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Predigt anlässlich des Pontifikalamtes in der Basilika Ottobeuren im Rahmen der Tagung „Das Haus Europa gemeinsam weiterbauen“

„Hüten wir uns vor der Hybris des Prometheus!“

21.04.2024 10:00

Lieber Abt Johannes mit allen Mitbrüdern des Konvents, liebe Schwestern und Brüder, wenn ich heute zu Ihnen spreche, erinnere ich mich an meinen letzten Besuch hier vor genau einem Jahr. Damals feierten wir das Jubiläum der Ernennung des hl. Ulrich zum 7. Abt von Ottobeuren vor 1.050 Jahren.

Ich sprach darüber, welche Bedeutung die Klöster als geistliche Zentren für unsere Gesellschaft haben. Es sind segensreiche Orte, wo Menschen in unserer oft hektischen und krisengeschüttelten Zeit zur Ruhe kommen, und im Gebet zu Gott und sich selbst finden können.

Damit sind wir mitten im Thema unserer diesjährigen Tagung und der Frage, welchen Beitrag das christliche Erbe generell zu einem modernen Europa leisten kann. Als Bischof von Augsburg und 62. Nachfolger von Bischof Ulrich freue ich mich sehr, mit Ihnen zusammen den Blick auf diesen in vielerlei Hinsicht historisch bedeutenden Heiligen unseres Bistums zu lenken, den wir auch hier vorne links am Hochaltar sehen. Ich meine, dass wir viel von diesem durch und durch benediktinisch geprägten Mann lernen können, der hier in Ottobeuren zwar nur wenige Wochen Abt war, der aber entscheidend für die Entwicklung des Klosters wie auch des gesamten Bistums und weit darüber hinaus gewirkt hat. Konkret greife ich drei Charaktereigenschaften heraus, die wir bei der Vorbereitung unseres Ulrichsjubiläums als wesentlich für diesen Heiligen erkannt haben. Sie können uns inspirieren: Der hl. Ulrich war (1) mutig, (2) sozial und aus heutiger Sicht schon damals (3) europäisch. Dass es sich hierbei nicht nur um politische oder gesellschaftliche Kategorisierungen handelt, sondern um christliche Grundhaltungen, die wir gerade heute dringend brauchen, will ich im Folgenden mit Verweis auf die Tageslesungen vom 4. Ostersonntag darlegen.

Darin charakterisierte Jesus sich selbst als guten Hirten, der die Seinen kennt und für seine Schafe sorgt (vgl. Joh 10,11.14). ER allein ist es, in dem wir als Menschen unser Heil finden, wie es in der ersten Lesung hieß (vgl. Apg 4,12). Eben dieser Jesus aber ruft auch uns auf, ihm ähnlich zu werden und ebenfalls Hirtinnen und Hirten füreinander zu sein. Das heißt, uns für die Mitmenschen einzusetzen, sie zu beschützen und für deren Wohl zu sorgen. Einer, der das in besonders eindrucksvoller Weise vorgelebt hat, war der heilige Ulrich. Darum werde ich ausgehend von den drei genannten Eigenschaften darlegen, inwiefern sein Beispiel uns im Leben helfen kann, immer mehr zu „Kindern Gottes“ (1 Joh 3,1) zu werden, wozu uns der erste Johannesbrief aufruft.

 

1. Christsein heißt, mutig zu sein

Beginnen wir mit dem Mut. Dass Christsein bedeutet, mutig zu sein, zeigt sich schon früh an vielen Stellen der Heiligen Schrift. Wir haben es in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört: Wohlwissend, dass ihr Leben dadurch gefährdet war, verkündeten Petrus und Johannes freimütig die Botschaft Jesu und heilten mit seiner Kraft Kranke. Wie viele andere Märtyrer nach ihnen erlitten sie in der Folge für ihr Bekenntnis viel Not und Schmerz, doch sie ertrugen alle Mühen im festen Glauben daran, dass sie im Namen Jesu gerettet werden (vgl. Apg 4,12). Neunhundert Jahre später war es der heilige Ulrich, der als Reichsbischof mutig das Wohl der ihm anvertrauten Christen gegen die heranstürmenden Ungarn verteidigte. Wir alle kennen die berühmte Sage von der „Schlacht auf dem Lechfeld“. Über deren Folgen sind sich die Historiker größtenteils einig: „Die Magyaren wurden nach ihrer Niederlage bei Augsburg von 955 sesshaft, Ungarn wurde Teil des christlichen Europa. Damit endeten die Jahrzehnte der Raubzüge jener Reiterhorden, welche die Bevölkerung in Altbayern und Schwaben in Angst und Schrecken versetzt (…) hatten.“[1] Der „Streiter in Not und Helfer bei Gott“, wie wir es im Ulrichslied singen, bewies jedoch nicht nur bei der Verteidigung der Stadt Augsburg Mut, sondern er ermutigte auch viele Menschen, ein gottgerechtes Leben zu führen. Liest man die Ulrichsvita seines Dompropstes Gerhard von Augsburg, tat er dies jedoch weniger durch scharfe Kanzelpredigten oder strenge Belehrungen, sondern in erster Linie dadurch, dass er selbst glaubwürdig das lebte, was er verkündete. An mehreren Stellen betont Gerhard, mit welcher Güte und Freundlichkeit Ulrich den Menschen in ihren verschiedenen Lebenskontexten begegnete. Als guter Hirte seines Bistums nahm er Anteil an deren Sorgen und half, wo er nur konnte.

Mut hieß für ihn aber auch, Nein zu sagen zu bestimmten Dingen, keine Lügen zu verbreiten und nicht der Gier nach Geld oder dem Streben nach Macht zu verfallen (vgl. Ulrichsvita I, 9). Hier sehe ich einen Bezug zu unserer heutigen Situation: Denn auch wir sind täglich herausgefordert, Entscheidungen zu treffen, die über unser eigenes Schicksal und das anderer bestimmen. Aus aktuellem Anlass nenne ich die Stichworte Populismus, Extremismus und Nationalismus. Erst vor wenigen Wochen waren die deutschen Bischöfe bei der Frühjahrskonferenz in Augsburg versammelt und gaben einstimmig (!) eine öffentliche Erklärung ab, wonach alle Christen dazu aufgerufen werden, sich für den Erhalt unserer freiheitlichen und demokratischen Grundordnung sowie die Einhaltung der Menschenrechte zu engagieren. Dies ist umso dringender geboten, da eine spürbare Gefahr besteht, dass die Vielzahl von Krisen, die Deutschland und Europa derzeit erleben, zum Nährboden für die Erosion des zivilen demokratischen Bewusstseins und für das Anschwellen extremistischer Positionen werden. Hier können das christliche Menschenbild und der Begriff des Gemeinwohls, der für die Kirche stets einen universalen Horizont hat, hilfreich sein. Das bedeutet konkret den Schutz von politisch oder religiös Verfolgten und Kriegsflüchtlingen und ebenso ein Eintreten für multilaterale Zusammenarbeit und Solidarität – auf Ebene der Europäischen Union ebenso wie weltweit. Etwas niederschwelliger angesetzt kann das für den einzelnen auch heißen, im Alltag Mut zu zeigen und beispielsweise am Stammtisch oder im Freundeskreis klar Stellung zu beziehen gegen jede Form von völkischem Nationalismus oder Fremdenfeindlichkeit. Damit wir uns recht verstehen: Kritik an existierenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen – etwa bei der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit oder der Integration von Migranten – soll nicht kleingeredet oder ignoriert werden. Die entsprechenden Lösungsansätze aber müssen stets dem humanitären Ethos entsprechen, das im Christentum vor- und mitgeprägt ist und welches die Grundlagen unseres Staates und der Gesellschaft in Deutschland definiert. Menschenwürde, Menschenrechte, besonders der Schutz des menschlichen Lebens von der Zeugung bis zum natürlichen Tod, sowie Solidarität sind dessen elementare Bestandteile. Wir haben keine Hoheit über Leben. Leben ist Geschenk: Wir können es uns weder selbst geben noch dürfen wir es uns selbst nehmen. Gott bewahre uns vor der Hybris des Prometheus! Da überheben wir uns gewaltig.

 

2. Christsein heißt, sozial zu handeln

Damit spannt sich der Bogen zum zweiten Charakteristikum des heiligen Ulrich: Er war ein sozial denkender und handelnder Bischof. Dies zeigt sich u. a. in seiner Fürsorge gegenüber Armen und Notleidenden. Der Überlieferung nach begleitete eine ganze Schar hungernder Menschen den Bischof, wenn er im Bistum unterwegs war, um Kirchen zu weihen oder Sakramente zu spenden, weil sie wussten, dass der heilige Ulrich sich immer erst dann zum Essen hinsetzte, wenn auch alle anderen ausreichend versorgt waren. Benachteiligten machte er Geschenke und wusch ihnen die Füße. In Augsburg stiftete er ein Armenspital. So erwies sich Ulrich auch in dieser Hinsicht als guter Hirte, der den verlorenen Schafen nachgeht und für sie sorgt. Davon inspiriert gibt es im Bistum Augsburg heute zahlreiche Einrichtungen, die dem gleichen Zwecke dienen. Ich nenne beispielhaft die Ulrichswerkstätten der Caritas, welche allein 650 Menschen mit Beeinträchtigung Arbeitsplätze bieten, die auf deren Fähigkeiten zugeschnitten sind. Im Bereich der Altenpflege tragen mehrere Seniorenheime auch in anderen Bistümern den Namen des heiligen Ulrich und beziehen sich auf dessen Liebe zu den Schwachen. Zudem war ihm als Bischof, der selbst eine hervorragende Bildung bei den Benediktinern in St. Gallen genoss, auch der Bereich Schule und Erziehung wichtig. In Augsburg ließ er die Domschule ausbauen und in Benediktbeuern das Kloster erneuern, welches noch heute verschiedene Kinder- und Jugendeinrichtungen beherbergt. Ganz bewusst eröffneten wir am Anfang meiner Amtszeit im Augsburger Stadtteil Kriegshaber vor vier Jahren eine Realschule mit dem Namen „Bischof Ulrich“ und ein Jahr später auch eine Grundschule: Neben dem allgemeinen Bildungszweck geht es ausdrücklich um die Vermittlung christlicher Werte und eine Herzensbildung im Sinne des Evangeliums - alles Fundamente, auf denen die europäische Idee gründet.

Welche Strahlkraft Ulrich darüber hinaus bis heute hat, wird auch dadurch deutlich, dass außerkirchliche Institutionen sich in dessen Namen engagieren, wie zum Beispiel die Stadt und der Landkreis Dillingen a. d. Donau, gemäß den historischen Kenntnissen die Heimat unseres Bistumspatrons. Hier wurde schon im Jahr 1993 das 1000jährige Jubiläum der Heiligsprechung zum Anlass genommen, der Einheit Europas im christlichen Geist einen Impuls zu geben, indem man eine „Europäische St.-Ulrichs-Stiftung“ gründete. Das Ziel war es, regelmäßig einen mit 10.000 Euro dotierten Ulrichspreis zu verleihen an Personen, Initiativen und Institutionen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur oder eben Soziales, die sich in christlich-abendländischer Tradition und im Geiste des heiligen Ulrich für die Einheit Europas einsetzen. Einer der letzten Preisträger war übrigens der ehemalige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller, der durch sein Reden und Handeln auf überzeugende Weise dem „C“ im Namen seiner Partei alle Ehre machte. Dies führt mich zu meinem letzten Gedanken, der darum kreist, dass Christsein aus heutiger Sicht auch bedeuten kann, europäisch bzw. international zu denken.

 

3. Christsein heißt, international zu denken

Schon als Kind kam der heilige Ulrich über die Landesgrenze nach St. Gallen; auch später als Bischof nahm er häufig weite Reisen auf sich, u. a. nach Italien. Doch das allein wäre zu wenig, um ihm das Attribut europäisch zuzusprechen. Wenn man mit Europa aber die Idee der Völkerverständigung und das Bemühen um internationalen Frieden verbindet, dann war Ulrich ganz sicher ein Europäer. Eine seiner größten Taten war nämlich nicht der von vielen genannte „Sieg auf dem Lechfeld“, sondern seine erfolgreiche Friedensvermittlung von „Tussa“, dem heutigen Illertissen. Einige von Ihnen werden es wissen, trotzdem sei es nochmal erwähnt: Im Jahr 954 standen sich hier König Otto I. und sein leiblicher Sohn, der Schwabenherzog Liudolf, bereits in Kampfformation gegenüber, als es Bischof Ulrich zusammen mit Bischof Konrad von Konstanz durch diplomatisches Geschick tatsächlich noch gelungen ist, den Krieg abzuwenden und Frieden zu vermitteln.

Auch hier sehe ich eine Brücke zur Gegenwart und darf auf das, vor wenigen Wochen erschienene, Friedenswort der deutschen Bischöfe mit dem Titel „Friede diesem Haus“ verweisen. Angesichts der schrecklichen Kriege in der Ukraine, im Heiligen Land und in anderen Ecken der Welt ist es für die Schaffung und den Erhalt von Frieden unbedingt notwendig, Wege der Gewaltüberwindung zu suchen. Ich appelliere an alle, die meinen, mit Waffen Frieden zu schaffen: Spielen wir nicht mit dem Feuer! Sonst wird aus den regionalen Konflikten im Nu ein Flächenbrand. Selbstverteidigung und Notwehr haben ihr Recht, gerade im Hinblick auf Putin, einen Aggressor Nimmersatt. Doch gleichzeitig braucht es Kanäle des Dialogs. Ausgehend von der kirchlichen Friedenslehre will die Katholische Kirche dazu einen Beitrag leisten. Sie kann sich in den vielfältigen Handlungsfeldern der Friedensarbeit einbringen, sei es durch Dialogformate, Bildung, nachhaltige menschliche Entwicklung, oder auch konkrete politische und gesellschaftliche Mitwirkung. Bei meiner Ukrainereise, die mich kürzlich im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz u. a. nach Kiew und Lviv (Lemberg) führte, konnte ich mich davon eindrucksvoll überzeugen. Darüber hinaus aber ist die Kirche in erster Linie eine Gebetsgemeinschaft, der es, wie Papst Franziskus immer wieder sagt, aufgetragen ist, unablässig für den Frieden in der Welt zu beten. Denn nicht wir allein können den Frieden machen, der Friede ist auch Gabe Gottes.

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Am Ende bleibt die Erkenntnis: Europa ist nicht ohne die christlichen Wurzeln zu denken. Und Europa wird auch nur dann eine gute Zukunft haben, wenn es sich dieser Herkunft bewusst bleibt. Davon bin ich überzeugt. Nehmen wir uns den heiligen Ulrich zum Vorbild: Seien wir als Christinnen und Christen zugleich mutig, sozial und europäisch im Sinne eines friedlichen Miteinanders der Völker. Vergessen wir bei allem Tun aber niemals, was unserem Bistumspatron Zeit seines Lebens am wichtigsten war: Mit dem Ohr des Herzens auf die Stimme Gottes zu hören und sich mit aller Kraft zu bemühen, Jesus Christus als dem guten Hirten zu folgen, durch Worte und Taten der Lieb

[1] Kluger, Martin: Bischof Ulrich. Ein Heiliger aus Augsburg. Nürnberg 2023.