„Gerechtigkeit und Friede küssen sich“
„Was trage ich bei? Für eine friedliche Welt.“ Diese Frage stach mir vor rund eineinhalb Jahren am Rande einer Veranstaltung in Würzburg im Foyer des Tagungshauses ins Auge.
Geschrieben war sie nämlich auf eine überdimensionierte Papiertüte in großen blauen Lettern. Die Installation der Einkaufstüte war Teil einer Kunstaktion des Nürnberger Künstlers Johannes Volkmann in Kooperation mit verschiedenen katholischen Hilfswerken.[1] Eine simple Tragetasche, dieser Alltagsgegenstand, wollte Anstoß erregen, buchstäblich vor den Kopf stoßen und die Tagungsteilnehmer mit dieser simplen Frage beim Betreten des Gebäudes zum Nachdenken anregen.
Der zerbrechliche Friede – Aufruf zum Frieden
Den Frieden in die Welt zu tragen wie eine Papiertüte – wer wünscht sich das nicht?! Und doch zeigt einem eine solche Papiertüte auf, wie zerbrechlich der Friede ist: Wie schnell kann eine solche Tüte auch zerreißen, wenn sie mit allzu viel Ballast gefüllt wird. Die Krisen und Kriege in jüngster Zeit weltweit machen uns einmal mehr schmerzlich bewusst: Frieden ist nicht selbstverständlich, er ist kein Automatismus. Frieden ist uns nicht einfach nur so gegeben; zugleich ist er auch nicht einfach nur die Abwesenheit von Krieg.
Wir merken in unserem Alltag, wie voraussetzungsvoll der Friede ist: Er erfordert auf allen Ebenen des Zusammenlebens ein Miteinander, das von Respekt und Fairness im Umgang getragen ist. Das beginnt beim Einzelnen und in den Familien, am Arbeitsplatz und reicht bis zu den globalen Strukturen der Völkergemeinschaft. Deswegen mein eindringlicher Appell: Die Waffen sollen ruhen! Rüsten wir auch verbal ab. Fahren wir die scharfen Geschütze verletzender Worte zurück. Greifen wir stattdessen zum Werkzeug des offenen Gesprächs, das von Empathie und Solidarität getragen ist. Bleiben wir im Dialog und suchen das Verständnis füreinander. Das ist bisweilen anstrengend und erfordert uns als ganzen Menschen heraus mit unseren Fähigkeiten, unserer Verantwortung und unserem Gewissen.
Dabei muss uns auch klar sein: Der Mensch ist in schuldhafte Zusammenhänge verstrickt. Das zeigt uns die biblische Geschichte vom Sündenfall eindrücklich auf. Der paradiesische Frieden ist zerstört; die Beziehung des Menschen zu Gott und zu seinen Mitmenschen gestört, ja, bis hin zum Verhältnis der Natur zum Menschen. Dennoch war und ist die Sehnsucht des Menschen nach Frieden stets groß und sitzt tief. Ist damit der Frieden eine unerreichbare Utopie? Keineswegs! Ohne jede Rückbesinnung auf Gott hin bleiben jedoch alle menschlichen Friedensbemühungen hohl oder sind gar zum Scheitern verurteilt.
Gott als Quelle des Friedens – Jesus Christus, der Friedensfürst
Seien wir uns bewusst: Die Quelle des Friedens ist Gott selbst, der in Jesus Christus für uns Mensch geworden ist. In ihm hat Gott aus Liebe zu uns einmal mehr einen großen Schritt auf den Menschen zugemacht, in ihm ist uns die Versöhnung angeboten. Der Frieden hat also einen konkreten Namen: Jesus Christus. Der Epheserbrief bringt es kurz und knackig auf den Punkt: Er ist unser Friede“ (Eph 2,14).
In seiner Geburt sehen die Christen die wunderbare, trostreiche Verheißung des Propheten Jesaja als erfüllt an, wie wir es eben in der Lesung gehört haben: Er ist der „wunderbare Ratgeber“, der „starke Gott“, der „Fürst des Friedens“. Auf seine Schultern wurde die Herrschaft gelegt und seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende (vgl. Jes 9,5f.). Bereits das Kind in der Krippe zeigt uns auf: Der Gott, an den wir glauben, ist kein Kriegsgott; er kommt nicht mit Gewalt. Er fährt nicht auf mit Panzern und Gewehren. Wehrlos tritt er an unsere Seite, mitten in unsere Leben hinein.
In Jesu Wort und Handeln wird deutlich: Gott ist parteiisch! Er steht auf der Seite der Opfer, er interveniert für den Frieden. Er preist die Armen und Trauernden selig; er teilt Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen, schenkt Notleidenden seine heilende Nähe und Sündern seine vergebende Heilung. Seine Botschaft und sein Wirken brachten ihm Widerstände und Konflikte ein. Doch Jesus bleibt seiner Botschaft treu und erfüllte den Willen Gottes. So geht er den Weg des Leidens und nimmt den Tod auf sich. Seine Auferstehung zeigt uns: Gott findet sich mit dem gewaltsamen Tod seines Sohnes nicht ab. Gottes Leben schaffende Macht ist stärker als die Mächte des Bösen und des Todes!
Maria, Königin des Friedens – Vorbild für Frieden und Gerechtigkeit
Und Maria? Gerade am Fatimatag wird uns einmal mehr die zentrale Rolle Mariens vor Augen geführt. Maria hat sich auf das Wort Gottes eingelassen: Sie hat der Zusage des Engel Gabriel vertraut und sich getraut, dazu „Ja!“ zu sagen. „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lk 1,38) So hat sie Jesus als seine leibliche Mutter zur Welt gebracht. Dabei ist sie nicht nur Gottes Mutter, Mutter des Friedensfürsten, sondern Jesu erste Jüngerin. Sie kreist nicht um sich selbst; sie ist nicht auf ihren eigenen Vorteil bedacht, nicht auf ihr Ansehen aus oder gar bestrebt, die große Anerkennung zu suchen: Profilneurose – fehl am Platz!
Maria nimmt den Willen Gottes demütig an und lebt ihn. Sie ist zwar im Heilsplan Gottes herausgehoben, aber sie ist nicht abgehoben. So brachte sie Jesus, den „Fürst des Friedens“, zur Welt und begleitet ihn auf seinem Weg bis zum Tod am Kreuz. Sie hört seine Botschaft des Friedens, die ihr Sohn verkündete und sich in seinem Handeln kundtut. Ihr Leben lang war Maria zutiefst mit Jesus Christus verbunden und ganz auf ihn ausgerichtet. Indem es in ihrem Leben keine Auflehnung gegen Gott und gegen ihre Mitmenschen gibt, wird sie selbst zur „Botin des Friedens“ und gereicht uns allen zum Vorbild.
Deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn inmitten der Schrecken des Ersten Weltkriegs Papst Benedikt XV. die Anrufung Mariens als „Königin des Friedens“ der Lauretanischen Litanei beifügte. In dieser bedrängenden Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts war es die Gottesmutter Maria, die in Fatima gegenüber den drei Seherkindern eindringlich für das Rosenkranzgebet für den Frieden in der Welt geworben hat. Und die Kinder sind darauf angesprungen …
Maria erinnert uns gerade heute an unsere Mission, aktiv für den Frieden zu wirken – in Gebet und Tat! Für uns als Christen, für die Kirche(n) ist der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt, also das Engagement gegen jede ausbeuterische Struktur von Mensch und Natur, letztlich der Einsatz für einen „Schöpfungsfrieden“ in umfassendem Sinne, keine Kür, sondern unabdingbare Pflicht. Denn: Kirche ist Sakrament des Friedens!
Nochmal: Frieden ist ohne Gerechtigkeit nicht erreichbar! „Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ (Ps 85,11) Dazu braucht es verlässliche Bausteine; dafür steht die Kirche ein: Neben der realistischen Wahrnehmung der Probleme und Entwicklungen der Zeit ist es die Vision für die Zukunft einer Menschheit, in der es ein gutes Leben für alle gibt – getragen von der Geduld und dem Vertrauen, dass ganzheitlicher Frieden möglich ist. Das schließt die ständige Verpflichtung zur Auseinandersetzung, zum Dialog mit Gesellschaft, Politik und allen anderen Religionen mit ein.
Das bringt Papst Franziskus in seiner Botschaft zum 57. Weltfriedenstag am 1. Januar treffend auf den Punkt: „Der Friede ist die Frucht von Beziehungen, die den anderen in seiner unveräußerlichen Würde anerkennen und annehmen, sowie von Zusammenarbeit und Engagement bei der Suche nach der ganzheitlichen Entwicklung aller Menschen und aller Völker.“ Treffender könnte es nicht formuliert sein! Übrigens, als Notiz am Rande: Mit diesem Schreiben nimmt der Heilige Vater insbesondere den Fortschritt von Wissenschaft und Technik als Weg zum Frieden in den Blick, genauer hin die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Ich empfehle Ihnen das ausgewogene und differenzierte Schreiben zu Ihrer eigenen Lektüre![2]
Der hl. Ulrich – fürsorglicher Bischof und Freund des Friedens
Einen letzten Bogen will ich noch schlagen: Wir befinden uns im Bistum inmitten unseres Ulrichjubiläums 2023/24. Halbzeit sozusagen! Gerade hier auf dem Lechfeld ist die Erinnerung an den „Streiter in Not“ besonders lebendig. In Ulrich jedoch einseitig nur den Kriegshelden zu sehen wäre genauso verkürzt und einseitig wie das Malen eines bloß idealisierten Bildes von ihm als priesterlicher Fürsprecher, der inmitten der Kämpfe friedlich betete.
Einerseits kam ihm als Landesfürst die Aufgabe des Verteidigers zu, andererseits wäre es genauso falsch zu glauben, dass Ulrich Gefallen daran hatte, in den Krieg zu ziehen. Die Lebensbeschreibung des Gerhard von Augsburg zeigt: Ulrich ist ein Mann des Friedens! Er wird nicht müde, Nächstenliebe und Gerechtigkeit zu predigen und seine Landsleute in dieser schwierigen Zeit der Not und Bedrängnis zu Feindesliebe und Vergebung aufzurufen. Mit großem persönlichen Einsatz kümmerte er sich in materieller wie auch seelischer Hinsicht um die Armen und Bedürftigen in den von den Ungarn in weiten Teilen verwüsteten Bistum. In diesem Sinne ist der hl. Ulrich in seinem umfassenden Wirken ein leuchtendes Beispiel für den Frieden in seiner Zeit. Nehmen wir uns ein Beispiel an ihm, der weit mehr war als der mutige Verteidiger der Stadt Augsburg.
Kehren wir am Ende nochmals zur eingangs gestellten Frage zurück: Was trage ich bei zu einer friedlichen Welt? Es ist eine Frage, die ich Ihnen als Hausaufgabe mitgebe. Die Antworten auf diese simple Frage sind vielfältig und fallen unterschiedlich aus, im Letzten aber wird ihre Umsetzung – davon bin ich überzeugt – in ihrem Umfeld große Wirkung entfalten. Fangen wir also bei uns selbst an! Denn: Nur wer mit sich versöhnt ist, wer mit sich „im Reinen“ ist und im „inneren Frieden“ ruht, lebt (leichter) versöhnt und friedvoll mit seinen Mitmenschen. Der stete Blick auf sich selbst, die Reflexion des eigenen Handelns, das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ am Abend, die regelmäßige Gewissenserforschung und nicht zuletzt das Sakrament der Versöhnung können dabei helfen und sind bewährte Instrumente dazu!
In Jesus Christus, dem Licht der Welt, das uns an Weihnachten aufgeleuchtet ist, liegt der Weg zum Frieden in der Welt. Schauen wir mit Maria, der Königin des Friedens, und dem hl. Ulrich als unsere Fürsprecher auf ihn und halten wir uns an seine Botschaft – dann braucht uns nicht bang zu sein!
[1] Näheres dazu siehe unter www.frieden-leben.de
[2] Vgl. https://www.vatican.va/content/francesco/de/messages/peace/documents/20231208-messaggio-57giornatamondiale-pace2024.html