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Katechese von Bischof Bertram beim "Cantate Domino" zum 1. Advent

Betrachtung zu den O-Antiphonen: O Clavis David - O Schlüssel Davids

30.11.2024 18:00

„O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel - du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen: o komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes!" Seit es Türen gibt, gibt es auch Schlüssel. Der Schlüssel ist also ein klares Zeichen für die Sesshaftwerdung des Menschen: Unsere Vorfahren haben sich in Gegenden niedergelassen, in denen ihnen das Leben möglich und sicher schien. Wer ein Haus bauen will, muss wissen, mit welcher Umsicht und Kraftanstrengung dies verbunden ist. Jesus von Nazareth war von Beruf Zimmermann und hatte, so ist anzunehmen, mindestens die Hälfte seines Lebens mit dem Bauen von Häusern und Ställen, von Schutzzäunen und nützlichen Geräten für Haus und Hof zu tun. Das Bildwort vom klugen bzw. törichten Hausbau ist deshalb wirklich ‚erfahrungsgesättigt‘:

„Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Und jeder, der diese meine Worte hört und nicht danach handelt, ist ein Tor, der sein Haus auf Sand baute. Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört.“ (Mt 7,24-27) 

Vielleicht ist es gerade dieser berufliche Hintergrund, der Jesus veranlasste, seinen getreuen Jünger Simon nach dessen Messiasbekenntnis – „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ – besonders auszuzeichnen: „Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein“ (Mt 16,16-19). Bis heute bilden daher gekreuzte Schlüssel ein Kernelement des Wappens für den Nachfolger Petri.

Im übertragenen Sinn sprechen wir auch von sog. „Schlüsselbegriffen“ zum Verständnis von literarischen und anderen Texten oder neuerdings von „Schlüsseltechnologien“, wenn wir davon überzeugt sind, dass bestimmte Entwicklungen unumkehrbar und zukunftsträchtig sind.

Was hat es nun aber mit dem „Schlüssel Davids“ auf sich, als der, wenige Tage vor Weihnachten, der menschgewordene Gott angesprochen und herbeigerufen wird?

Der biblische Ursprung dieses Bildes liegt beim Propheten Jesaja. Dort heißt es von Eljakim, dem Sohn des Königs Hilkija: „Ich werde ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter legen. Er wird öffnen und niemand ist da, der schließt; er wird schließen und niemand ist da, der öffnet“ (Jes 22,22). Mit der Personifikation Jesu als „Schlüssel Davids“ wird folglich in der O-Antiphon die Einbettung Christi in die Geschlechterfolge jenes Königs betont, der wie kein anderer für die Glanzzeit des Volkes Israel steht. Im selben Zusammenhang steht der Stammbaum Jesu zu Beginn des Matthäus- und Lukasevangeliums, nämlich als theologischer Hinweis auf die Auserwählung Mariens und die Erfüllung der jahrtausendealten Verheißungen in der Geburt Jesu Christi (Mt 1, 1-17; Lk 3,23-28).

Wer die Schlüsselgewalt zu verschlossenen Bereichen des Hauses besitzt, übt Macht aus. Wir kennen das alle aus der Familie: Vielleicht gibt es da den Schrank, in den die Süßigkeiten weggesperrt sind, oder die Schublade, in die das Handy kommt, das die jungen und jüngsten Familienmitglieder nur stundenweise nutzen dürfen. Früher war es auch die Haushaltskasse, die man auf diese Weise gegen unbefugten Zugriff verwahrte. Und nicht umsonst sind bei Jugendlichen bis heute abschließbare Tagebücher hoch im Kurs. Denn Geheimnisse sollen nicht ohne Weiteres zugänglich sein.

Doch wo Macht im Spiel ist, besteht leider auch die Gefahr des Missbrauchs. Dies prangert Jesus deutlich an, als er bei einem theologisch Gebildeten zu Gast ist und sieht, wieviel Wert er auf äußeren Anstand legt. Dabei ist es doch vor allem die innere Haltung, auf die das Augenmerk gerichtet sein soll. Jesu Weherufe gegen die Schriftgelehrten schließen daher ganz an die der Propheten des Alten Testamentes an und gipfeln in der Aussage: „Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert“ (Lk 11,52).

In der persönlichen Vorbereitung auf das Hochfest der Geburt Christi können wir uns fragen: Wo habe ich einem anderen Menschen den Zugang zu wichtigen Informationen, zu einem Erfolgserlebnis oder sonst einer Erfahrung verwehrt, die für ihn wertvoll gewesen wäre? Wer es mit der Nachfolge Christi ernst nimmt, darf sich vor einer solchen Gewissenserforschung nicht verschließen. Wie leicht zeigen wir mit dem Finger auf andere oder beklagen den gesellschaftlichen Niedergang von Anstand und Respekt. Gläubig sein heißt jedoch vor allem, sensibel werden für die negativen Regungen meines eigenen Herzens, mich in Gebet und Beichte ehrlich zu ihnen zu bekennen und beständig an einer für andere spürbaren Verbesserung zu arbeiten. Darüber hinaus ist es notwendig, ‚Ursachenforschung‘ zu betreiben: Welche Motive stecken bei mir dahinter, wenn ich meine Macht nicht (oder nicht immer) in den Dienst des großen Ganzen stelle oder zur Förderung z.B. meiner Geschwister und Angehörigen, meiner Kolleginnen und Mitarbeiter einsetze?

Andererseits wissen wir alle: Wer Verantwortung hat und sie redlich wahrnehmen will, wird immer wieder in Situationen kommen, in denen er, um andere zu schützen oder um eines höheren Gutes willen, nicht offen kommunizieren kann. Was für den Arzt und die Therapeutin, die Staatsanwältin und den Richter oberstes Gebot ist, nämlich die Diskretion – wörtlich die „Unterscheidung“ zwischen dem sog. forum internum und forum externum –, das ist für den katholischen Priester das Beichtgeheimnis. Schon in der frühen Kirche wurde die Binde- und Lösegewalt, die Jesus Simon Petrus anvertraut hat, auf das Sakrament der Versöhnung bezogen.

Dass aber gerade dieses für die ‚Seelenhygiene‘ so zentrale Sakrament heute in Verruf geraten ist, liegt sicher auch daran, dass seine heilende und befreiende Kraft zu oft gegenüber dem Einsatz als Disziplinierungsinstrument verdunkelt wurde. Deshalb bedarf es einer großen Behutsamkeit und Sensibilität der in der Pastoral Verantwortlichen, um Menschen, die schmerzvolle Erfahrungen gemacht haben, spirituell aufzufangen und vorsichtig für eine andere Sichtweise der Beichte zu öffnen.

Gott sei Dank gibt es jedoch auch die Erfahrung der lichten Seite des Sakramentes der Versöhnung: Wie oft habe ich erlebt, dass Menschen, die jahre- oder gar jahrzehntelang subjektives Versagen oder Schuld mit sich herumgetragen haben, Freudentränen in die Augen traten, weil sie sich in einem Beichtgespräch endlich alles von der Seele reden konnten und im gemeinsamen Reflektieren auch erkannten, welche Schritte der zwischenmenschlichen Versöhnung sie gehen können. „Salus animarum suprema lex – das Heil der Seelen ist oberstes Gesetz“, dieser Grundsatz am Ende des verfassten Kirchenrechts (CIC) muss dabei der zentrale Maßstab für jeden Ausspender des Sakramentes sein. Niemand darf sich im seelsorglichen Kontext als Richter aufschwingen; menschliche Erkenntnis ist schließlich immer begrenzt und hat zuallererst das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe (Lk 10,27) zu beherzigen.

„O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel - du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen: o komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes!"

Schlüssel und Zepter sind seit uralten Zeiten Herrschaftsinsignien und auch, wenn das Zepter uns heute fast nur noch von Porträts in Museen oder aus Historienfilmen geläufig ist, so ist die damit verbundene Aura selbst in einer so technologisch und von KI bestimmten Welt wie der unseren immer noch lebendig. Da im Gebrauch des Schlüssels bis heute etwas Endgültiges liegt, ist nachvollziehbar, dass in der Bibel die letzte Macht über Öffnen und Verschließen Gott selbst zugesprochen wird. Wie es Jesu Gleichnis vom Jüngsten Gericht (Mt 25, 31-46) veranschaulicht, entscheidet sich allerdings schon im irdischen Leben, welcher Weg für den Einzelnen nach dem Tod vorgezeichnet ist. „Heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt“ – dieses neue geistliche Lied bringt es auf den Punkt: Die Entscheidung über unser Wohl und Wehe ist zu einem großen Teil, vielleicht auch gänzlich, in unsere eigenen Hände gelegt!

So berührt das Kommen Jesu, das am 20. Dezember mit dieser O-Antiphon bei der Vesper im Stundengebet und dem Hallelujaruf vor dem Evangelium in der Heiligen Messe bzw. den Wort-Gottes-Feiern aus ganzem Herzen erhofft wird, tatsächlich das existentielle Moment des Glaubens: Es geht um Leben und Tod. Der heilige Paulus hat dies im 1. Korintherbrief auf den Punkt gebracht: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1 Kor 15,22).

Was aber nährt uns, die wir Christus vertrauen, auf dem Weg ‚von der Wiege bis zur Bahre‘? Wegzehrung für unser geistliches Leben ist die Heilige Eucharistie: Seit den Tagen Jesu, der mit seinen Jüngern Tischgemeinschaft pflegte bis zum Höhepunkt beim letzten Abendmahl und nach seiner Auferstehung im Momenten des Brotbrechens von ihnen als „Herr und Meister“ erkannt wurde (Lk 24, 30-32), ist das sog. Herrenmahl wesentlicher Ausdruck christlichen Lebensvollzuges. Durch die Jahrhunderte hindurch wird dieses Sakrament neben Taufe und Firmung als Initiationssakrament verstanden und daher vom II. Vatikanischen Konzil als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (Lumen gentium, Nr. 11) bezeichnet.

Was in der Urkirche noch eine Einheit bildete, hat sich aus pastoralen Gründen ausdifferenziert und stellt die schrittweise Eingliederung in die Gemeinschaft der Kirche dar. Während Taufe und Firmung nur einmal im Leben empfangen werden, ist die Mitfeier der heiligen Eucharistie und der Empfang von Leib und Blut Christi am Herrentag, dem Sonntag, ausdrücklich geboten, wird aber auch an den Werktagen sehr empfohlen, damit der/die einzelne Glaubende die unmittelbare Beziehung zu Christus und zu den Mitglaubenden lebendig halten kann. Denn sie ist ähnlich dem inneren Gebet nach einem vielzitierten Wort der Reformerin des Karmelordens, der heiligen Teresa von Avila (1515-1582), „nichts anderes als das Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammen kommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“[1]

In derselben Liebestradition steht drei Jahrhunderte später die junge Karmelitin Thérèse vom Kinde Jesu (1873-1897). Sie schreibt im Herbst 1895 ein geistliches Gedicht, dessen erste Strophe den Schlüssel des Tabernakels in den Blick nimmt. Es heißt dort: „Kleiner Schlüssel, wie beneide ich dich! Du kannst/ jeden Tag das Gefängnis der Eucharistie aufschließen,/ in dem der Gott der Liebe wohnt! Aber - welch süßes/ Wunder! – ich kann durch eine bloße Anstrengung/ meines Glaubens den Tabernakel ebenfalls öffnen,/ mich dort nahe dem göttlichen König bergen.(…)“[2]

Es mag eine ungewöhnliche Perspektive sein, die die Heilige von Lisieux hier einnimmt - und doch liegt vielleicht gerade in ihrer originellen und im guten Sinne kindlichen Spiritualität der Schlüssel für ihre anhaltende Beliebtheit. Denn sie scheute sich nicht, das unerschöpfliche Thema ihrer Liebe zu Jesus Christus virtuos und variantenreich zu entfalten. Lassen wir uns also in dieser Adventszeit von ihr und allen sehnsüchtig auf die Ankunft Christi Wartenden inspirieren und stimmen wir ein in den Chor der Flehenden:

„O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel - du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen: o komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes!"

[1] Teresa de Jesus, Vida (Das Buch meines Lebens) Kap. 8,5

[2] Thérèse von Lisieux, zit. n. Therese. Rundbrief an die Freunde der hl. Therese von Lisieux, Theresienwerk e.V. Augsburg, 2/2024, S. 12.