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Predigt bei der Christmette 2024 im Hohen Dom zu Augsburg

Arme Kirche, entdecke deinen Schatz!

25.12.2024 02:08

In den Tagen vor Weihnachten sitzt bei vielen der Geldbeutel lockerer als sonst. Ich meine das nicht nur im Blick auf die Geschenke. Ich denke ebenso an die Spendenbereitschaft der Menschen in unserem Land. Nicht nur die Galashows für wohltätige Zwecke, auch die kirchlichen Hilfswerke können sich nicht beklagen.

Spendenaktionen haben auch heuer hohe Summen erbracht. Und viele Gottesdienstbesucher werden heute mit einer großzügigen Spende die bischöfliche Aktion Adveniat unterstützen. Vor Weihnachten sind wir sensibel für die Not der Menschen.

Woran liegt es? An der guten Werbung der Hilfsorganisationen, an der sentimentalen Stimmung, die Weihnachten verbreitet als „Fest der Liebe und des Friedens“? Oder könnte es doch auch einen tieferen Grund dafür geben? Einen Grund, der im Geheimnis der Heiligen Nacht selbst verborgen liegt und den wir als Christen in ökumenischer Verbundenheit wieder stärker freilegen sollten in einer Gesellschaft, die bunt und vielfältig ist?

Ich bin überzeugt, dass Weihnachten Menschen zutiefst berührt, obwohl viele vielleicht nicht wissen, was sie da eigentlich feiern. Diese Nacht bringt eine zutiefst menschliche Saite in uns zum Schwingen. Ich möchte an dieser zarten Saite zupfen und sie mit Ihnen zum Klingen bringen.

Es ist die A-Saite: A wie Armut. Sie haben richtig gehört: Auch wenn „der ewigreiche Gott“ besungen wird, gibt an Weihnachten die Armut den Ton an. Wer richtig Weihnachten feiern will, kann die Armut und Not der Welt nicht umgehen. Wer zur Krippe geht und das Kind sehen will, bekommt die Armut zu sehen:

Die materielle Armut eines jungen Paares, das sich auf ihrer staatlich verordneten Reise zur Volkszählung oder besser zur Steuererfassung kein angemessenes Zimmer in einer Herberge leisten kann.

Die seelische Armut einer Familie, die keinen Platz hat, stattdessen auf verschlossene Türen, auf Ausgrenzung und Ablehnung stößt. Die Hoteliers von Bethlehem haben nicht einmal ein Hinterzimmer frei.

Die Armut eines schutzlosen kleinen Kindes, das eine schwierige Geburt ist in vielerlei Hinsicht, das einen Vater braucht, weil nur die Mutter menschlich vermittelbar ist, und das auf die Sorge des Pflegevaters angewiesen ist.

Die Armut der Hirten, die zu den Außenseitern der Gesellschaft und des religiösen Establishments zählten. Stattdessen passten sie in den Augen vieler gut hinein in die Gesellschaft von Ochs und Esel.

Wer die Geschichte von Bethlehem weiterverfolgt, wird später der Armut von Menschen begegnen, die äußerlich zwar reich waren an Besitz und Wissen, aber als Weisen aus dem Morgenland Fremde in Jerusalem und fast zum Spielball des mächtigen Herodes instrumentalisiert worden wären.

Schließlich stoßen wir auf die Armut derer, die vor Verfolgung fliehen müssen, ins Ausland, in eine fremde Kultur, ohne Sprachkenntnisse, ohne Arbeitsplatz, ohne Aufenthaltsgenehmigung.

Mich hat eine Predigt berührt, die Papst Franziskus am Welttag der Armen am 17. November 2024 im Petersdom hielt. Dabei erwähnte er ein Foto, das ein römischer Fotograf gemacht hat: „Sie kamen aus einem Restaurant, ein erwachsenes, fast schon älteres Paar, im Winter; die Frau gut mit einem Pelz bekleidet und der Mann ebenfalls. Bei der Tür lag eine arme Frau auf dem Boden und bettelte, und beide schauten weg … Das passiert jeden Tag.“ Wegschauen: Armut hat viele Gesichter. „Vergessen wir die Armen nicht!“ (Ebd.)

Jede Form der Not, jede Facette von Armut hat an der Krippe Platz. Und damit auch unsere persönliche Armut, an der wir gerade leiden und knabbern. Das ist beruhigend. Es tröstet, was nicht bedeutet, die Armut zu verharmlosen nach dem Motto: „Es ist ja alles nicht so schlimm. Schwamm drüber, in einiger Zeit ist alles vergessen.“ Nein: Armut kann nicht beruhigen. Beruhigend und tröstlich ist vielmehr zu wissen: Die Armen haben Gott auf ihrer Seite. Wenn ich meine Armut erkenne und eingestehe, dann ergreift Gott für mich Partei. Denn ER ist selbst arm geworden und hat sich als kleines Wickelkind in eine Krippe gelegt.

„Arme Kirche!“ hören wir immer wieder von Menschen, die Mitleid haben mit uns. Die Welle an Kritik, innerhalb und außerhalb unserer Gemeinschaft, nimmt kein Ende. In der heiligen Kirche gibt es Scheinheilige und schwarze Schafe.

„Arme Kirche!“ Dieser erschreckte Ausruf darf uns aber nicht dazu verleiten, uns selbst zu bemitleiden. Seit Jahren wird die Kirche mit einer Seite ihrer selbst konfrontiert, die ihr den Spiegel der Wahrheit hinhält: Kirche, entdecke deine Armut! Kirche, gestehe deine Schuld! Kirche, du hast viel Vertrauen missbraucht. Versuche, es mit kleinen Schritten wiederzugewinnen. Kirche, dein Reichtum ist nicht Geld und Macht, sondern innere Autorität und Glaubwürdigkeit. Kirche, fang klein an wie Jesus, werde arm wie das Kind in der Krippe! Das ist deine Chance, wieder Boden zu gewinnen.

Das Credo von Weihnachten lautet: Gott ist Mensch geworden. Genauer: Gott ist Kind geworden. Als Erwachsener wird Jesus sagen: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan.“ Zu den geringsten Brüdern und Schwestern gehören die Kinder. Umso ärmer stehen wir als Kirche da, wenn wir zugeben müssen: „Da haben sich Mitglieder von uns an Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen vergangen.“

Doch nicht nur die Kirche wird mit ihrer Armut konfrontiert, auch die Gesellschaft muss einsehen, dass sie trotz allem Wohlstand arm ist. Wir sind arm an Werten. Wieder einmal diskutieren wir über den Lebensschutz. Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass wir keine gemeinsame Grundlage mehr dafür finden, wann das Leben eines Menschen anfängt und wann es aufhört? Kein Mensch ist ein Unfall oder ein Schadensfall; keinem Menschen, sei er ungeboren oder alt oder gebrechlich, dürfen wir die Menschenwürde vorenthalten. Vom ersten Moment der Empfängnis entwickelt sich ein Mensch, und nicht: es entwickelt sich etwas zu einem Menschen hin. Die Basis für diese Position ist nicht eine gestrige konservative Einstellung, sondern eine wissenschaftliche und vernunfteinsichtige Tatsache. Deshalb ist das Eintreten für den Lebensschutz auch ein Bekenntnis zur Menschenwürde.

Weihnachten ist ein Fest, das uns deshalb anspricht, weil es an Saiten rührt, wo wir Mangel leiden, wo wir arm sind. Wenn der Evangelist ausdrücklich erwähnt, dass Jesus in Windeln gewickelt wurde, ist das für mich nicht nur ein Hinweis darauf, dass Jesus ganz Mensch war. Ich frage mich auch: Sollten die profanen Windeln vielleicht deshalb in die heilige Schrift eingegangen sein, um zu zeigen: Schon in der Krippe hat Jesus in die Hose gemacht, weil er ahnte, wie die Logik der Ellbogengesellschaft funktioniert? Gibt es nicht auch heute genug Bettnässer, weil sie mit ihrer Angst nicht zurechtkommen, eine Angst, die daher rührt, dass Vertrauen schamlos ausgenützt wurde?

Weihnachten ist ein Fest der Armut. Gott ist arm geworden, „er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein“ (Gotteslob 247, 2. Strophe). Der arme Jesus hat sich in eine Krippe gelegt. Aus dem Futtertrog zehren wir bis heute: die arme Kirche, die dadurch reich wird, dass sie ihre Armut erkennt und eingesteht. Armer Jesus von Nazareth, zeige uns, wie arm wir sind, wenn wir uns von dir nicht bereichern lassen! Armer Jesus, du bist unser Schatz.