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Predigt von Bischof Bertram zur Feier der Gründung der ukrainischen Seelsorge im Bistum Augsburg vor 80 Jahren

Ein Fest der Dankbarkeit und der Herausforderung

08.02.2026 12:30

Hochwürdigster Herr Exarch, lieber Bohdan, lieber Herr Pfarrer Sabalo, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder, wir feiern heute diesen festlichen Gottesdienst, weil wir Gott danken wollen für 80 Jahre ukrainische griechisch-katholische Seelsorge, das heißt: 80 Jahre geistliche und liturgische Beheimatung von Christinnen und Christen aus der Ukraine - hier in der Dreifaltigkeitskirche, wo 1946, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und noch sehr unter dem Eindruck von Trauer und apokalyptischer Zerstörung - auch dieser Kirche durch den Angriff vom 16. Juli 1944 -, die erste Hl. Messe im Byzantinischen Ritus gefeiert werden konnte.

Seither wuchs die ukrainische Gemeinde stetig, verlegte ihren Hauptsitz nach Neu-Ulm in die Kirche Maria Himmelfahrt und die verantwortlichen Pfarrer wurden zuständig für zahlreiche Gemeindemitglieder an insgesamt drei Gottesdienstorten, zu denen seit Jahren auch Hergatz-Wohmbrechts im Allgäu gehört.

Auf viele Jahrzehnte des stetigen Ausbaus eines seelsorglichen Netzwerkes innerhalb unseres Bistums folgte jedoch mit dem gewaltsamen Überfall Russlands auf die Ukraine vor vier Jahren und der großen Zahl von Geflüchteten, die der unmittelbaren Hilfe bedurften, eine extreme Belastungsprobe für alle bereits hier Ansässigen. Seit 2022 bedeutet das unberechenbare und grausame Kriegsgeschehen in Ihrer Heimat für alle eine enorme Herausforderung, auch für die Unterstützungsorganisationen in Kirche und Gesellschaft.

Deshalb ist es mir ein großes Bedürfnis, Dir, lieber Exarch Bohdan, heute nochmals ausdrücklich zu danken: Vom ersten Moment an hast Du Dich von München aus in ganz Bayern und Deutschland, ja in Europa unermüdlich für Deine Landsleute eingesetzt und wirbst auf allen Ebenen unter zunehmend schwierigeren gesellschaftlichen Bedingungen für eine gelebte Willkommens­kultur, christliche Gastfreundschaft und geschwisterliche Liebe. Ein herzliches Vergelt’s Gott für all Deinen Einsatz!

Damit sind wir mittendrin im Evangelium, das wir gerade gehört haben: Das „Gleichnis vom Gericht des Menschensohnes über die Völker“ ist nicht einfach eine endzeitliche Vision, die wir zur Kenntnis nehmen, um uns dann wieder dem irdischen Alltag zuzuwenden. Nein, sie hat unmittelbar mit dem Hier und Jetzt zu tun, woran ein bekannter deutscher Liedtext erinnert: „Heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt.“

Das Gericht Christi bricht nicht wie eine unerwartete Katastrophe von kosmischem Ausmaß über uns herein, der wir nur passiv und hilflos ausgeliefert wären. Im Gegenteil: Seit fast 2000 Jahren ist uns angekündigt, was wir nach dem Ende unseres irdischen Lebens zu erwarten haben. Die Fragen des Weltenrichters richten sich an alle Menschen ohne Unterschied und werden von allen verstanden, ganz gleich welchen Status, welche religiöse Überzeugung, welchen Ausbildungsstand sie haben. Wir werden einmal nach unser Menschlichkeit gerichtet werden – nicht mehr, aber auch nicht weniger!

In wenigen Tagen treten wir durch das Tor des Aschermittwochs in die vorösterliche Bußzeit ein, jene Zeit der Besinnung und des Verzichts, die uns reinigen soll von allem oft so kurzsichtigen und kurzfristigen Denken. Die Fragen, die unser Herr Jesus Christus im Evangelium stellt und jedem von uns einmal von Angesicht zu Angesicht stellen wird, eignen sich deshalb sehr gut als Fastenzeitimpuls für die tägliche, abendliche Gewissenserforschung:

Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? 

Wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben?

Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Die kirchliche Tradition hat aus dieser - und zahlreichen anderen Bibelstellen - die sieben Werke der Barmherzigkeit zusammengestellt, die da heißen: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten.

Nicht jede und jeder von uns ist zu allen Werken gleichzeitig oder in vollem Umfang aufgerufen – doch wir wissen, es kommt der Moment, in dem auch noch so gute Ausreden nicht mehr verfangen. Sie werden uns vielmehr im Hals stecken bleiben, wenn wir dann mit den Augen Gottes auf unser manchmal großspuriges und doch letztlich oft kleinmütiges Leben schauen!

Vor allem: Seit mehr als 200 Jahren, mit der Geburtsstunde des Nationalismus, einer modernen Form des Stammesdenkens, legen wir unserem spontanen Impuls, Bedürftigen zu helfen, meist ideologische Zügel an und sortieren aus, wer unsere Hilfe wirklich „verdient.“ Dieses anerzogene Verhalten ist sehr weit verbreitet und steht trotzdem im Gegensatz zu dem, was Jesus Christus von uns erwartet: „Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ – damit übersteigt unser Herr jede noch so große Solidarität durch die unmittelbare Identifikation mit dem Hilfsbedürftigen. Er verkleidet sich nicht in den Armen, er ist der oder die arme Person.

Das ist auch das Anliegen des Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth: Der „schwache Bruder“, auf den er die vermeintlich Starken unter den jungen Christen hinweist, soll durch deren unvorsichtiges Verhalten nicht in die Irre geführt werden. Alle in der Gemeinde sind füreinander verant­wortlich, so wie Christus für jeden einzelnen gestorben ist (1 Kor 8,11). Merken wir, wie weit wir uns von dieser gegenseitigen Verantwortung bereits entfernt haben?

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, wenn Ihnen jetzt beim Zuhören das Thema allmählich unangenehm wird – und ich kann das gut nachfühlen -, dann hat das heutige Evangelium sein Ziel erreicht: Nur wenn wir den „Stachel“ der Botschaft Jesu im Herzen spüren, können wir sicher sein, dass wir noch nicht abgestumpft und immunisiert sind, dass wir für Gottes leise, aber eindringliche Stimme noch erreichbar und empfänglich sind. Das aber ist die unbedingte Voraussetzung für die Metánoia, die notwendige Hinkehr zu Ihm, ohne die wir nie zu wahren Jüngerinnen und Jüngern Jesu werden können!

Lesungen: 1 Kor 8,8-9,2, Mt 25,31-46