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Predigt in der Basilika St. Anna-Altötting
zur Eröffnung der Wallfahrtssaison am 1. Mai 2023

Das Fest einer Großen Marianischen Koalition

01.05.2023 11:30

Lieber Wallfahrtsrektor Prälat Dr. Metzl, lieber Klaus! Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Bis heute ist es bei jüdischen Hochzeiten Brauch, dass der Bräutigam ein Glas mit seinen Füßen zertritt. Die ganze Hochzeitsgesellschaft ruft: „Masel tov!“, was wörtlich übersetzt heißt: Einen guten Stern!

Übertragen bedeutet es: Viel Glück! Die Gäste wünschen dem Hochzeitspaar viel Massel! Nebenbei bemerkt: Auch im mittelbairischen Sprachgebiet kennen wir den Ausdruck „Masel“ oder „Masen“ für „Glück“. Das kommt etwa in der Redewendung „a Mas’l / Mas’n hom“ zum Ausdruck. Und für die Fußballfans noch ein besonderes Bonmot zum Masel: Man braucht kein Fan des FC Bayern zu sein, um zu wissen, was das berühmte Bayern-Dusel ist: Die Mannschaft hat Glück, oft in der Schlussphase fällt das Siegtor: wieder einmal Massel gehabt!

Ganz anders die Situation in Kana. Stellen wir uns einmal die Szenerie des heutigen Evangeliums lebhaft vor Augen: Das berauschende Fest einer Hochzeit steigt mit allen Schikanen. Es wird ausgiebig gelacht und getanzt, gegessen und getrunken. Dann der Eklat: Der Wein geht aus. Die Party droht zu platzen. Welch eine Blamage für die Neuvermählten, die Hochzeit scheint vermasselt. Doch wie erklärt sich die Intervention Marias? Warum greift sie ein? Nach jüdischem Brauch war es üblich, dass die Gäste nicht nur zum Mitfeiern eingeladen sind, sondern sich auch einzelne Familien um Geschenke kümmern oder um Essen und Trinken. Wenn Maria ihren Sohn darauf hinweist, dass sie keinen Wein mehr haben (vgl. Joh 2,3), dann können wir daraus schließen, dass die Familie um Jesus sich wohl verpflichtet hat, für ausreichend Wein zu sorgen. Sie Jesus-Familie hatte sich wohl verschätzt und das auf Kosten der Eheleute – was für ein Schlamassel!

Situationen, in denen uns gleichsam der Wein ausgeht, in denen wir selber nichts mehr bieten können, kennt sicherlich jede und jeder von uns. Situationen, in denen wir keine Geduld und Nerven mehr haben, in denen wir müde geworden sind. Situationen, in denen uns die Energie und Freude fehlt, weil wir uns erschöpft und verbraucht fühlen – wie die leeren Weinkrüge von Kana.

Woher dann die Kraft nehmen? Wie werden unsere Krüge wieder voll? Der weitere Blick auf das Evangelium weist uns den Weg. Maria ist unsere Pfadfinderin. Zunächst weist sie auf die leeren Krüge hin. Dafür handelt sie sich eine schroffe Abfuhr ihres Sohnes ein: „Frau, was willst du von mir?“ (Joh 2,4) Jesus ist kein automatischer Wunderdoktor, kein „Tischlein-Deck-Dich“, kein Lückenbüßer für unsere Fehler. Das heißt: Mit Jesus fängt kein sorgenfreies Leben an. Er nimmt uns die Lasten nicht ab, aber er hilft sie uns tragen. Wenn unsere Möglichkeiten ausgeschöpft sind, steht Jesus bereit. Maria gibt uns den guten Rat: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5) Marias guter Rat – Jesu Stunde schlägt.

Es ist das Hinhören auf seine Worte, die uns in der Krise Hoffnung geben, wenn wir nichts mehr haben, woraus wir schöpfen können: „Füllt die Krüge mit Wasser!“ (Joh 2,7) Es ist die Aufforderung an uns, die steinernen Krüge mit „unserem Wasser“ zu füllen: mit dem Wasser unserer Lustlosigkeit und Erstarrung, unserer Engherzigkeit und Mittelmäßigkeit. In die Krüge der Liebe Gottes dürfen wir alles hineinschütten, was uns belastet – wirklich alles: unser vergebliches Mühen und unsere Enttäuschung, unseren Ärger und unser Misslingen, unsere Schwierigkeiten, Ängste und alles, was uns belastet. Wir dürfen die Krüge füllen, sei es laut weinend, sei es stumm klagend - bis zum Rand (vgl. Joh 2,7). Das steht ausdrücklich da: „Und sie füllten die Krüge bis zum Rand“, bis zum Überlaufen. Wie das Wasser sich in Wein verwandelte, so können wir auf Gottes Wort vertrauen, dass unsere „wässrigen Halbheiten“ sich wandeln in den Wein der Freude. Was für eine Botschaft! Tun wir dies im Gebet, trauen wir seinem Wort und beherzigen wir Marias guten Rat: „Was er euch sagt, das tut.“

Dazu helfen uns besondere Zeiten und Orte, Heiligtümer wie Altötting, zu denen wir uns bewusst aufmachen. Wir brechen aus der „Lethargie des Alltags“ aus, wir durchbrechen das „Hamsterrad unserer Rastlosigkeit“, um die heilende Nähe Gottes zu erfahren und die stärkende Gemeinschaft Gleichgesinnter. Wallfahrtsorte sind „Anders-Orte“, die uns die Gegenwart Gottes spüren lassen. Hier nimmt er nicht nur unsere Nöte und Wünsche wahr, sondern auch unseren Dank und unser Lob entgegen. Vergessen wir das bitte nicht!

Heute eröffnen wir hier in Altötting die neue Wallfahrtssaison. Sie steht unter dem Motto: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“ (Mt 28,20b) Ein Bogen spannt sich auf von Jesu erstem öffentlichen Auftritt bei der Hochzeit zu Kana bis hin zum letzten Wort aus dem Matthäusevangelium. Es geht um den Immanuel, den Gott mit uns. Jesu Versprechen geht sein Auftrag voraus, in die Welt hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden. Damit weitet sich der Horizont und der Auftrag Jesu an uns: Eure Wallfahrt ist mehr als ein frommer Brauch, es ist der Beginn einer Mission: Ite, missa est. Geht, eure Mission fängt an! Setzt euch in Bewegung! Seid missionarische Jüngerinnen und Jünger!

Geradezu als Kontrastprogramm empfinde ich die Stimmung, die sich wie Mehltau über die Kirche in Deutschland gelegt hat. Im Blick auf die innerkirchlichen Diskussionen kommt es mir vor, dass wir wie in ein Korsett eingezwängt und darin „gefangen“ sind. Wir schnappen nach Luft, aber uns fehlt der frische Wind des Heiligen Geistes. Könnte es sein, dass wir die rechte Balance verloren haben zwischen Strukturreformen und geistlicher Erneuerung? Ich frage mich: Werden wir dem jesuanischen Auftrag denn (noch) gerecht, umzukehren und den „neuen Weg“ einzuschlagen, den Jesus begonnen hat? Unsere Sprache verrät uns, wenn wir ständig von der deutschen Kirche sprechen anstatt von der Kirche in Deutschland. Ob wir’s wahr haben wollen oder nicht: Es ist nicht unsere Kirche, sondern die Kirche Jesu Christi. Die Oberhoheit in der Kirche haben nicht wir, so aktiv wir auch sein mögen. Herr im Haus der Kirche ist Jesus Christus und sein Heiliger Geist. Die innerkirchliche Lage wird dadurch noch dramatischer, dass wir auch mit Gegenwind von außen zu kämpfen haben. Wir sind z.T. scharfer und bissiger Kritik ausgesetzt. Für den katholischen Glauben einstehen: Das ruft oft Unverständnis und Verwunderung hervor. Nachfolge Jesu kann trotzdem nicht bedeuten, sich aus der Welt einfach „ins Fromme“ zurückzuziehen. Gilt es doch, von der Hoffnung Zeugnis zu geben, von der wir selbst erfüllt sind. Wir sollen hineinwirken in die Welt als Salz und Licht. Wir sind zwar nicht von der Welt, aber wir sind in der Welt, um dieser das Evangelium einzuprägen. Maria hat durch ihr Ja-Wort beigetragen, die Welt menschlicher zu machen, indem sie Gott als Mensch ausgetragen hat. Dafür sind wir ihr unendlich dankbar. Ohne Maria gäbe es keinen Heiland und Erlöser. Ist uns das bewusst?

Ohne Marias Zustimmung hätte Gottes Menschwerdung so nicht stattgefunden. Gott hätte einen anderen Weg wählen müssen, um bei uns anzukommen. Die Mutter Gottes hat sich ganz in den Dienst nehmen lassen. Ohne zu wissen, was im Einzelnen auf sie zukommen sollte, hat Maria den Blankoscheck des großen Jaworts eingelöst mit dem Kleingeld des Alltags. Bis heute haben wir in ihr eine „himmlische Verbündete“. Denn sie selbst hat Not und Trauer, Leid und Schmerz erfahren und ist doch daran nicht zerbrochen. Danke allen, die heute gekommen sind, um die „Große Marianische Koalition“ in Altötting öffentlich zu machen. Sie haben richtig gehört: Am 1. Mai feiern wir die GMK, die Große Marianische Koalition. Sie ist in unseren Zeiten wichtiger denn je.

Die Große Marianische Koalition betreibt keine Kirchenpolitik, sondern trifft sich als Gemeinschaft derer, die auf Marias Jawort bauen und sich ihm anschließen. In der Bildsprache des letzten Buches der Bibel hörten wir in der Lesung, welche Folgen der Seher Johannes Marias Jawort beimisst: Ihr Sohn Jesus bricht die Macht des Bösen. In der Gestalt eines Drachens bäumt er sich zwar ein letztes Mal auf, kampflos will er das Feld nicht räumen. Doch „jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten.“ (Offb 12,10) Genau in dieser Spannung von „schon“ und „noch nicht“ bewegen wir uns: Einerseits ist mit Jesu Tod und Auferstehung das Reich Gottes schon angebrochen, andererseits harren wir noch auf dessen Vollendung! In dieser Zwischenzeit gilt es für jede Christin und jeden Christen, sich tagtäglich zu bewähren. Ein Paradebeispiel dafür ist der hl. Bruder Konrad.

Der hl. Papst Johannes Paul II. sagte bei seinem Besuch in Altötting am 18. November 1980 über ihn: „Wir sehen ihn in seiner Zelle knien – vor dem Fensterchen, das man ihm eigens durch die Mauer gebrochen hatte, damit er immer zum Altar der Kirche schauen konnte. Durchbrechen auch wir mitten im Alltag die Mauer des Sichtbaren, um immer und überall den Herrn im Auge zu behalten.“ Bruder Konrad hat die Mauer des Sichtbaren durchbrochen, auf den unsichtbaren Gott geschaut und von ihm her sein Leben geformt. Dadurch lehrt uns der Heilige das eine Notwendige, auf das es auch bei uns ankommt. Wir müssen den Bereich des Sichtbaren, Zählbaren, Messbaren, Berechenbaren überschreiten, Gott suchen, in der Begegnung und im Gespräch mit Ihm leben und aus dieser Gemeinschaft mit Gott unser Leben gestalten. Das Wort des Bruders Konrad gilt auch für uns: „Das Kreuz ist mein Buch.“ Wenn wir das Kreuz anschauen und darin entdecken, wie sehr Gott uns liebt, werden auch wir wie Bruder Konrad erkennen, wie wir zu leben haben.

Hören wir auf die Stimme des schweigsamen und darum so eindringlich rufenden Pförtners von Altötting und folgen wir ihr. Bruder Konrad war ein Freund Mariens.  Bruder Konrad, du heiliger Pförtner, führe uns zu Maria, der Pforte des Himmels, und zeige uns, wie wir selbst einander die Tür ins Leben öffnen können, die Tür zum Leben in Fülle. Dabei braucht uns wegen der Herausforderungen und Krisen nicht bang zu sein. Maria gibt uns den guten Rat: Was ER euch sagt, das tut! Mit diesem guten Rat dürfen wir die Zukunft wagen. Amen.