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Predigt von Bischof Bertram zur Einführung des neuen Wallfahrtsdirektors in Maria Vesperbild

Auf das Herz kommt es an!

17.03.2024 11:00

Liebe Schwestern und Brüder, es ist noch gar nicht lange her, genauer gesagt im April letzten Jahres, dass ich hier in die „schwäbische Hauptstadt Mariens“ nach Maria Vesperbild kam und wir mit einem Festgottesdienst den Abschluss der Kirchenrenovierung feiern konnten.

Ich habe mich damals sehr gefreut, dass dieses weit über die Grenzen unseres Bistums hinaus bekannte Heiligtum nahe Ziemetshausen, das jährlich von Tausenden Wallfahrern aufgesucht wird, in neuem Glanz erstrahlt. Seit Jahrhunderten erfahren Menschen, was Silke Müller-Hölscher in ihrem Büchlein über die Wallfahrtskirche so treffend zusammengefasst hat: „Hier hat man das Gefühl dem Himmel ein Stück näher zu sein. Hier hat man das Gefühl, dass die Gebete ihren Weg ganz schnell finden.“[1]

Heute gibt es einen weiteren Anlass zur Freude und Dankbarkeit. Wir danken Msgr. Erwin Reichart, der vor wenigen Wochen seinen 70. Geburtstag feiern durfte und sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet hat. Vergelt’s Gott, lieber Erwin, für das, was Du hier in den letzten Jahren geleistet hast, als Baumeister, der mit Geduld und Besonnenheit die Renovierung der herrlichen Rokoko-Kirche begleitete, vor allem aber als Seelsorger, der mehr als sechs Jahre lang den Pilgern ein geistlicher Rat und eine Stütze im Glauben war. Von Herzen wünsche ich Dir Gottes Segen für die Zeit, die nun vor Dir liegt. Zugleich freue ich mich, dass Dr. Michael Menzinger bereit ist, hier als neuer Wallfahrtsdirektor zu wirken; durch seine Tätigkeit in Maria Beinberg ist er gut vorbereitet. Lieber Michael, Du sagtest kürzlich in einem Interview, dass Du nach Maria Vesperbild zunächst „als Schauender, als Suchender [und] als die Muttergottes Verehrender“[2] kommen willst, um dann als Seelsorger „den guten, gesunden katholischen Glauben zu stärken und zu verbreiten“[3]. Dass Dir dies gelingen möge, wünsche ich Dir sehr. Du bringst dafür einiges mit: Bodenständigkeit und Gottverbundenheit. Du hast die Fähigkeit, dem Volk aufs Maul zu schauen, ohne den Leuten nach dem Mund zu reden. Wenn ich Dir einen Tipp geben darf: Auf das Herz kommt es an! Die Gedanken, die ich mir zu den heutigen Tageslesungen gemacht habe, sollen Dir Anregung und Hilfe sein. Ein Satz in der ersten Lesung des Propheten Jeremia hat mich besonders berührt: „Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben.“ (Jer 31,33)

 

1. Gott unser Herz öffnen

Es ist doch immer wieder spannend wahrzunehmen, welche Botschaften der Heiligen Schrift uns jeweils ansprechen, wenn wir sie hören. Gerade heute, bei den Lesungen vom 5. Fastensonntag, gibt es einige Stellen, die auf den ersten Blick recht unscheinbar daherkommen, die man vielleicht sogar mal schnell überliest, welche aber ganz zentrale Glaubensaussagen enthalten. Hierzu zählt auch das Wort des Propheten Jeremia, der davon spricht, dass Gott einen „neuen Bund“ (Jer 31,31) mit seinem Volk schließt. Was ist damit gemeint? Wir reden von einer Zeit, in der die Menschen in Israel unter allerlei Nöten wie Krieg und Zerstörung litten. Trauriger Weise ist das ja auch heute wieder Realität, wenn wir auf die Situation im Heiligen Land blicken. In diese Phase großer Not spricht Gott Trost zu und versichert, dass er in allem Leid sein Volk nicht verlassen wird. Das entscheidend Neue an diesem Bund ist nun, dass Gott den Gläubigen nicht mehr nur beim Lesen der Texte aus der Tora nahe sein will, sondern dass er seine Botschaft jedem Menschen direkt ins Herz schreibt (Jer 31,33). Ein kurzer Satz, der jedoch ein komplett neues Glaubens­verständnis in sich birgt, das auch für uns heute bedeutsam ist: Wir alle können Gott demnach erkennen, wenn wir IHM unser Herz öffnen, denn er spricht zu jeder und jedem von uns ganz unmittelbar. Vielleicht könnte man es eher ein Flüstern nennen.

Viele Gläubige, gerade in Maria Vesperbild, haben die Erfahrung von Gottes Gegenwart gemacht, wenn sie vor dem Gnadenbild oder an der Fatimagrotte gebetet und sich ganz auf den Herrn ausgerichtet haben. Orte wie dieser sind darum sehr wichtig in unserer Zeit, in der immer mehr Menschen das Bedürfnis spüren, Gott ganz persönlich in den je eigenen Anliegen zu begegnen. Hierher können sie kommen, um einfach in der Stille da zu sein, beim Allerheiligsten zu verweilen und die Muttergottes in allen Sorgen um ihre Hilfe anzurufen. Wir brauchen deshalb solche Wallfahrtsorte im Bistum Augsburg. Sie sollen keine Konkurrenz zu unseren Pfarreien sein, sondern eine zusätzliche Anlaufstelle für alle Menschen, die nach Spiritualität suchen. Dazu trägt sicher auch der umliegende Wald bei, den wir von der prächtigen Lichterprozession kennen, die jedes Jahr am 15. August, dem Hochfest Mariä Himmelfahrt, stattfindet.

Machen wir es daher wie Maria, deren wohl wichtigste Eigenschaft es war, ganz offen zu sein für Gottes Wort und JA zu sagen zu seinem Heilsplan. Wenn Menschen sich fragen, wie man das macht, können wir auf das heutige Evangelium verweisen: Da war von „Griechen“ die Rede, die eines Tages auf die Apostel zukamen, weil sie Jesus sehen wollten (vgl. Joh 12,20f.). Damit fängt es an: Sich für Jesus interessieren, ihn kennenlernen wollen, sich mit seinem Leben und Wirken auseinandersetzen und seine Botschaft hören. Ich ermutige Sie: Nehmen Sie sich jeden Tag Zeit dafür! Wir machen so viele Dinge und nicht wenige Leute stöhnen über die Fülle der Termine. Das Wichtigste bleibt oft auf der Strecke: Gott, unser Schöpfer, der uns jeden Tag neu „ins Herz schreiben“ möchte, was gut für uns ist und was uns zu einem erfüllten Leben führt.

Soweit zur Bedeutung des neuen Bundes, von dem Jeremia sprach. Christsein hat aber noch eine zweite Dimension, die Jesus uns lehrt: Nicht nur das Herz für Gott öffnen, was die Basis unseres Glaubens ist, sondern auch das Herz an andere verschenken und dadurch selbst glücklich werden.

 

2. Sein Herz an andere verschenken

In gewisser Weise können wir das auch hier im Kirchenraum sehen, wenn wir die Figur auf dem Schalldeckel der Kanzel betrachten. Es ist Jesus, der den Menschen sein Herz darbietet. Für mich liegt darin eine tiefe und berührende Botschaft: Alle Glaubensauslegung ist nur dann im wahrsten Sinne des Wortes „christlich“, wenn Verkündigung und Handeln übereinstimmen - soll heißen, wenn nicht nur über die Liebe gesprochen, sondern sie auch im Alltag gelebt wird. Es ist eine Erinnerung und zugleich eine Mahnung für jeden Prediger, der dort hinaufsteigt. Jesus hat nicht nur mit dem Mund gepredigt. Er hatte ein Herz für andere, besonders die Notleidenden, und nahm Anteil an deren Leben. Er war nicht nur Gottes Sohn, sondern auch durch und durch ein Mensch mit Gefühlen. Dies zeigt sich an vielen Stellen seines Weges, beispielsweise, wenn er Kranke heilte oder Traurige aufrichtete. Jesus hatte Empathie - eine Fähigkeit, die wir so dringend brauchen in unserer Gesellschaft, die immer egoistischer und gefühlskälter zu werden droht.

Als Seelsorger betrübt es mich zu sehen, wenn Menschen, die sensibel und einfühlsam sind, oft ausgenutzt oder belächelt werden, weil diese Fähigkeiten in einem Leistungssystem wie dem unseren, wo es auf Gewinn und Durchsetzungskraft ankommt, kaum noch gefragt sind. Gott sei Dank, kann man da nur sagen, dürfen wir an einen Herrn glauben, der mitfühlend ist, und dem Schmerz und Trauer nicht fremd sind. Ungewöhnlich deutlich wird hier der Hebräerbrief, aus dem wir vorhin gehört haben. Dort steht, dass Christus selbst „in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den Herrn gebracht“ (Hebr 5,7) hat. Gottes Sohn so emotional, schreiend und weinend…? Liebe Gemeinde, liegt darin nicht ein großer Trost für all diejenigen unter uns, denen es nicht gut geht, die krank sind, die in der Seele leiden, die Angst haben…? Diesen Menschen können wir sagen: Jesus kennt den Schmerz, er weiß um alles, was uns belastet, und zeigt uns einen Weg der Erlösung: Ganz auf Gott vertrauen, lernen, ihm zu gehorchen (vgl. Hebr 5,8) und nach Kräften auch anderen beizustehen, die in Not sind. Gott sieht und erhört die Menschen, die nach ihm rufen (vgl. Hebr 5,7)! Darin liegt eine weitere Botschaft der heutigen Lesungen: Wenn wir unser Herz für andere verschenken und unsere eigenen Sorgen Gottes Barmherzig­keit anempfehlen (vgl. Mt 11,28), dürfen wir darauf vertrauen, dass der Herr uns mit seinem Geist der Liebe beisteht.

Eine, die uns das auf einzigartige Weise vorgelebt hat, ist die Gottesmutter Maria. Ihr will ich meinen letzten Gedanken widmen.

 

3. Maria – eine Frau mit Herz

Vor genau achtzig Jahren führte Papst Pius XII. das Fest des Unbefleckten Herzens Mariens ein, das seit der Kalenderreform des II. Vatikanischen Konzils immer am 3. Samstag nach Pfingsten gefeiert wird. Damit verbunden war die Haltung, von der ich eingangs sprach: Maria war eine Frau, deren Herz ganz offen war für den Ruf Gottes. Gleichzeitig war sie eine Frau mit Herz, die ihren Mann und ihren Sohn liebte, was sich besonders in der schwersten Stunde am Kreuz zeigte. Erfüllt vom Heiligen Geist vertraute sie dem Herrn; dadurch wurde sie zum Vorbild und zur Mutter der Kirche. Hier in Vesperbild suchen die Menschen täglich ihr Bild auf und vertrauen sich ihrer Fürsprache an. Das ist gut. Doch leider müssen wir mit Blick auf die katholische Kirche in Deutschland feststellen, dass speziell die Verehrung ihres unbefleckten Herzens stark nachgelassen hat. „Kitschig“ sagen manche, „es zementiert ein überkommenes Frauenbild“, kritisieren andere. Leute, die so reden, haben meinem Empfinden nach nicht den Kern dessen erfasst, worum es Papst Pius und vielen Theologen vor ihm schon in der Antike und im Mittelalter ging: Das Herz Mariens ist ein Symbol für die Liebe und das Mitgefühl. Nebenbei hat sich das Fest des Herzens Mariens aus der Verehrung des Herzens Jesu heraus entwickelt. Ist es nicht genau das, liebe Gläubige, was wir heute brauchen? Wir bauen Roboter und berauschen uns an den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der sog. Künstlichen Intelligenz. Doch bei aller Wertschätzung gegenüber dem technischen Fortschritt: Maschinen haben kein Herz, sie „funktionieren“ oder eben nicht. Der Mensch aber ist nicht dazu geboren zu funktionieren. Seine Bestimmung ist es, das Leben als Geschenk Gottes anzu­erkennen, Frucht zu bringen (vgl. Joh 12,24) und sich für eine warmherzige und mitfühlende Gesellschaft einzusetzen, in der niemand ausgeschlossen wird. Wir täten gut daran, uns die Verehrung des unbefleckten Herzens Mariens wieder ins Bewusstsein zu rufen und neu zu entdecken. So romantisierend sie dem ein oder anderen heutzutage auch erscheint, sie ist weder antiintellektuell noch unzeitgemäß. Dem französischen Ordensgründer Louis-Marie Grignion de Montfort (1673-1716), der in seinem „Goldenen Buch“ intensiv über die wahre Marienverehrung nachgedacht hat und von Papst Pius XII. im Jahr 1947 heiliggesprochen wurde, wird das Wort zugeschrieben: „Um Jesus zu lieben, wie Er es wünscht, ist es am wirksamsten, ihn durch das Unbefleckte Herz zu lieben.“

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So wünsche ich uns allen, dass wir als Kirche und als Gesellschaft niemals herzlos werden. Öffnen wir stattdessen (1) Gott unser Innerstes, (2) verschen­ken wir unsere Liebe an andere und (3) folgen wir dem Beispiel der Gottesmutter, die auch in großer Traurigkeit den Glauben und die Hoffnung bewahrte. Sie, unsere Trösterin und Fürsprecherin, will ich am Ende mit einer Strophe aus dem Vesperbilder Wahlfahrtslied beehren:

Maria Muttergottes,
Dir übergeb‘ ich mich aufs neu,
hilf Du mir zu Lieb‘ und Treu,
dass ich in alle Ewigkeit
lobpreise die Dreieinigkeit.[4]

[1] Müller-Hölscher, Silke: Die Wallfahrtskirche Maria Vesperbild von Johann Georg Hitzelberger, in: Signum in bonum (FS für Wilhelm Imkamp zum 60. Geburtstag), Regensburg 2011, 1027-1040, hier: 1027.

[2]https://www.katholisch.de/artikel/50771-was-der-neue-wallfahrtsdirektor-von-maria-vesperbild-vorhat (19.02.2024).

[3] Ebd.

[4] Vgl. Vesperbilder Wallfahrtslied (https://maria-vesperbild.de/geschichte/, 23.02.2024).