„Das große „Wir“ der Kirche
Lieber Herr Gärtner, liebe Frau Dr. Hofstätter, liebe Mitglieder des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, liebe Schwestern und Brüder, es ist schön, dass wir uns mitten in der Osterzeit treffen, um Gott „Danke!“ für 75 Jahre Landeskomitee der Katholiken in Bayern zu sagen. Ostern – und freilich auch den Frühling – verbindet man mit einer Aufbruchsstimmung. Der Herr ist auferstanden, das Leben ist in seiner Fülle da, und wir haben Lust, dies zu feiern und davon zu erzählen.
Frucht einer solchen Aufbruchsstimmung in der Kirche war damals auch die Gründung des Landeskomitees; es freut mich, dass die Mitgliederversammlung zum Jubiläum in Augsburg stattfindet, nicht nur als Diözesanbischof, sondern auch wegen meiner langen persönlichen Verbindung zum Landeskomitee, als ich als Geistlicher Beauftragter der Freisinger Bischofskonferenz und für den Augsburger Diözesanrat tätig sein durfte. Ich empfange Sie gerne als Freundinnen und Freunde. Willkommen in Augsburg!
Im heutigen Evangelium wird von der Erscheinung des auferstandenen Jesus vor seinen Jüngern berichtet. Der Evangelist Markus, dessen Fest wir an diesem Tag begehen, erzählt, dass der Herr den Unglauben und die Verstocktheit der Elf tadelte, „weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten“ (Mk 16,14). Aber ganz ehrlich: Wer kann so etwas Unerhörtes glauben? Würden wir uns anders als die misstrauischen Jünger verhalten?
Der Auferstandene fordert diese Menschen heraus, indem er sie gerade mit der Verkündigung des Unvorstellbaren beauftragt: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15)
Wir tragen eine Frohe Botschaft, und dieses „Wir“ ist von essenzieller Bedeutung für unser Kirchenverständnis. „Wir“ heißt „wir alle“. Jesus Christus spricht zu seinen Jüngern; die Beauftragung wird aber auf all diejenigen übertragen, die den Glauben seiner Jünger teilen. Differenziert und klar hat das Zweite Vatikanum in einem eigenen Dekret, Apostolicam actuositatem, das Ihnen gut bekannt ist, über das Laienapostolat gesprochen. Die „Laienchristen“ haben einen „spezifischen und in jeder Hinsicht notwendigen Anteil an der Sendung der Kirche (…); das Apostolat der Laien, das in deren christlicher Berufung selbst seinen Ursprung hat, kann in der Kirche niemals fehlen“, so gleich im ersten Absatz dieses wichtigen Konzilsdokuments.
„Wir alle“: Kleriker und Laien, Männer und Frauen, Junge und Ältere. Der Klerikalismus hat in der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums nichts zu suchen. Er bietet keine zukunftsfähige Vision für die Kirche; an sich ist er ein Armutszeugnis. Ich bin dankbar, dass wir die Synodalität in der Kirche neu entdecken und immer konsequenter praktizieren. In diese Richtung müssen wir weitermachen!
Auch die nicht ordinierten Gläubigen dürfen und sollen Zeugnis von der alles verändernden Osterbotschaft ablegen und die Kirche mitgestalten. Was für eine Kirche würde den Laien die Auferstehungsfreude und den dazugehörigen Auftrag nehmen wollen? Unsere Kirche könnte nicht existieren ohne das Engagement der Nichtordinierten. Und ohne das Landeskomitee und sein ganzes Netzwerk wäre die Kirche in Bayern viel ärmer. Danke, dass es Sie gibt!
„Wir alle“ arbeiten für eine wichtige Sache zusammen. Der Auftrag Jesu Christi ist keine Nebensächlichkeit. Es geht um Leben und Tod, sagt der Herr in aller Deutlichkeit: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“ (Mk 16,16). Hiermit möchte er keine Ängste erzeugen, niemandem drohen. Indem er unsere Rettung verspricht, befreit uns Jesus Christus von allen Ängsten und Drohungen. Er zwingt zu nichts, er macht ein Angebot: das kostbare Geschenk des Heils. Indem wir uns an der Evangelisierung beteiligen, verleihen wir Jesus unseren Mund und unsere Hände, damit er die Einladung ausspricht und das Heilsgeschenk anbietet. Es ist eine schöne Aufgabe, dabei mitwirken zu dürfen!
Mit dem Auftrag der Glaubensverkündigung schließt Jesus Christus sein irdisches Werk ab. Gemäß dem Markusevangelium handelt es sich um die letzten Worte vor seiner Himmelfahrt. Hier geht es um die Verdichtung seiner Botschaft – daher sind seine Worte auch so stark.
An wen richtet sich seine heilende Einladung? An die ganze Welt, an alle Menschen aller Zeiten, an die ganze Schöpfung. Jesus ist in seinen Worten eindeutig. Die Sünde als Macht, die Menschen versklavt, hat keinen Platz im Reich Gottes – jede menschliche Person aber schon. Bei Gott sind wir alle willkommen, und in unserem Denken und Handeln müssen wir dies ständig vor Augen haben.
Die leider zu häufig in religiösen Kontexten anzutreffende Mentalität, die Abgrenzung vorantreibt und Menschen ausschließt, hat mit der grundsätzlich inklusiven Haltung unseres Glaubens nichts zu tun. Die Botschaft Christi ist nicht dazu da, der Selbstrechtfertigung zu dienen; Gleichnisse wie das vom Pharisäer und vom Zöllner zeigen dies deutlich.
Jesus ermutigt uns, bis an die Ränder der Welt zu gehen. Dies ist nicht nur geografisch zu verstehen, auch wenn es großartig ist, wenn die Kirche sich ihrer globalen Dimension bewusst wird. Ränder hat auch unsere Gesellschaft: All die Benachteiligten, Verfolgten und Diskriminierten werden eingeladen und sind oft sogar Pioniere im Glaubensleben. In beeindruckender Kontinuität zu Papst Franziskus hat uns vor einigen Monaten Leo XIV. das Apostolische Schreiben Dilexit te geschenkt; im Jahr des Franziskusjubiläums lohnt sich die Lektüre dieses Textes besonders, in dem – genauso wie bei Papst Franziskus - die Armen nicht als Objekte, sondern als Subjekte der Glaubensverkündigung wahrgenommen werden. Im großen „Wir“ der Kirche haben sie einen besonderen Platz, und dieser muss viel sichtbarer werden – auch in ihren Gremien und Strukturen.
Die Inklusivität der Botschaft Jesu Christi bezieht sich aber nicht nur auf die Adressaten. Es geht auch um die Relevanz dieser Botschaft, die über das Feld des eng verstandenen Religiösen hinausgeht. Der Sieg des Herrn über den Tod ist der Kern des Evangeliums. Aus diesem – einzigen, aber großartigen – Grund hat das Christentum für alle Menschen in jeder Zeit etwas zu sagen. Die Ausstrahlungskraft dieses Glaubens hat Folgen und Konsequenzen für das Leben in seiner Ganzheit. Bei allem Respekt vor der Unterscheidung der Lebensfelder und Gewalten kann sich der Glaube nicht auf das Privatleben des Einzelnen beschränken.
Was wäre das Landeskomitee ohne diesen breiten, genuin christlichen Horizont, ohne das vielfältige Engagement in der Gesellschaft? Aber: Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn Akteure wie das Landeskomitee und die kirchlichen Organisationen und Einrichtungen fehlen würden? Kein Zweifel: Sie wäre in jeder Hinsicht ärmer! Für Bayern ist es ein besonderer Segen, dass wir eine solche Struktur wie das Landeskomitee in unserem Freistaat haben.
Die Mächtigen dieser Welt sind nicht immer glücklich, wenn die, die in der Kirche Verantwortung tragen, sie kritisieren, aus der Überzeugung heraus, dass Christsein nicht darin besteht, nur religiöse Rituale zu vollziehen. Zum apostolischen Auftrag gehören unbedingt auch prophetische Wachsamkeit und Mut. „Seid mutig, seid wachsam“, ermahnt uns der Apostel Petrus. Man muss manchmal „Widerstand in der Kraft des Glaubens“ leisten (1 Petr 5,8–9). Uns darf es in unseren Strukturen nicht zu gemütlich werden; und der Gesellschaft dürfen wir immer unsere kritischen Anmerkungen ins Stammbuch schreiben.
Ich denke in diesen Tagen an die unberechtigten Angriffe, die unser Papst erlebt, weil er den Mut hat, „Basta“ zum Krieg zu sagen. Kritiker, die sich selbst als Christen bezeichnen, empfehlen ihm, sich auf moralische Fragen zu beschränken und die Politik den Politikern zu überlassen. Seit wann ist aber die Frage des Krieges keine moralische Frage? Wie kann der Bischof von Rom, der Prediger des Friedens Jesu Christi, stumm bleiben, wenn das Recht mit Füßen getreten wird und Menschen zu Tausenden sterben?
Ich bin unserem Papst dankbar, dass er den Weg der Glaubensverkündigung weitergeht, der auch ein Weg der Friedensverkündigung ist. Papst Leo bleibt unbeirrt – allen Attacken zum Trotz: So wird er zum Vorbild für uns und unser Engagement.
Liebe Schwestern und Brüder im Landeskomitee,
seit 75 Jahren bezeugen Sie in der bayerischen Gesellschaft das Evangelium. Ich wünsche Ihnen, dass Sie noch viele weitere Jubiläen feiern – in ganz Bayern, aber auch gerne immer wieder in Augsburg! Ihre Arbeit wird in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft nicht einfacher, aber umso notwendiger.
Der allerletzte Satz des Markusevangeliums nimmt Bezug auf die Glaubensverkündigung durch die Apostel. Christi Himmelfahrt war schon geschehen, und der Evangelist betont: „Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten“ (Mk 16,20). Der Herr ist auch mit Ihnen und mit allen, die an der Verkündigung der Osterfreude und deren Umsetzung in Taten für das Wohl der Gesellschaft arbeiten.
Ad multos annos!
Lesungen: 1 Petr 5, 5b-14; Mk 16, 15-20