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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Aussendungsfeier der pastoralen Mitarbeiter/-innen im Augsburger Dom

„JA! Gerufen-Gewachsen-Gesandt“

23.09.2023 10:30

„Du wagst dein Ja – und erlebst einen Sinn. Du wiederholst dein Ja – und alles bekommt Sinn. Wenn alles Sinn hat, wie kannst du anders leben als ein Ja.“[1] Dieses Zitat stammt von dem schwedischen Friedensnobelpreisträger Dag Hammarskjöld, der von 1953 bis 1961 Generalsekretär der Vereinten Nationen war.

Lange Zeit wusste man gar nicht, dass sich hinter diesem eher kühlen Staatsmann ein zutiefst spiritueller Mensch verbarg, der sein Leben lang auf der Suche nach Gott war. Seine persönlichen Aufzeichnungen, die er „Zeichen am Weg“ nannte, zeigen, dass dieser meist verschlossen wirkende Politiker im Laufe der Jahre eine innere Freiheit darin fand, Christus nachzufolgen. „In dem Augenblick, als ich Gott die Hand gab und ja zu ihm sagte, wurde mir der Sinn meines Lebens klar“, so eine mündlich überlieferte Aussage. Auf der Folie dieses Gedankens freue ich mich sehr, heute fünf Pfarrreferentinnen, vier Pastoralreferentinnen, drei Gemeinde-referentinnen und einen Gemeindereferenten auszusenden. Sie haben dem Motto unserer Feier ein entschiedenes „Ja!“ vorangestellt. Dieses Ja werte ich als klares Statement, dass Sie, wie Dag Hammarskjöld, gewillt sind, Gott die Hand zu reichen und Jesus und seinem Ruf in Wort und Tat zu folgen. Was das konkret heißt, will ich in dem Dreischritt entfalten, den die Auszusendenden mit Blick auf die Schriftlesungen gewählt haben: Gerufen (1) – Gewachsen (2) – Gesandt (3).

 

1. Gerufen

Zunächst beginnt alles mit dem Angerufen-Sein. Das zeigt auch das heutige Evangelium, wo Jesus den Menschen erzählt, dass Gott, im Bild des Sämanns, sein Wort wie Samenkörner in die Welt streut. Die erste Initiative geht also von Gott aus. Er will, dass seine Botschaft auf unserer Erde Wurzeln schlägt. Dann aber scheint alles schief zu laufen, denn ein Großteil des Samens fällt auf schlechten Grund, verdorrt oder wird von Vögeln gefressen. Übertragen bedeutet das: Viele Menschen hören das Wort Gottes zwar, können es aber nicht verstehen und wenden sich wieder ab. Andere denken darüber nach, kommen dann aber zum Schluss, dass sie nicht daran glauben können oder wollen. Wieder andere finden zum Glauben, ändern jedoch schnell ihre Meinung, sobald sie - beispielsweise in Diskussionen - unter Druck geraten. Und dann ist da noch die große Zahl derer, denen andere Dinge im Leben, wie das Streben nach Wohlstand und weltlicher Karriere, wichtiger erscheinen als das Wort Gottes. Nur bei einem geringen Teil fällt das Wort auf „guten Boden“ (Lk 8,15); es bringt Frucht hervor, soll heißen, entfaltet eine lebensverändernde Wirkung. Spannend, wie Jesus diese Gruppe identifiziert: Es sind Leute, die „das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören [und] daran festhalten“ (Lk 8,15).

Das „Hören mit dem Herzen“ ist demnach ein ganz entscheidendes Charakteristikum christlichen Glaubens. Der hl. Ulrich, dessen Doppeljubiläum wir in diesem Jahr feiern, hat das erkannt und sah genau darin seine Berufung. „Mit dem Ohr des Herzens“ wollte er all die „Seligkeiten“ Gottes „umsichtig aufnehmen und fest in die innersten Gedanken einsenken, damit in der Zeit der Versuchung den bösen Geistern keine Kraft zur Verfügung stünde, sie auszureißen“[1]. So lesen wir es in der ältesten Lebensbeschreibung des hl. Ulrich, die Dompropst Gerhard von Augsburg überliefert hat. Glaube kommt also vom Hören, wie schon der Apostel Paulus an die Römer schrieb (vgl. Röm 10,17). Wie geht das konkret: „mit gutem und aufrichtigem Herzen hören“? Was braucht es dafür? In unserer lauten und schnelllebigen Zeit ist ein Aspekt besonders wichtig: Stille. Lernen wir wieder, still zu werden!

Messen wir für uns persönlich das Barometer der Stille! Wie wäre es mit dem Versuch, heute Nachmittag oder Abend einfach ein paar Minuten still zu sitzen und auf unseren Atem zu achten. Vielen Menschen fällt unheimlich schwer. Wir sind es einfach nicht mehr gewohnt, dass nichts passiert. Wie aber wollen wir Gottes Wort im Lärm unseres Alltags erlauschen, wenn wir uns nicht Zeiten der Stille nehmen? Ich bin überzeugt, dass z.B. die wachsende Beliebtheit des „Waldbadens“ auch damit zu tun hat, welch große Sehnsucht Menschen nach Auszeiten haben, in denen sie zur Ruhe kommen und mit sich in Berührung sind. Darum empfehle ich Ihnen gerade am Beginn Ihres pastoralen Wirkens: Reservieren Sie sich jeden Tag eine gewisse Zeit für die Stille und das Hören auf das Wort Gottes! Ob in einer Kapelle, in der Wohnung oder draußen in der Natur: Lesen Sie in der Heiligen Schrift und denken Sie darüber nach, was Gott Ihnen persönlich sagen will! Wenn wir selbst uns als Schale von Gottes Gnade füllen lassen, können wir von unserem Überfluss abgeben, ohne selbst innerlich leer zu werden. Die Erfahrung zeigt, dass es dafür Jahre der Übung braucht. Darum ist das „Gerufen-Sein“ nur der erste Schritt. Es folgt das Wachsen im Glauben.

 

2. Gewachsen

„Du wagst dein Ja – und erlebst einen Sinn.“, sagt Dag Hammarskjöld. Ist es nicht ermutigend wahrzunehmen, dass es in einer Zeit, da die Stimme Gottes von vielen nicht mehr gehört wird, nach wie vor geistliche Aufbrüche gibt und Menschen, von denen man es vielleicht gar nicht erwarten würde, auf einmal einen tieferen Sinn in ihrem Leben sehen? Das Alter spielt dabei übrigens keine Rolle. Gottes Geist weht, wo er will (vgl. Joh 3,8), und lässt Junge wie Alte erkennen, dass es eine Wahrheit jenseits der sichtbaren Welt gibt. Wann und wie diese Erkenntnis reift bzw. wächst, um im Bild des Samenkorns zu bleiben, ist individuell ganz verschieden. Treffend antwortete der verstorbene Papst Benedikt XVI. in einem Interview auf die Frage eines Journalisten, wie viele Wege es zu Gott gebe: „So viele, wie es Menschen gibt.“ Deshalb freue ich mich jedes Jahr auf das Treffen mit den angehenden pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um zu hören, wo Gott ihnen auf ihrem Lebensweg begegnet ist und was sie dazu bewegt, heute noch einmal öffentlich „JA“ zu sagen zum Dienst in der Nachfolge Jesu.

Hoffentlich - dafür wollen wir beten - wandelt sich dieses freudige „JA“ im Laufe der Zeit nicht zu einem zaghaften „Vielleicht“ oder sogar zu einem „NEIN“. Denken wir an die Samen, die auf felsigen Boden fallen oder unter die Dornen geraten (Lk 8,13f). Wenn die Sorgen des Lebens den Glauben auf die Probe stellen, wenn die Anfangsbegeisterung zu evangelisieren auf Gegenwind trifft, wenn man das Gefühl hat, bei der Verkündigung nicht die richtigen Worte zu finden – dann wird sich zeigen, ob wir wirklich auf Gottes Zusage vertrauen und mit Geduld Frucht hervorbringen, wie es Jesus verheißt (vgl. Lk 8,15). Nicht umsonst sagt Dag Hammarskjöld, dass man sein JA wiederholen muss (s.o.). Erinnern Sie sich daran, wenn Sie an den verschiedenen Einsatzorten auch mal Rückschläge erleiden. Wer Christus nachfolgen will, braucht Ausdauer (vgl. Hebr 10,36). Das führt zum dritten Punkt: Was bedeutet es, „gesandt“ zu sein?

 

3. Gesandt

An der Stelle lohnt sich ein erneuter Blick in die Lesung: Der Apostel Paulus erklärt seinem Mitarbeiter Timotheus, worauf es ankommt, um eine Gemeinde gut zu begleiten. Wie Sie an verschiedene Einsatzorte und kategoriale Stellen ausgesandt sind, so wird Timotheus von Paulus nach Ephesus geschickt, um dort für die Glaubensgeschwister da zu sein. Der Völkerapostel gibt ihm einen klaren Auftrag mit: Die Gläubigen sollen sich am Leben des Timotheus ein Beispiel nehmen. Konkret heißt das „Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut“ (1 Tim 6,11) - große Worte, die sich gut anhören. Um glaubwürdig zu sein, müssen diese jeden Tag gelebt werden. Gerade deshalb betont Paulus, dass Timotheus das Bekenntnis als Christ „vor vielen Zeugen“ (1 Tim 6,12) abgelegt hat, so wie auch Sie heute im Augsburger Dom öffentlich vor einer großen Gemeinde Ihre Bereitschaft erklären. Denn wir verkünden keine Geheimlehre, sondern versuchen glaubhaft das zu leben, was wir vom Evangelium verstanden haben, wie es Frère Roger, der Gründer und erste Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, einmal formulierte. Dabei wissen wir uns alle Tage getragen von Jesus Christus, dem „König der Könige und Herr der Herren“ (1 Tim 6,15). Aus dieser Glaubensgewissheit können wir Kraft schöpfen und unsere Sendung als Geschenk begreifen, oder wie es Dag Hammarskjöld ausdrückt: „Wenn alles Sinn hat, wie kannst du anders leben als ein Ja.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

gerufen, gewachsen, gesandt – das gilt nicht nur für die zwölf Frauen und den Mann, die ich heute aussenden darf zum Dienst in der Kirche. Wir alle sind berufen, immer wieder neu „JA“ zu sagen zu Christus und seinem Evangelium. Nehmen wir daher die Botschaft des Tages in uns auf und erfüllen unseren Auftrag ohne Tadel (vgl. 1 Tim 6,14), jede und jeder an der Stelle, an die wir gestellt sind. Zum Schluss noch ein Tipp: Bleiben wir in allem zuversichtlich! Denn wenn auch ein Großteil der Samen verkommt, wie es im Evangelium heißt, trägt doch der andere Teil Frucht: hundertfach, sechzigfach, dreißigfach (vgl. Lk 8,8) Frucht hervor. Das hat uns Jesus versprochen. Jesus täuscht uns nicht. Deshalb dürfen wir es wagen.

 

[1] Gerhard von Augsburg: Vita Sancti Uodalrici. Die älteste Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, hg. von Berschin, Walter/Licht, Tino, Heidelberg 2020², 161f.