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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Aussendungsfeier der pastoralen Mitarbeiterinnen im Augsburger Dom

„Einheit als Einklang in der Unterschiedlichkeit“

21.09.2024 11:21

Schriftlesungen vom Tag: Eph 4,1-7.11-13; Mt 9,9-13

„Together in difference – United in faith“, so lautet das spannende Leitwort, mit dem Sie, liebe pastorale Mitarbeiterinnen, die heutige Aussendungsfeier überschrieben haben. Vordergründig ist es dem Eingangslied entnommen, mit dem wir uns am Anfang eingestimmt haben, „in all unserer Verschiedenheit gemeinsam den Herrn zu loben, verbunden im Glauben“.

Hintergründig kann es auch als Zusammenfassung der ersten Lesung aus dem Epheserbrief verstanden werden, die wir vorhin gehört haben. Darin lehrt uns der Apostel Paulus, dass wir als Christinnen und Christen mit unterschiedlichen Gaben ausgestattet und zu verschiedenen Diensten innerhalb der Kirche berufen sind. Wir alle jedoch sollen „zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen“ (Eph 4,13). Was für ein hoher Anspruch, von dem wir uns jedoch nicht abschrecken lassen sollten! Denn uns trägt eine „gemeinsame Hoffnung“ (Eph 4,4), auf die Sie in Ihrer Einladungskarte hinweisen: Die Hoffnung, dass wir bei unseren Projekten nicht alleine sind, sondern dass der Herr uns mit seinem Heiligen Geist zu Hilfe kommt und uns in Gemeinschaft zusammenführen will. Er begleitet uns auch bei unseren derzeitigen Diskussionen darüber, wie sich die Kirche weiter entwickeln muss, um zukunftsfähig zu bleiben und Menschen im Sinne Christi eine geistige Heimat anbieten zu können.

Da dies eine Frage ist, die uns alle betrifft, möchte ich heute drei Perspektiven angeben; darüber beraten die Bischöfe der Weltkirche und die weiteren Mitglieder der Synode in den kommenden Wochen in Rom. Papst Franziskus wünscht, dass nicht nur wir Bischöfe, sondern alle Gläubigen darüber nachdenken, wie wir zukünftig eine missionarisch-synodale Kirche sein können, die die Botschaft des Herrn traditionsgetreu und zugleich zeitgemäß, vor allem aber glaubwürdig und einladend verkündet. Jene drei Perspektiven, über die ich sprechen möchte, umfassen die Bedeutung von Beziehungen (1), Wegen (2) und Orten (3) im Kontext der Pastoral.[1]

 

1. Beziehungen

Beginnen wir mit den Beziehungen, womit in erster Linie die Verbindung der Christinnen und Christen zum Herrn, aber auch untereinander und über die Kirche hinaus gemeint ist. Zunächst ist es wichtig, sich immer wieder neu bewusst zu machen, dass nicht wir uns erwählt haben, sondern dass der Ruf Gottes an uns erging, wie es Paulus den Ephesern erklärt (vgl. Eph 4,1). So verschieden unsere Lebenswege auch sind – Sie haben mir bei unserem persönlichen Treffen davon erzählt -, irgendwann hörten wir alle in uns eine Stimme, die uns zurief: „Folge mir nach!“ (Mt 9,9) Das Beispiel von Matthäus im Evangelium zeigt, welche Kraft in dieser Berufung steckt. Der Zöllner lässt alles stehen und liegen, weil die Stimme Jesu ihn verändert. Er ist tief in seinem Inneren berührt, entdeckt plötzlich das Gute in sich, lädt eine ganze Schar von Leuten zum Essen ein und bemüht sich, fortan ein gerechterer Mensch zu sein. Allein die Nähe Jesu hat ihn seelisch geheilt (vgl. Mt 9,12) und seinem Leben eine völlig neue Richtung gegeben, zu seinem Wohl und dem anderer.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gleich, an welchen pastoralen Einsatzstellen wir täglich unseren Dienst tun, dieses Evangelium kann uns stets daran erinnern, gut auf die Stimme Jesu zu hören. Ich werde darum nicht müde, bei den alljährlichen Aussendungsfeiern zu sagen, dass Sie sich bitte jeden Tag eine gewisse Zeit für den Herrn reservieren mögen. Eine lebendige Beziehung zu Gott ist die entscheidende Basis dafür, dass wir seelisch gesund bleiben und nicht nur Sinn in unserem alltäglichen Handeln finden, sondern auch Freude verspüren. Gerade, wenn wir einmal nicht mehr weiterwissen, sollten wir uns daran erinnern, was Paulus uns sagt: Gott, der Herr, wird jede(n) von uns zur Erfüllung seines bzw. ihres Dienstes „rüsten“ (Eph 4,12). In IHM können wir immer wieder neu aufbrechen und letztlich segensreich wirken wie Matthäus. Er, der zuvor jeden Tag das Geld der Leute zählte, in seinem Herzen aber verschlossen war - er entdeckt plötzlich, wie schön und erfüllend es ist, auf Menschen zuzugehen, und mit Ihnen das Leben und den Glauben zu teilen.

Das ist das Ziel einer missionarisch-synodalen Kirche, welche nicht nur um sich selber kreist, sondern auch in einen Dialog mit der Welt tritt. Wir tun dies auf verschiedene Weise in unseren pastoralen Diensten und Ämtern. Es freut mich sehr, dass heute sechs Frauen öffentlich ihre Bereitschaft erklären, als Pastoralreferentinnen, Gemeindereferentinnen und als Pfarrreferentin Gott und den Menschen zu dienen. Dass unter den Auszusendenden heuer ausschließlich Frauen sind, kann uns zudem daran erinnern, dass es schon in den ersten christlichen Gemeinden zahlreiche Apostelinnen und Prophetinnen gab (vgl. die lange Liste in Röm 16,1-24), die bei der Lehre und Verkündigung eine große Rolle spielten. Heute denken wir darüber nach, inwieweit die Mitwirkung von Frauen am Leben und in der Leitung der Kirche weiterentwickelt werden kann. Auch das wird ein wichtiger Punkt sein bei unseren Gesprächen in Rom. Selbst wenn es keine schnellen Lösungen geben wird, dürfen wir gespannt sein, wie und wohin die Debatte laufen wird – auch über die Synodenaula hinaus.

Damit komme ich zur zweiten Perspektive: den neuen Wegen.

 

2. Wege

Einer der wichtigsten Erkenntnisse, die wir beim synodalen Prozess gewonnen haben, ist die Bedeutung des Zuhörens. Man sollte meinen, dass dies bei Priestern und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Fähigkeit ist, die man stets voraussetzen kann. Doch haben die Rückmeldungen der Synodenteilnehmer gezeigt, dass viele sich in diesem Bereich nicht ausreichend geschult fühlen. So gibt es konkret eine Vielzahl an Methoden des Zuhörens, des Dialogs und des Unterscheidens, in die wir alle uns stärker einüben sollten. Ganz besonders gilt das im Hören auf die Stimmen der Menschen am Rande unserer Gesellschaft. Jede Form der Evangelisierung läuft ins Leere, wenn wir den Schrei der Armen überhören!

Der Weg der Kirche muss darum sein, mit dem Ohr des Herzens auf die Stimme Gottes auch in unseren Mitmenschen zu hören, miteinander im Gebet und Dialog zu ergründen, wohin ER uns führen will, und schließlich Entscheidungen zu treffen, die möglichst transparent und gemeinschaftlich getragen sind. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass ein solches Einüben in synodale Prozesse der richtige Weg für unsere Kirche ist, zugleich aber auch Konfliktpotential birgt. Während die einen sich davon möglichst schnell konkrete kirchliche Reformen und Veränderungen erhoffen, fürchten andere gar den Verlust des katholischen Profils. Ich kann hier nur mit den Worten des Apostels Paulus aus der heutigen Lesung darum bitten, dass wir alle „friedfertig und geduldig“ (Eph 4,2) bleiben. Wahren wir die Einheit, indem wir es aushalten, dass die Geschwindigkeiten und Prioritäten innerhalb der Kirche sehr unterschiedlich sind. Die Kirche ist ein Global Player. Für uns in Deutschland kann das heißen: Gehen wir mutig voran, wo es nötig und möglich ist, respektieren wir aber auch, dass manche Entscheidungen nur auf weltkirchlicher Ebene getroffen werden können.

Dies führt mich zu meinem letzten Punkt: den Orten der Pastoral.

 

3. Orte

Kirche realisiert sich immer in einem konkreten Umfeld, ob in der Territorial- oder Kategorialseelsorge. Sie, liebe Mitarbeiterinnen, werden schon bald an ihren neuen Einsatz-Orten beginnen. Hier gilt es wahrzunehmen, dass wir unseren Dienst in einem immer stärker von religiöser und kultureller Vielfalt geprägten Umfeld verrichten. Eine zeitgemäße Katholizität verlangt von uns daher die Bereitschaft, auch solche Faktoren zur Förderung des Lebens, des Friedens, der Gerechtigkeit und der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung anzunehmen, die in anderen Kulturen und religiösen Traditionen vorhanden sind. Dabei kommt der Ökumene und dem interreligiösen Dialog eine wichtige Rolle zu. Sehen wir die wachsende Zahl an Flüchtlingen und Migranten nicht als Bedrohung an, sondern erkennen wir darin auch eine Chance, in der Freude an der Begegnung mit den Menschen unterschiedlicher Herkunft zu wachsen und Vielfalt als etwas Bereicherndes zu betrachten.

Seit seinen Anfängen hat der christliche Glaube sprachliche, kulturelle und politische Grenzen überschritten, weswegen ich an der Stelle noch einmal an die einstimmige (!) Erklärung aller deutschen Bischöfe bei der letzten Frühjahrsvollversammlung in Augsburg erinnern will, wonach völkischer Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit mit dem Christentum absolut unvereinbar sind. Sicherlich dürfen bestimmte wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme in unserem Land nicht klein geredet oder gar ignoriert werden. Sämtliche Lösungsansätze aber müssen dem humanitären Ethos entsprechen, das im Christentum vor- und mitgeprägt ist, und das die Grundlagen unseres Staates und der Gesellschaft in Deutschland definiert. Menschenwürde, Menschenrechte, besonders der Schutz des Lebens vom Anfang bis zu seinem natürlichen Ende sowie Solidarität sind dessen elementare Bestandteile.

Diesbezüglich gibt es noch ein weiteres Feld, das wir bei der Perspektive der „Orte“ im Kontext der Pastoral nicht aus dem Blick verlieren dürfen: Die sog. digitalen Räume. Immer mehr, vor allem junge Menschen verbringen täglich Stunden in virtuellen Welten. Hier braucht es von kirchlicher Seite nicht nur ethische Begleitung, sondern auch seelsorgliche Angebote, damit Menschen sich in der Weite des Internets nicht verlieren, vereinsamen oder radikalisieren. Gerade die KI wird nicht nur Hilfe sein, sondern auch Herausforderung.

Wie wir sehen, gibt es viel zu tun. Machen wir uns grundsätzlich klar, dass das Geschenk des Evangeliums Menschen angeboten wird, die zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Räumen leben; es sind Menschen, die nicht in sich selbst verschlossen sind, sondern Geschichten mit sich tragen; Menschen, die respektiert und eingeladen werden sollen, sich für breitere Horizonte zu öffnen. In der Wertschätzung von Vielfalt als Reichtum liegt ein entscheidender Schlüssel, damit Kirche wachsen und zukunftsfähig bleiben kann. Sie, liebe Mitarbeiterinnen, wollen dazu einen Teil beitragen. Dafür danke ich von Herzen, und wünsche Ihnen und uns allen weiterhin viel Freude dabei, den Menschen von der Hoffnung zu erzählen, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).

„Together in difference – United in faith“!

[1] Die Gliederung folgt dem Instrumentum laboris für die Vollversammlung der Bischofssynode 2024.