„Einander im Glauben stärken“
Liebe Schwestern und Brüder, gerne bin ich der Einladung von Pfarrer Markus Ertl gefolgt und heute nach Wernberg-Köblitz in die Diözese Regensburg gekommen, um mit Ihnen das traditionelle Mutter-Anna-Fest zu feiern. Wir gedenken einer Frau, die als Mutter Mariens zur „Patronin aller Mütter“ wurde und seit Jahrhunderten weltweit in vielen Bistümern, auch in Augsburg, sehr verehrt wird.
Ihr selbstloses und fürsorgliches Wesen ist auf wunderschöne Weise im Altarbild der Wernberger St.-Anna-Kirche (s.u.) dargestellt: Liebevoll legt sie ihrer Tochter Maria den Arm um die Schultern und hilft ihr, die Heilige Schrift zu lesen, vielleicht auch zu verstehen. So stellt man sich die heilige Anna vor, gemäß den Beschreibungen der apokryphen Schriften, die uns aus dem 2.-6. Jahrhundert vorliegen. Lassen Sie uns dabei aber nicht vergessen, dass die hl. Anna nicht nur die Mutter Mariens, sondern auch die Großmutter Jesu, unseres Herrn, war. Diese Doppelrolle möchte ich in meiner Predigt aufgreifen, denn wir feiern an diesem Tag noch ein weiteres Fest: Mit einem Blick speziell auf die älteren Menschen hat Papst Franziskus für heute einen „Welttag der Großeltern und Senioren“ ausgerufen. Dieser findet erst zum dritten Mal statt, in bewusster Nähe zum Gedenktag der Großeltern Jesu, der hl. Anna und des hl. Joachim. Welche Rolle können Oma und Opa nicht nur als familiäre Bezugspersonen, sondern auch als geistliche Begleiterinnen und Begleiter für ihre Kinder und Enkelkinder spielen? Darüber will ich im Folgenden, mit Bezug zu den Schriftlesungen des Tages, ein wenig nachdenken.
1. Verlorener Glaube
Schauen wir zunächst auf die erste Lesung aus dem Buch Exodus, die wir gehört haben. Da ist das Volk Israel, das - durch die Hilfe Gottes aus der Hand der Ägypter befreit - von Mose ins gelobte Land geführt wird, eine bunte Schar aus Jung und Alt. Manche meinen, der ganze Weg dorthin sei ein einziger Festzug mit Gesang und Tanz gewesen, doch die überschwängliche Freude und Dankbarkeit über Gottes große Tat waren schnell dahin, als die Nahrungsvorräte knapp wurden. Das Volk „murrte“ (Ex 16,2), wir würden heute eher sagen „jammerte“ und „motzte“. Sie hatten Hunger, wurden unzufrieden und wünschten sich teilweise sogar wieder zurück nach Ägypten in die Gefangenschaft, wo es wenigstens genügend zu essen gab.
Ist es nicht erstaunlich, wie schnell der Mensch sein Vertrauen in Gott verliert, wenn Dinge anders laufen, als er es sich vorstellt? Gerade für die Älteren unter uns könnte das doch ein spannender Gedanke sein: Wie reagieren wir, wenn bestimmte Pläne oder Hoffnungen, die wir hatten, sich nicht erfüllen? Wenn wir unerwartet krank werden, wenn Beziehungen auseinandergehen, wenn unsere Kinder oder Enkel plötzlich ganz anders leben, als wir es uns wünschten…? Ein Beispiel: In meinen vielen Gesprächen klagen Großeltern mir manchmal ihr Leid, dass der Nachwuchs kein Interesse mehr an Kirche hat und nicht in den Gottesdienst gehen will. Ich sage dann oft, dass das sicherlich zu bedauern ist, aber Glaube kann man nicht machen oder gar erzwingen. Selbst die für das Judentum bis heute größte Heilstat Gottes am Roten Meer kann nicht verhindern, dass das Volk Israel nur kurze Zeit später alles wieder vergessen hat. Warum das so ist und wie wir damit umgehen können, hat Jesus uns im heutigen Evangelium dargelegt.
2. Daran glauben, dass Glaube (wieder) wachsen kann
Von einem Boot aus lehrt er die Menschen und veranschaulicht im Gleichnis vom Sämann, warum sich so viele Leute schwer tun mit dem Glauben. Alles beginnt damit, dass Gott, im Bild des Sämanns, sein Wort wie Samenkörner in die Welt streut. Die erste Initiative geht also von Gott aus. Er will, dass seine Botschaft auf unserer Erde Wurzeln schlägt. Dann aber scheint alles schief zu gehen, denn ein Großteil jener Samen fällt auf schlechten Grund, verdorrt oder wird von Vögeln gefressen. Übertragen bedeutet das: Viele Menschen hören das Wort Gottes zwar, können es aber nicht verstehen und wenden sich wieder ab. Wir erleben das nicht selten in der Vorbereitung auf die Firmung. Die Jugendlichen hören wohl die biblischen Botschaften, sie finden jedoch keinen Zugang, auch weil die kirchliche Sprache ihnen zunehmend fremd ist. Hier braucht es eine gute Begleitung und Übersetzung in den Alltag, damit Gottes Wort nicht als etwas völlig Unverständliches und Vergangenes wahrgenommen wird. Großeltern können hier einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie ganz ehrlich mit ihren Kindern und Enkeln über ihre eigene Glaubensentwicklung sprechen und erzählen, wie sie die Texte verstanden haben. Im besten Fall können sie Zeugnis davon geben, inwiefern der Glaube ihr Leben bereichert hat.
Zurück zum Evangelium: An zweiter Stelle spricht Jesus von Menschen, die das Wort Gottes hören und freudig aufnehmen. Sie sind aber unbeständig und verlieren in Krisensituationen schnell wieder ihren Glauben, genau wie das Volk Israel in der Wüste. Seien wir ehrlich, kennen wir das nicht auch? Wer von uns hat nicht schon einmal an Gottes Liebe gezweifelt, wenn Schicksalsschläge uns treffen? Das ist menschlich und verständlich, muss aber nicht so sein. Im Moment stirbt die Generation aus, die noch den Krieg miterleben musste. Es berührt mich sehr, wenn ältere Menschen mir erzählen, welche Kraft ihnen der Glaube und das Gebet gegeben haben, als von oben die Bomben auf ihre Häuser fielen. Für Jugendliche kann es aber auch interessant sein zu hören, dass die Gründungsväter der neuen Bundesrepublik sich nach dem Krieg, als alles zerstört war, wieder an das christliche Menschenbild erinnerten und dieses zu einer der Grundlagen der deutschen Verfassung machten.
Als dritte Gruppe schließlich spricht Jesus von Samenkörnern, die von Dornen erstickt werden. Gemeint sind Menschen, denen die Reichtümer dieser Welt wichtiger erscheinen als die Suche nach Gottes Reich. Auch hier meine ich, dass dies mit Blick auf die notwendige soziale und ökologische Transformation unserer Gesellschaft ein gutes Thema wäre für einen Dialog zwischen der älteren und jüngeren Generation, indem beide voneinander lernen können. Was gibt unserem Leben Sinn? Wie wollen wir in Zukunft leben? Was heißt gutes Leben für alle? Das Evangelium Jesu Christi bietet Antworten auf diese Fragen, die auch heute noch zeitgemäß sind.
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Jesus bis zu diesem Punkt im Gleichnis ausschließlich von Misserfolgen spricht? Sie nehmen Dreiviertel der Erzählung ein. Der Sohn Gottes gibt demnach zu, dass seine Worte zwar von vielen gehört werden, aber nur bei einem Teil auf guten Boden fällt, also eine lebensverändernde Wirkung entfaltet. Stellt sich die Frage: Warum ist das so? Ist das Wort Gottes so schwach? Sicher nicht. Doch Gott zwingt sich keinem Menschen auf. Er lässt uns die Freiheit, sein Angebot der Liebe abzulehnen, denn ohne Freiheit gibt es keine echte Liebe. Sein Weg ist ein anderer: Auf die Unzufriedenheit und das „Murren“ des Volkes Israel reagiert Gott damit, dass er „Brot vom Himmel“ (Ex 16,4) regnen lässt und die Menschen satt macht. Die entscheidende Botschaft ist demnach: Selbst, wenn wir Gott vergessen, er vergisst uns nicht. Immer hat er die Nöte der Menschen im Blick und sorgt für sie. Er hat uns eine Welt geschenkt, in der alle Menschen satt werden können, wenn wir nur gerecht miteinander teilen. Bauen wir darum auf die letzte von Jesus genannte Gruppe, nämlich auf jene Menschen, bei denen Gottes Wort Frucht hervorbringt, „teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach“ (Mt 13,8). Sie sind es, die uns Hoffnung geben können. Frauen und Männer, die nicht in das allgemeine Lamento über die „schlimmen Zeiten“ einstimmen, sondern die ganz auf die Zusage Gottes vertrauen und nach seinem Wort handeln. Eine, die das getan und aus tiefstem Herzen an Gott geglaubt hat, war die hl. Anna.
3. Das Vorbild der heiligen Anna
Dabei kennt auch sie, eine einfache Frau aus dem Volk, durchaus Krisenzeiten und ist der Legende nach äußerst traurig, da ihr innigster Wunsch nach einem Kind lange Zeit unerfüllt bleibt. Im Gegensatz zum störrischen Volk Israel aber macht sie Gott keine Vorwürfe und „murrt“ nicht, sondern betet im Stillen und vertraut auf seine Nähe. Zwanzig Jahre lang soll sie gebetet haben, bis ihr ein Engel erscheint und die Geburt eines Kindes ankündigt, „das voll der Gnade ist“. So wird sie zur Mutter Mariens und Oma unseres Herrn Jesus Christus.
Liebe Schwestern und Brüder,
ich denke, dass die hl. Anna uns allen in mehrfacher Hinsicht ein Vorbild sein kann. Friedlich und gottverbunden hatte sie ein feines Gespür dafür, worin unsere Berufung als Menschen liegt: Hören, was Gott uns sagt, spüren, wohin er uns führen will, vertrauen, auch wenn der Weg unangenehm und beschwerlich wird, und schließlich da sein für die Menschen, die man im Herzen trägt. Als Mutter und Großmutter verkörpert sie Liebe und Sicherheit. Nicht umsonst rief kein geringerer als Martin Luther sie um ihre Hilfe an, als er in ein schweres Unwetter geriet. Lassen auch wir nicht nach, die hl. Mutter Anna dadurch zu ehren, dass wir ihrem Beispiel folgen, als Familien zusammenhalten und uns gegenseitig im Glauben stärken!