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Predigt anlässlich des Jubiläums 300 Jahre St. Johannes Baptist
in Kaufering am 25. Juni 2023

„Johannes als Patron ist ein Programm.“

26.06.2023 12:50

Drei Häuser sind es, die ich mit Kaufering verbinde. Zunächst denke ich an mein Elternhaus in der Ringstraße 27, heute heißt die Adresse im Gedenken an meinen viel zu früh verstorbenen Vater „Hans-Meier-Straße 8“. Hier habe ich meine unbeschwerte Kindheit und Jugend verbracht.

Dann erinnere ich mich an das Schulhaus, wo ich die ersten vier Klassen besuchte und viele Freunde fand. Neben dem Elternhaus und dem Schulhaus war mir noch ein anderes Haus wichtig: das Gotteshaus. Meine Liebe zum Gotteshaus müssen sich allerdings zwei Kirchen teilen: die Heimatpfarrkirche Mariä Himmelfahrt nur wenige Meter von meinem Elternhaus entfernt, wo ich jahrelang Ministrant war, und die Mutterkirche St. Johann, mit der ich viele Erinnerungen verbinde, z.B. meine erste Beichte. So bin ich heute gern bei Ihnen in St. Johann Baptist. Es gibt einen Grund zu feiern – und wie lautet doch das Sprichwort: Keine Feier ohne Meier! Ich freue mich sehr, mit Ihnen das 300jährige Jubiläum Ihrer Kirche zu begehen. Am 23. November 1723 hat sie der Augsburger Weihbischof Johann Jakob von Mayr (1718-1749) eingeweiht. Schon damals wurde dieses Gotteshaus bei einer Visitation im Jahre 1707 als „prachtvoll und für eine Dorfkirche […] sehr schön“[1] beschrieben. Ich meine, dass man diesen Worten bis heute voll zustimmen kann. Das Meisterwerk des Vorarlberger Baumeisters Michael Natter ist gerade im Zusammenspiel mit der kunstvollen Stuckierung von Johann und Joseph Schmuzer beeindruckend. Von den prächtigen Altären über den üppigen Figurenschmuck bis zu den kostbaren Deckengemälden - hier gibt es viel zu entdecken und zu bewundern, doch möchte ich dem Vortrag von Prof. Dr. Ferdinand Kramer nicht vorgreifen, der heute Nachmittag ja noch einiges über dieses barocke Schmuckstück St. Johann in Kaufering sagen wird. Stattdessen wollen wir, ausgehend vom Namenspatron dieser Kirche, dem hl. Johannes dem Täufer, über den Auftrag der „Verkündigung“ nachdenken, der uns als Christen alle gleichermaßen angeht.

1. Jesus als Ziel aller Verkündigung

Schauen wir zunächst in die erste Lesung des Propheten Jesaja, die wir vorhin gehört haben. Da ist von einem Gottesknecht die Rede, in dem viele später ein Bild für Christus erkannten. ER ist es, den der Herr schon im Mutterleib zu seinem Diener erwählte: er sollte den Menschen die frohe Botschaft künden. Dass es nicht nur um die Befreiung des Volkes Israel aus der babylonischen Gefangenschaft geht, wird schon in den ersten Worten deutlich: „Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne!“ (Jes 49,1) Die Mission des Gottesknechts liegt nicht nur darin, „die Stämme Jakobs wiederaufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen“ (Jes 49,6). Der Herr will seinen Diener vielmehr zum „Licht der Nationen“ machen, dessen „Heil bis an das Ende der Erde reicht“ (Jes 49,6). Paulus wird es später in der Synagoge von Antiochia so deuten, dass die ganze Geschichte der Welt auf diesen einen Moment zuläuft, in dem Gott seinen Sohn „Jesus als Retter geschickt“ (Apg 13,23) hat, um allen Menschen das „Wort des Heils“ (Apg 13,26) zu verkünden. Der erste Verkünder und das Ziel aller Verkündigung ist demnach Christus, auf dessen Kommen sich Johannes der Täufer so gefreut hat, dass er bereits vor seiner Geburt im Bauch seiner Mutter zu hüpfen begann, wie das Lukasevangelium erzählt (vgl. Lk 1,41). Später wird er beim Anblick Jesu an den Ufern des Jordan rufen: „Ecce, agnus Dei“ - Seht, das Lamm Gottes“ ist zu uns gekommen. Die Figur auf dem Tabernakel am linken Seitenaltar zeigt es: Mit dem Kreuzstab in der Hand weist Johannes darauf hin, dass dieser Jesus jenes Lamm ist, das sich für uns hingibt und alles zum Guten wendet. So besteht unsere wichtigste Aufgabe darin, in der Nachfolge des Täufers auf Jesus hinzuweisen und dessen Botschaft von der Liebe Gottes in die Welt zu tragen. Johannes als Patron ist ein Programm. Das gilt für diese Pfarrkirche, das betrifft auch mich.

Bewusst habe ich daher vor drei Jahren ein Wort des Kirchenvaters Augustinus für mein Bischofsmotto gewählt. Mit ganzer Kraft will ich als Bischof, der mit zweitem Namen Johannes heißt, dem Beispiel des Rufers in der Wüste folgen und „vox Verbi“ – „Stimme des Wortes“ sein. Dem Wort Gottes, das in Jesus Mensch geworden ist, will ich meine Stimme leihen. Dabei tut es gut zu wissen, mit der eigenen Stimme nicht allein zu sein. Ich habe es hier in Kaufering in der Familie erlebt, wie Eheleute, Eltern und Großeltern durch ihr glaubwürdiges Zeugnis Jesus ihre Stimme gaben. Während meiner Jahre in Rom durfte ich dann erfahren, wie vielstimmig der Chor all derer ist, die das Wort zum Klingen bringen – in ihrer Muttersprache, in ihrem Land, in ihrer Kultur. Viele Menschen wurden so für mich zu positiven Beispielen und Vorbildern, die mir Mut machten. Doch wie sieht es heute aus?

2. Vergebliche Liebesmühe? Kirchliche Verkündigung in Zeiten der Krise

Nüchtern stellen wir fest, dass immer weniger Menschen Gott ihre Stimme anbieten, was sich bestimmt nicht nur an den deutschlandweit geringen Eintrittszahlen in Priesterseminaren festmachen lässt. Verkündigung ist keine Sache nur von Klerikern und hauptamtlichen Mitarbeitern der Kirche. Ich erinnere daran, dass Jesus keinen einzigen Theologen oder Priester in seinen Kreis der Apostel berufen hat. Wir alle sind durch Taufe und Firmung zur Verkündigung gerufen! Aber überlegen Sie mal, wie viele Leute Sie im Bekanntenkreis haben, die aus voller Überzeugung sagen würden: Ja, ich bin Christ, und möchte diesem Jesus in Wort und Tat nachfolgen. Fragen Sie sich selbst: Könnten Sie ein solches Zeugnis auch in öffentlicher Runde ablegen? Wir leben in einer Zeit, in der Glaube immer mehr zur Privatsache wird. Als Kirche sind wir nach einer Reihe an Skandalen und dem massiven Verlust an Glaubwürdigkeit wesentlich kleinlauter geworden. Unsere Verkündigung hat an Kraft eingebüßt, auch weil wir uns über unseren Glauben in einigen Punkten nicht mehr im Klaren oder einig sind. So mag es uns an manchen Tagen vielleicht ergehen, wie Jesaja schreibt: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan.“ (Jes 49,4) Doch vergessen wir dabei häufig einen entscheidenden Punkt: Unsere Stärke und damit auch die Überzeugungskraft unserer Verkündigung liegt nicht bei uns, sondern allein in Gott (vgl. Jes 49,5)! Aus diesem Grund muss es als Kirche unser oberstes Gebot sein, in erster Linie IHN wieder zu suchen und uns von SEINEM Geist durchdringen zu lassen. Der hl. Bernhard von Clairvaux kritisierte bereits im 12. Jahrhundert, dass Leute der Kirche den Glauben weitergeben wollen, obwohl sie sich selbst noch gar nicht mit der Freude und dem Schatz der Liebe Gottes haben füllen lassen. Sein Rat, den ich mir als zweiten Teil meines Bischofsmottos gewählt habe, ist daher, „vas gratiae – Schale der Gnade“ zu sein. Die Schale wartet, bis sie gefüllt ist, und gibt dann weiter, was bei ihr überfließt, ohne selbst jemals leer zu werden. Was das konkret heißen kann, sehen wir am Leben Johannes‘ des Täufers.  

3. Umkehren wie Johannes

Schon kurz nach der Geburt fragten sich die Leute im Bergland von Judäa: „Was wird wohl aus diesem Kind werden?“ (Lk 1,66); eine Frage, die sich vermutlich viele Eltern beim Anblick ihres Kindes stellen. Johannes wuchs zunächst als kleiner Junge heran und es ist eine Besonderheit dieser Pfarrkirche, dass ganz oben an der Spitze der Kanzel eine Figur des Täufers als Knabe steht. Mit zunehmendem Alter spürte der junge Mann offenbar schon früh seine Berufung. Er zog in die Wüste und überließ sich ganz dem Willen Gottes. Schließlich kam ihm - erfüllt vom Heiligen Geist - die Erkenntnis, dass es sein Weg war, eine Stimme in der Wüste zu sein, um dem Herrn den Weg zu bereiten (vgl. Jes 40,3). Die entscheidende Botschaft ist dabei die innere Umkehr. Nicht mehr das Streben nach Macht, Ansehen und Reichtum sollen unser Leben bestimmen, sondern die Ausrichtung auf Gott, der allein uns Frieden und Glückseligkeit schenken kann. Gilt das nicht heute noch? Wie viele Menschen sind frustriert und ausgelaugt; sie sehen keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Doch ich bin überzeugt, dass wir alle, unabhängig von der Lebensform, Raum für das Empfangen brauchen, Zeiten der Stille, der Erholung und des Gebets.

Liebe Schwestern und Brüder,

lassen Sie mich zum Schluss noch einmal auf den hl. Bernhard von Clairvaux zurückkommen und mit einem Zitat schließen, das treffend zusammenfasst, wie wir Christen Verkündigung so verstehen können, dass sie für uns selbst und für andere zum Segen wird. Der Zisterzienser und Kirchenlehrer sagt: „Achten wir […] darauf, dass uns vieles eingegossen werden muss, bevor wir das Ausgießen wagen können. Dann erst werden wir zum Lobe und zur Ehre unseres Herrn Jesus Christus wirken können, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in Ewigkeit.“    

[1] Schaelow-Weber, Karen/Marxer, Norbert: Kaufering St. Johannes Bapt. (Kirchenführer), hg. vom Kath. Pfarramt St. Johannes Bapt., Passau 2002.