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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier im Pontifikalamt zum Ulrichsfest in Krumbach (Hürben)

"Den Lärm der Welt hinter sich lassen“

02.07.2023 12:00

Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus. Wir können es kaum erwarten. So auch heute. Das Hochfest des hl. Ulrich feiern wir offiziell erst in zwei Tagen; dennoch nehmen wir jetzt schon hier in St. Ulrich Hürben einen Anlauf, um unserem Bistumspatron sozusagen das Tor zum Jubiläumsjahr weit aufzustoßen!

Unsere Feier steht unter dem Motto: „Mit dem Ohr des Herzens“: ein Zitat aus der ältesten Lebensbeschreibung des Heiligen, die von seinem Begleiter, Dompropst Gerhard, zwanzig Jahre nach Ulrichs Tod 993 verfasst wurde. Extrem wenige Personen aus dem 10. Jahrhundert sind nach über 1000 Jahren so plastisch präsent wie diese Gestalt, die auf der Burg in Wittislingen aufwuchs, bei den Benediktinern in St. Gallen zur Schule ging und mit 33 Jahren Bischof von Augsburg wurde!

Wenn Ulrich empfiehlt, alles „sorgfältig mit den Ohren des Herzens wahrzunehmen“ (Vita I,9: auribus cordis caute perspicere) stand ihm dabei ganz sicher der Beginn der Regula Benedicti, der Benediktsregel, vor Augen. Ihr stellte der abendländische Mönchsvater die liebevolle Mahnung voran: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat“ (Prolog) - Da steckt alles drin: ein ganzes Leben in Gottes Gegenwart! Und gleichzeitig wird deutlich, wie sehr hier die Worte aus der zweiten Abschiedsrede Jesu, die wir eben gehört haben, Pate standen: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15,15).

Die Jüngerinnen und Jünger waren also nicht nur Augenzeugen des Lebens und Leidens, des Todes und der Auferstehung Jesu, sondern auch Ohrenzeugen jener Botschaft, die der Vater dem Sohn übermittelt hat. Und nach einem Wort des Schriftstellers Elias Canetti gilt: „Der Ohrenzeuge ist durch niemanden zu bestechen.“[1] Die Botschaft Jesu ist das Wort Gottes, denn wie der Evangelist Johannes betont: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18). Jesus hat also nicht sich selbst verkündet, geschweige denn sich selbst zelebriert und ist heute, wo wir eine so große Tendenz zum Populismus haben, wo der Ruf nach dem „starken Mann“ wieder laut wird, wohl gerade deshalb ein so unbequemes Vorbild. Auch in der Kirche sollte es weniger um Performance gehen, sondern um Zeugnis; weniger um „bella figura“ und mehr um Glaubwürdigkeit; weniger um den äußeren Schein als vielmehr um das innere Sein.

„Lernt von mir, denn ich bin gütig und demütig von Herzen!“ (Mt 11,29). Was würde passieren, wenn heute ein Politiker, ein Unternehmer, ein Schauspieler oder irgendein anderer Mensch aus dem öffentlichen Leben

so

sprechen würde? Ich bin mir sicher, er würde keine Landtagswahl gewinnen, seine Aktienkurse würden in den Keller fallen und tolle Filmangebote? – Fehlanzeige! Was unterscheidet Jesus und den hl. Ulrich denn so sehr von den Größen unserer Tage (ich muss da keine Namen nennen, Ihnen fallen sicher sofort welche ein)? Beide haben ihr Herz sprechen lassen, sich denen zugewandt, die als die Kleinen und Unwichtigen galten, mit denen man eben „keinen Staat machen“ kann, wie es in der Redewendung heißt.

Wer „mit dem Ohr des Herzens“ hören lernen will, der muss den Lärm der Welt hinter sich lassen, die Stille lieben und sich nach innen wenden, dorthin, wo die leise Stimme Gottes vernehmbar wird. - Wer „mit dem Ohr des Herzens“ hören lernen will, der verzichtet bewusst darauf, den Marktschreiern unserer Tage sein Ohr zu schenken und sich von ihnen sagen zu lassen, was „in“ ist und was „man“ heute so macht. - Wer „mit dem Ohr des Herzens“ hören lernen will, der wird bald merken, wie sehr er in seiner Umgebung auffällt und zum Stein des Anstoßes wird, obwohl er doch gar nichts Besonderes macht!

Vielleicht spüren Sie jetzt den Impuls, diese Haltung des Hörens mit dem Herzen einmal selbst auszuprobieren. Ich kann es Ihnen nur empfehlen: Denn es ist etwas Wunderbares, eine Ahnung davon zu bekommen, dass jeder Einzelne von uns gottunmittelbar ist; dass wir auf Gott hin geschaffen wurden und er uns ein Leben lang einlädt, seinen Ruf wahrzunehmen und ihm zu folgen. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht in seinem Büchlein „Demokratie braucht Religion“ von der „Anrufbarkeit“ für das göttliche Du, mit der jeder Mensch geboren wird. Er erinnert damit an jenes innige Zwiegespräch zwischen Gott und der Seele, das geistliche Menschen in allen Jahrhunderten als höchstes Glück empfanden.

Machen wir einen neuen Anfang! Trauen wir der Verheißung Jesu, die heute so neu ist wie damals vor 2000 Jahren: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15, 16). - Hl. Ulrich, bitte Du für uns, dass wir den Mut haben, Jesus heute nachzufolgen. Amen.

[1] Elias Canetti, Der Ohrenzeuge. 50 Charaktere. Hanser 1980, S. 49-50, hier: S. 49.