind, wissen wir, was es für Flüchtlinge bedeutet, so aufgenommen zu werden.

Damit sind wir mitten im Thema: Die eine Seite ist die Hilfsbereitschaft in unserem Land, die andere lenkt unseren Blick in die Gegenden, aus denen die Flüchtlinge und Asylbewerber kommen. Die meisten von ihnen lassen nicht grundlos ihre Heimat zurück. Gerade den Christen geht es dort schlecht. Aus dem arabischen Frühling ist für sie eine Eiszeit geworden. Der Kreuzweg Jesu geht weiter. Der Leib Christi, die Kirche, ist verwundet und blutet. In diese Wunde legen wir heute unseren Finger.

In einem leidenschaftlichen Appell hat Patriarch Gregor III. Laham, das Oberhaupt der melkitischen griechisch-katholischen Kirche, die syrische Jugend aufgefordert, im Land zu bleiben. Er beschrieb die Auswanderung aus Syrien als „Tsunami“, der die Zukunft der Kirche im Land in Frage stellt. Die allgemeine Auswanderungswelle unter Jugendlichen in Syrien verwundet mich tief und versetzt mir einen Todesstoß“, schrieb Laham in einem offenen Brief an die Jugend. Der Patriarch räumte zahlreiche Probleme ein, die das Leben in Syrien heute mit sich bringt. Der Jugend legt er ans Herz: „Bleibt! Seid geduldig! Bleibt um der Kirche und um eurer Heimat willen!“ „Grausame, unmenschliche, unerklärliche Verfolgungen, vor allem gegen Christen“ nennt Papst Franziskus das Vorgehen von islamistischen Terroristen und Fanatikern im Nahen Osten gegen Minderheiten: Die Christen „sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert um ihrer Treue zum Evangelium willen“ (Radio Vatikan 6.8.2015). „Ich rufe die internationale Gemeinschaft dazu auf, nicht stumm und tatenlos zu bleiben angesichts dieses inakzeptablen Verbrechens.“ Seit Beginn der Kämpfe in Syrien im Frühjahr 2011 wurden Schätzungen zufolge mehr als eine halbe Million Menschen getötet. Fast die Hälfte der Bevölkerung - zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder - sind auf der Flucht. Der Patriarch der syrisch-katholischen Kirche Ignace Youssif III. Younan ruft uns mit Leidenschaft zu: „Es ist eine religiöse Säuberung! Was Ihre (westlichen) Regierungen nicht sehen wollen, und wovon Ihre Regierungen nichts wissen wollen. Denen ist die Religionsfreiheit dieser Gemeinschaften, die über Hunderte von Jahren durch ihre Treue zum Evangelium dort durchgehalten haben, ziemlich egal. Man sagt uns, es gebe internationale Einrichtungen zur Verteidigung der Menschenrechte und der Religionsfreiheit - aber wo sind sie denn? Das ist eine Lüge! Was sollen wir tun? Wie hat es der ,islamische Staat‘ geschafft, so weit zu kommen?“ (Radio Vatikan 8.8.2015)

Der Kreuzweg Jesu geht weiter. Unzählige Christen tragen das Kreuz durch ihre Lebensgeschichte - in Syrien, im Irak und in vielen anderen Ländern. Die Ankunft von immer mehr muslimischen Flüchtlingen bei uns wird wohl bald zu einer großen Herausforderung für die christliche und demokratische Identität unseres Landes und Kontinentes werden. Als Christen haben wir die Pflicht, die Flüchtlinge aufzunehmen, aber Europa, d.h. wir müssen auch die eigene christliche Identität wahren können. Hilfe für alle - Ja! Aber auch in Rücksicht auf unsere christlichen Schwestern und Brüder! In diesem Sinn beten wir heute Abend den Kreuzweg:

„Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich; denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.“