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Predigt beim Mittagsgebet am ökumenischen Tag der Schöpfung,
4. September 2021, in Lindau

„Ein sinnvoller Weg in die Zukunft führt über die Bewahrung der Schöpfung.“

04.09.2021 15:00

Liebe Freunde der Schöpfung, liebe Schwestern und Brüder, für unser Mittagsgebet habe ich eine besondere Stola angelegt: Sie zeigt Franz von Assisi inmitten seiner „Familie“, der Gestirne, der Pflanzen und Tiere. Ich möchte Sie entführen in sein Loblied auf die Schöpfung, den Sonnengesang „Laudato sì“.

Obwohl Franziskus fast schon ganz erblindet war, als er den Sonnengesang schrieb, ist dieses Lied voller Farben und Töne, vielfältig und bunt, wie die Schöpfung eben ist. Franziskus besingt keine Monokultur, er weiß um den Reichtum aller, die ihr Leben aus Gottes Hand empfangen haben.

Was passt besser für Lindau, der Stadt auf der Insel, den Ort der Gartenschau, als dass wir auf das Wasser schauen. Schon die ersten Seiten der Bibel zeugen von der Bedeutung des Wassers. Gott lässt regnen, damit die Erde Frucht bringt. Die Heilige Schrift erzählt von einem Strom, der von Eden ausging und in vier Flüssen den Garten bewässerte. - Wasser bewahrt einen Hauch des verlorenen Para­dieses, der unverletzten Schöpfung. Im Sonnengesang öffnet uns Franziskus gleichsam einen Spalt der paradiesischen Schönheit der Schöpfung: Zuerst lobt er die Sonne, den edelsten Bruder; dann besingt er Mond und Sterne. Über Wind und Luft und Wetter kommt er auch zum Wasser: "Gelobt seist du mein Herr, durch Schwester Wasser. Es ist nützlich und demütig, kostbar und keusch." - Dass er mit Wasser Nutzen und Kostbarkeit verbindet, leuchtet ein. Das Wasser kann ganze Länder bewässern und viele Menschen mit Strom versorgen. Wer schon in der Wüste war, weiß vom Schatz einer gefüllten Feldflasche. Was hat es mit den anderen Bezeichnungen auf sich?

Demut und Keuschheit mit Wasser verbinden, macht neugierig: Das Wasser ist tatsächlich demütig. Wenn die Quelle hoch im Gebirge entspringt, ist der Bach nur damit beschäftigt, hinabzufließen ins Tal, manchmal kommt er als Fluss so tief bis zum Nullwert des Meeres, wo er sich dann im Ozean verläuft. Wie anders ist oft der Mensch: Wie er alle Energien mobilisiert, um Wasser hinaufzupumpen, so pustet er sich oft selbst auf, um ja nach oben zu kommen.

Neben der Demut steht die Keuschheit. Wir haben es heute schwer mit ihr - nicht nur im Leben; auch wenn wir darüber sprechen sollen, stoßen wir oft an die Grenzen der Sprache. Wenn Franziskus die Keuschheit des Wassers rühmt, dann hat er wohl die Reinheit im Blick – einer sprudelnden Quelle oder eines Sees, der die Landschaft spiegelt. Unvergesslich sind Sonnenuntergänge, die wir durch den Spiegel des Sees doppelt sehen, auch hier am Bodensee. Vielleicht finden wir über das Bild des Wassers neuen Zugang zur Keuschheit. Trübes Wasser ist nicht mehr rein, es ist undurchsichtig, verschwommen, schmutzig.

Wer möchte, kann sich sehr konkret mit dem Wasser beschäftigen: Welche Erfahrungen verbinde ich mit Wasser? Meine ersten Schwimmversuche? Untiefen des Wassers? Wasser, das trägt - wie etwa das berühmte Zeitungslesen auf dem Toten Meer! Hilfe, ich gehe unter! Eine beruhigende Stunde in der Badewanne! Wellen und Wogen in meinem Lebenswasser.

Wenn wir kleine Kinder taufen oder auch als Erwachsene die Taufe empfangen, es geht immer um das Eine: uns reinigen lassen; ein reines, d.h. aufrichtiges, ehrliches Leben führen; klar und transparent sein. Dazu gehört, den Menschen als Krone der Schöpfung zu würdigen; daraus folgt, dass die Würde des Menschen unantastbar und damit zu schützen ist – von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Gerade Getaufte schützen das menschliche Leben. Da wünsche ich mir wieder mehr ökumenischen Schulterschluss. Der Schutz des menschlichen Lebens darf uns aber nicht vergessen lassen, dass die ganze Schöpfung wie eine Familie ist, dass wir verschwistert sind mit allem, was lebt. Das bedeutet: Wo die Schöpfung auf der Strecke bleibt, wird auch der Mensch scheitern. Diese Zeit, die wir gerade erleben und erleiden, zeigt es uns. Wir werden als Menschen nur überleben, wenn wir als Treuhänder die ganze Schöpfung hegen und pflegen. Doch wenn der „Garten Gottes“ krank ist, wird auch der Mensch Schaden nehmen; er wird leiden und sterben. Der durcheinandergeratene Wasserhaushalt zeigt es uns: Überschwemmungen, Flutkatastrophen und extreme Dürre sind Anzeichen dafür, dass das „globale Haus“ nicht mehr im Lot ist.

Wenn jedoch als „Alternative für Deutschland“ vertreten wird, dass es weder einen Klimawandel noch eine Umweltkatastrophe gibt, ist das mehr als traurig; solche Behauptungen entsprechen nicht der Wahrheit. Sie sind Fake News. Lassen wir uns davon nicht blenden! Es geht nicht um Panikmache, sondern um Ehrlichkeit. Ein sinnvoller Weg in die Zukunft führt nur über die Bewahrung der Schöpfung. Das ist kein Monopol der Grünen, sondern betrifft alle Farben, die das Panorama der politischen Parteien ausmachen. Hören wir nochmals Franziskus: "Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser. Es ist nützlich und demütig, kostbar und keusch." So gesehen, ist das Element Wasser ein Barometer für die Wetterlage des Lebens.