Begegnung mit dem Licht
Liebe Mitfeiernde, wir schätzen etwas oft erst dann, wenn wir es schmerzlich vermissen: in der Kälte die Wärme; in der Dunkelheit das Licht; in der Krankheit die Gesundheit; im Krieg den Frieden; in der Einsamkeit die Freundschaft; in Gefangenschaft die Freiheit. Besonders im Winter sehnen wir uns nach der Sonne und dem wohligen Gefühl, das sie mit sich bringt.
Es ist daher kein Zufall, dass in der vorchristlichen Zeit gerade mitten im Winter das Fest der unbesiegten Sonne, des Sol Invictus, gefeiert wurde. Die junge Kirche wusste, welche Alternative sie dem Sonnenkult des Heidentums anbieten wollte: Weihnachten war die christliche Antwort; Geburt und Taufe des Herrn feierte man ursprünglich als Einheit unter dem Namen „Erscheinung des Herrn“. Als Getaufte besingen wir bis heute Christus als die „Sonne der Gerechtigkeit“. Wir glauben an ihn als das wahre und heitere Licht, das uns tröstet und unseren Weg erleuchtet.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich komme immer wieder gerne in der Vorweihnachtszeit zu Ihnen, um Ihnen zu zeigen, dass Sie nicht vergessen sind und um Sie einzuladen, Ihr eigenes Leben im verzeihenden Licht Jesu Christi zu betrachten. Ich denke dabei auch an den dieses Jahr verstorbenen Papst Franziskus: Wie oft hat er bis zu seinem Lebensende Justizvollzugsanstalten besucht! Völlig erschöpft, mit letzter Lebenskraft, wollte er unbedingt noch am Gründonnerstag im April ein Gefängnis besuchen, um bei seinen geliebten Geschwistern zu sein. Schwer erkrankt konnte er ihnen nicht wie jedes Jahr die Füße waschen. Doch er hat – wenn auch mit sehr schwacher Stimme – mit ihnen gemeinsam gebetet. Einige Tage später, am Ostermontag, ist er gestorben, nachdem er ein letztes Mal die Botschaft der Auferstehung öffentlich verkündet hatte.
Wie der Glaube an die Auferstehung den endgültigen Sieg des Lichtes über die Finsternis feiert, so beginnt mit der Geburt des Erlösers, die wir an Weihnachten feiern, dieser Weg des Heiles für die Welt. Das Licht verbindet Christi Geburt und Ostern. Gott kommt in die Welt; er wird Mensch, um uns, wirklich uns allen Hoffnung, Perspektive, Wärme und Liebe zu schenken – und den Tod zu besiegen!
Deshalb ist der Advent seit alters her eine Zeit heiterer Ungeduld. Wir sehnen uns nach dem Kommen des Herrn – „Tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab“, heißt es in einem der schönsten Adventslieder. Alles, was wir Menschen so dringend brauchen: Stärkung, Versöhnung, Trost, Heilung und Schönheit - in Christus wird es uns in Fülle geschenkt!
Das liebende Licht Christi ist mehr als eine physikalische Kraft. Es ist mehr als der Inbegriff der schönsten Jahreszeit. Es ist eine Person. Es ist Gott selbst, der Mensch wird: unser Herr Jesus Christus, der uns als Freund begegnen möchte. Unseren Herrn beten wir nicht als fernen Gott an; wir begegnen ihm persönlich. Er wird einer von uns, er hört uns, spricht mit uns und zeigt uns den Weg, der zum echten und erfüllten Leben führt. Er wird jetzt in der Eucharistiefeier, der Heiligen Messe unter den Gestalten von Brot und Wein ganz gegenwärtig, damit wir nie mehr allein sind, sondern ihn in uns tragen.
In der Lesung haben wir die hoffnungsreichen Worte des Propheten Jesaja gehört, der von der „Herrlichkeit des HERRN“ spricht, „von der Pracht unseres Gottes“ (Jes 35,2). Jesaja ermutigt uns in unserem Warten: „Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott!“ (Jes 35,4). Er weiß um das Wunder: Kummer und Seufzen entfliehen“ (Jes 35,10), wenn der Herr da ist.
Die Begegnung mit Jesus Christus ist also nicht eine von vielen. Sie ist die eine, die unser Leben verändern kann. Indem wir uns für Jesus öffnen, werden wir verwandelt, wir werden zu dem, was wir im Tiefsten sind: ein unendlich geliebtes Geschöpf, ein Kind Gottes. Jeden Tag bietet er uns die Hand zur Versöhnung, jeden Tag dürfen wir ihm neu vertrauen. Denn Christus überfordert uns nicht. Im Gegenteil: Sein Licht hilft uns, unsere guten Seiten, unsere Fähigkeiten und Stärken zu entdecken, an die wir selbst nicht mehr glauben wollen, weil sie unter der Dunkelheit unseres Alltags, unserer Schuld und Hoffnungslosigkeit verschüttet sind. Versuchen wir es in diesen Tagen vor Weihnachten: Öffnen wir die Tür unserer Seele für gute Gedanken, versöhnliche Gefühle, vielleicht sogar durch ein Stoßgebet: „Herr, hilf mir…“ Vertrauen wir uns seiner heilenden Kraft an – wir haben nichts zu verlieren, aber sehr viel zu gewinnen!
Am heutigen Tag der Gefangenen möchte ich zum Abschluss an die Worte von Papst Franziskus erinnern, die er im vergangenen Jahr bei seinem Besuch in einem Frauengefängnis in Venedig gesprochen hat: „Wir wollen heute gemeinsam unser Vertrauen in die Zukunft erneuern, ihr und ich. Nicht das Fenster schließen, bitte, immer auf den Horizont schauen, immer voller Hoffnung in die Zukunft schauen! Ich stelle mir die Hoffnung gern als einen Anker vor, weißt du, der in der Zukunft verankert ist, und wir haben das Seil in Händen und gehen voran mit dem Seil, das in der Zukunft verankert ist. Nehmen wir uns vor, jeden Tag mit den Worten zu beginnen: »Heute ist der richtige Zeitpunkt«, heute, »jetzt ist er da, der richtige Tag«, heute (vgl. 2 Kor 6,2). »Heute fange ich wieder neu an«, immer, das ganze Leben lang! Ich danke euch für diese Begegnung und versichere euch meines Gebets für jede von euch. Und bitte, betet ihr für mich.“[1] Genauso wie der Papst möchte auch ich Sie darum bitten, für mich zu beten. Sie sind in meinem Gebet und in meinem Herzen. Lassen wir uns vom Licht Christi wärmen. Ich wünsche uns allen eine besinnliche Adventszeit und lichtvolle Weihnachten.
[1] Besuch von Papst Franziskus in Venedig. Begegnung mit den weiblichen Häftlingen. Ansprache von Papst Franziskus. Innenplatz des Frauengefängnisses auf der Giudecca-Insel (Venedig), 5. Sonntag der Osterzeit, 28. April 2024 https://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2024/april/
documents/20240428-venezia-detenute.html
Lesungen: Jes 35,1-6a.10; Mt 25,1-13