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Predigt zur Eröffnung des ADORATIO-Kongresses
in der St. Anna-Basilika in Altötting am 9. Juni 2023

"Am wichtigsten aber ist die Treue"

09.06.2023 19:00

"Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Brecht das Doppeljoch entzwei! Brecht die Not der Sklaverei! Brecht die Sklaverei der Not! Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!" Kennt jemand den Dichter dieser Zeilen? Es handelt sich um das sog. Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein: ein Lied, das lange verboten war. [1] Der Dichter heißt Georg Herwegh (1817-1875).

Zwar ist der deutsche Lyriker im Neuen Conrady verzeichnet, doch den meisten blieb er unbekannt; selbst Günter Jauch würde vergebens nach ihm fragen. Als 46-jähriger schrieb Herwegh das Gedicht im April 1863 im Schweizer Exil, fast auf den Tag genau 15 Jahre nach seiner Beteiligung an der Osterrevolution im deutschen Südwesten.

Brecht das Doppeljoch entzwei!

Brecht die Not der Sklaverei!

Brecht die Sklaverei der Not!

Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

 

Welches Kontrastprogramm legt Pater Alfred Delp auf, wenn er das Motiv von Brot und Freiheit aufgreift [1] und im Gefängnis mit gefesselten Händen schreibt:

Brot ist wichtig. Die Freiheit ist wichtiger.

Am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.

 

Georg Herwegh hat behauptet:

Bet’ und arbeit’! ruft die Welt,

bete kurz! Denn Zeit ist Geld.

An die Türe pocht die Not.

Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.

  

Alfred Delp hält dagegen:

Brot ist wichtig. Die Freiheit ist wichtiger.

Am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.

Georg Herwegh – Alfred Delp: der revolutionäre Dichter und der mutige Jesuit, das Bundeslied der Arbeiterbewegung und das Lebensmotto eines bekennenden Christen. Wie passt dieses ungleiche Paar zusammen? Gerade der Gegensatz zeigt, worum es uns Christen geht, was unser Anspruch ist: Katholiken sind weder Macher noch Weltverbesserer aus eigener Kraft. Was sie anbieten, ist nicht selbstgemacht, sondern Gottes Gabe: Geschenk des Himmels. Was bieten wir den Menschen an?

Brot ist wichtig. Das ist klar. Wir leben vom Brot. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Doch leben wir nur vom Brot? Vierzig Tage und vierzig Nächte hat Jesus gefastet. Er hat nicht nur zum Schein gehungert. In der Wüste hat Jesus am eigenen Leib Hunger gelitten. Ohne Brot in der Wüste kommt er in Versuchung, das Stillen des leiblichen Hungers zum alles beherrschenden Ziel des Lebens zu erklären, nicht nur zu denken: Wenn der Mensch leben will, muss er essen, sondern: Wenn der Mensch glücklich sein will, muss er möglichst viel in sich hineinstopfen, ein breites Angebot konsumieren, sich zu Tode amüsieren. Mit „Brot und Spielen“ wollten schon die Herrscher der Antike dem Volk das Maul stopfen.

Bis heute liegt die Versuchung darin, die Menschen still zu halten mit oberflächlicher Befriedigung. Doch die Sehnsucht nach innerer Erfüllung lässt sich nicht übertünchen mit vielerlei Formen des Materialismus. Gerade bei jungen Leuten meine ich festzustellen, dass nicht wenige enttäuscht sind von unserer konsumorientierten und permissiven Gesellschaft. Schuften und schaffen, damit mein Konto immer dicker wird, das allein kann es nicht sein. Von einem Kick, von einer Fete, von einem Event zum anderen taumeln, das bringt keine Erfüllung. In allem ist etwas zu wenig.

Gemessen an der tiefsten Sehnsucht des Herzens gleicht das Angebot der Erde den Steinen in der Wüste. Die machen uns letztlich nicht satt. Es ist teuflisch, die Steine als Brot auszugeben, das Vorläufige zum Endgültigen zu erklären. Wenn wir dieser Versuchung verfallen, dann liegt es uns wie ein Stein im Magen, gerade dann, wenn wir zu viel in uns hineingestopft haben. „Befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird!“ Nein, sagt Jesus: „Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ Wir werden nicht ärmer, sondern reicher, nicht hungriger, sondern erfüllter, wenn wir uns von Gott ernähren lassen. Deshalb gibt es kein besseres Angebot, das wir Christen den hungrigen Menschen heute machen können, als ihren Hunger zu stillen in Gott. Jesus selbst hat vorgemacht, wie es geht. Er gibt nicht etwas, er schenkt sich selbst. Er wird zum Brot, von dem wir zehren: „Das Brot, das ich euch geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (Joh 6,51). Geteiltes Brot, Brot der Liebe, Gottes Brot! Davon lebt der Mensch.

Brot ist wichtig. Die Freiheit ist wichtiger. Keine Frage: Freiheit ist ein Grundwort unserer Zeit. Freiheit klingt gut: ein großes Wort, ein zerbrechliches Gut. Doch geht es uns vielleicht manchmal zu schnell über die Lippen? Freiheit darf nicht zum Spielball werden. Wir dürfen die Freiheit nicht vor den eigenen Karren spannen. Wie viel ist schon im Namen der Freiheit gefordert worden – auch in der Kirche? Einst überspannten Reformatoren den Bogen im Namen der „Freiheit eines Christenmenschen“; Theologen meinen heute, sie müssten im Memorandum Kirche 2011 „die Freiheitsbotschaft des Evangeliums als Maßstab für eine glaubwürdige Kirche“ nehmen. Umso wichtiger ist es, dass wir Christen wissen, was wir mit „Freiheit“ meinen. Die Bibel kennt keine Allerweltsfreiheit. Es geht um die herrliche Freiheit der Söhne und Töchter Gottes.

Wir Christen sind zur Freiheit berufen, nicht trotz des Glaubens, sondern aufgrund unseres Glaubens. Die Geschichte der wahren Freiheit beginnt in Gott. Gott bürgt für Freiheit. Viele Menschen sehen das heute anders. Mehr noch: Sie wollen frei sein von Gott, sich von ihm emanzipieren, zu deutsch: sich seiner Hand entziehen. „Autonome Moral“ heißt diese Freiheit, die den Halt in Gott nicht braucht. Das hat Folgen. Im Lied der Arbeiterbewegung werden Brot und Freiheit gleichgesetzt. In diesem Sinn hat Karl Marx geäußert, der Mensch sei frei, wenn er die Möglichkeit habe, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, nach dem Essen zu kritisieren, wie er gerade Lust hat …“ Wenn das der Inbegriff von Freiheit ist, dann erscheint jede Bindung als Fessel der Freiheit. Doch Freiheit ist weder Beliebigkeit noch totale Unabhängigkeit. Freiheit braucht Bindung. Wahre Freiheit weiß sich gebunden in Gott.

Weil Gott uns Menschen an der langen Leine lässt, sind wir frei. Das ist das Risiko, das Gott eingeht, indem er uns frei lässt. Um dieses Risiko der Freiheit weiß auch Paulus: „Ihr seid zur Freiheit berufen. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe. (…) Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und ähnliches mehr“ (Gal 5, 13. 19-21). Kommt uns das vielleicht bekannt vor? Freiheit der Kinder Gottes heißt nicht Selbstverwirklichung auf Kosten anderer, sondern Selbstbeschränkung. Der Mensch darf nicht alles, was er kann. Christliche Freiheit zielt nicht darauf ab, sich nach Lust und Laune die schönen Seiten des Lebens selbst zu nehmen, sondern das Leben für andere zu geben.

Diese Überzeugung ist in Pater Alfred Delp immer mehr gewachsen, je fester seine Hände von den Schergen der Nationalsozialisten gebunden wurden. Brot ist wichtig. Die Freiheit ist wichtiger. Am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung. An Epiphanie 1945, vier Wochen vor seiner Hinrichtung, hat Pater Delp eindrucksvoll entfaltet, wie er ungebrochene Treue und unverratene Anbetung versteht: „Wer nicht in einer Atmosphäre der Freiheit zuhause ist, die unantastbar und unberührbar bleibt, allen äußeren Mächten und Zuständen zum Trotz, der ist verloren. Der ist aber auch kein wirklicher Mensch, sondern Objekt, Nummer, Statist, Karteikarte. (…) Die Geburtsstunde der menschlichen Freiheit ist die Stunde der Begegnung mit Gott. (…) Wenn der Mensch nur gerufen wird und wenn er sich nur rufen lässt! (…) Die freie und vorbehaltlose Begegnung mit dem Herrgott erst gibt dem Menschen seinen eigenen Raum. (…) Adoro und Suscipe sind die beiden Urworte der menschlichen Freiheit. Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen. (…) Adoro und Susipe: ihr Urworte des Lebens, ihr geraden und steilen Wege zu Gott, ihr Tore in die Fülle, ihr Wege des Menschen zu sich“.[2]

Adoro und Suscipe: Anbetung und Hingabe. Darin liegt auch der Gipfel unserer heutigen Feier. Sogar ein Mensch, der sich areligiös nennt, betet etwas an. Er geht nicht vor Gott in die Knie, dafür vor Scheinwerten und Ersatzgütern. Die Anbetung ist nicht aufgehoben, sie hat sich nur verschoben. Müsste uns die Geschichte nicht die Lektion erteilen, dass Gutes nicht mit geballten Fäusten kommt, sondern von gefalteten Händen?

Um dies zu zeigen, möchte ich ein Bild lassen. Es zeigt eine Custodia, eine kleine Monstranz, die im Mutterhaus der Schwestern vom armen Kinde Jesus in Aachen steht. Egino Weinert hat sie gefertigt aus zweihundert Professringen verstorbener Schwestern. Die Ringe sind weit und eng, sie stehen für die Berufung einer jeden Schwester. Sie künden von den Jahren und Jahrzehnten, in denen die Schwestern ungebrochene Treue und unverratene Anbetung lebten. Sie taten es ganz persönlich, aber nie allein. Deshalb sind die Ringe miteinander verbunden. Gemeinsam erfüllen sie die Aufgabe, Monstranz zu sein, hinzuweisen auf den, ohne den sie ein totes Gefäß wären. Erst von der Mitte her, von der Hostie, die sie sichtbar machen, gewinnt das Ineinander der Ringe Sinn und Kraft.

Die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie ist ein Prüfstein unseres Glaubens. Jesus Christus in der Hostie schweigt, während das Leben – auch das kirchliche - so fordernd ist und laut, so voller Aktivität und Leistungsdruck. Aber die Kirche ist kein Hamsterrad, sondern eher eine Art Ruhebank: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Bei der Anbetung brauchen wir nichts tun, wir dürfen ausruhen beim Herrn. So stellt uns die Custodia Fragen, die ich Ihnen mitgeben möchte:

Brauchen wir nicht gerade heute die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung in einer Zeit, in der die Treue oft gebrochen und die Anbetung nicht ausgehalten wird? In den Bannkreis der Hostie darf ich mein ganzes Leben stellen: die Anliegen der Kirche, die Nöte der Welt, meine persönlichen Bitten, die ungelösten Fragen und die noch nicht verwirklichten Pläne.

Könnten wir den Gedanken der Monstranz nicht noch weiter spannen? Wie wäre es, wenn wir nicht nur Professringe einbrächten, sondern auch Eheringe? Nicht zu vergessen die Ringe der Bischöfe und Äbte? Gerade wir stehen ja unter dem Anspruch, Zeichen zu sein für die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung. Schärfen wir den Blick auf das Grundnahrungsmittel der Katholiken - Jesus Christus im heiligen Brot.  

Bet’ und arbeit’! ruft die Welt,

bete kurz! Denn Zeit ist Geld.

An die Türe pocht die Not.

Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.

Die Osterrevolution, die den Dichter einst zu diesem „Bundeslied“ inspiriert hat, ist gescheitert. Sie war selbstgemacht. Die göttliche Revolution an Ostern, von der unser verstorbener Papst Benedikt XVI. gern gesprochen hat, ist im Rollen, solange Menschen wie Alfred Delp bezeugen: Brot ist wichtig. Die Freiheit ist wichtiger. Am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.              

[1] In: Gesammelte Schriften IV (Aus dem Gefängnis), hrsg. von Roman Bleistein, Frankfurt am Main 1984, S. 236 (Meditation zum Vaterunser).

[2] Gesammelte Schriften IV (Aus dem Gefängnis), hrsg. v. Roman Bleistein, Frankfurt a. Main 1984, S. 217-219.