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Predigt anlässlich der Verleihung der Missio canonica an Religionslehrerinnen und Religionslehrer in der Basilika St. Ulrich und Afra

KI kann den Menschen nicht ersetzen

17.07.2026 16:00

Liebe Vertreterinnen und Vertreter von Kirche, Schule und Staat, liebe Religionslehrerinnen und Religionslehrer, liebe Schwestern und Brüder in Christus, 77 Frauen und Männer stehen vor mir. Sie stehen in den Startlöchern, katholische Religionslehre zu unterrichten: ein Fach, das im Fächerkanon der Schulen nicht unumstritten ist. Manch einer würde es gern streichen oder neutraler halten. 

Hinzu kommt, dass die Digitalisierung in den letzten Jahren an unseren Schulen kräftig Einzug gehalten hat. Auch die Verwendung von Künstlicher Intelligenz ist auf dem Vormarsch - eine Intelligenz, die über Wissen und Stimme verfügt, die das Frage-Antwort-Spiel beherrscht, die Lernmaterial generieren, Proben erstellen und korrigieren kann. Liebe Lehrerinnen und Lehrer, erlauben Sie mir daher die provokante Frage: Braucht es Sie in einigen Jahren noch? Oder haben Sie am Ende mit Ihrer Berufswahl aufs falsche Pferd gesetzt?

Das für diese Feier gewählte Leitwort „… damit alle satt werden“ gibt uns Anhaltspunkte, dass ich Ihnen diese Sorge nehmen kann. Was tun wir in dieser Stunde hier in der Basilika St. Ulrich und Afra? Vorrangig zelebrieren wir nicht den erfolgreichen Abschluss von 77 Ausbildungswegen – das nehmen wir freilich mit hinein –, aber wir sind versammelt, um Eucharistie zu feiern. Dieses Mysterium unseres Glaubens ist richtungsweisend, wenn wir fragen: „Wodurch wird der Mensch satt?“ Die Teigmenge, aus der eine Hostie besteht, ist überschaubar. Spötter wie Skeptiker könnten zu Recht fragen: Wie soll man davon satt werden? Wir haben im heutigen Evangelium von der wundersamen Speisung der Fünftausend gehört. Im Johannesevangelium liefert uns Jesus eine Deutung, die das Ereignis von der Brotvermehrung bereits mit der Eucharistie verknüpft: „Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird!“ (Joh 6,27) „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Joh 6,35) Jesus ist vom Vater gesandt, um einen Hunger zu stillen, der nicht vom Magen herrührt, sondern vom Herzen kommt. Dass er dafür die Form der Tischge-meinschaft gewählt hat, zeigt: Die leibliche, die soziale und die geistliche Dimension gehören untrennbar zusammen. Als Kirche liegt es uns fern, die Frage „Wodurch wird der Mensch satt?“ auf einer rein materiellen oder funktionalen Ebene zu beantworten. Das ist auch für den Bildungsbereich von zentraler Bedeutung. Bildung ereignet sich dort am nachhaltigsten, wo möglichst viele der unterschiedlichen Facetten, die zum Menschen gehören, „anspringen“.

Ich möchte das bisher Gesagte mit einem Auszug aus der ersten Enzyklika von Papst Leo XVI. unterstreichen. Es war am Pfingstmontag, als er das Rund-schreiben mit dem Titel „Magnifica Humanitas“ selbst in Rom präsentierte. Alle großen Tageszeitungen haben dieses Ereignis aufgegriffen und das in über-wiegend positivem Tenor. Fragen wir spezifisch für den Kontext Schule und Bildung: Wodurch wird der Mensch satt? Reicht es in Zukunft nicht, als Lehrkraft geeignete „Prompts“ in KI-gesteuerte Programme einzugeben, und der Unterricht für den kommenden Tag steht? In der Enzyklika bewertet Papst Leo die „Fähigkeiten“ einer KI wie folgt:

„Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie erkennen nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich.“[1]

Liebe Religionslehrerinnen und Religionslehrer, all das macht Sie aus! Insbesondere der Religionsunterricht gibt Raum für jene Qualitäten, in denen die KI uns Menschen nicht das Wasser reichen kann. Doch jede noch so fest garantierte Verankerung im Fächerkanon einer Schule wäre nutzlos, wenn es Sie nicht gäbe. Es sind 77 verschiedene Lebenswege voller Beziehungen, Überzeugungen und Erfahrungen, darunter sicher Krisenerfahrungen, aber auch Glaubenserfahrungen. Heute treffen Sie hier zusammen, um die Missio canonica, die kirchliche Lehrerlaubnis, entgegenzunehmen. Das freut mich und ich bin dankbar, dass es Sie gibt. Sie sind nicht nur Lehrkörper - da könnten wir auch die KI hinzurechnen -, sondern jede und jeder Einzelne von Ihnen bildet eine ganz individuelle „Lehrerpersönlichkeit“.

Eine KI weiß nicht, was Sie erlebt haben, sie ahnt nicht, warum Sie persönlich Ja sagen zum Glauben. Auch wenn Sie ihr noch so oft und genau schildern, was Sie dazu bewogen hat, diesen Berufsweg einzuschlagen – es gibt kein KI-Herz, das dazu in Resonanz gehen kann. Aber Ihre Schülerinnen und Schüler können es! Bildung ist ein Beziehungsgeschehen. Dass Sie der christlichen Botschaft im eigenen Leben auf der Spur sind, ist wesentlich für Ihre Lehrtätigkeit im Fach Religion. Die Suche nach dem Sinn

im

Leben, darüber hinaus nach dem Sinn

des

Lebens hat eine hohe Relevanz für die junge Generation. Die Wiedergabe von Mehrheitsmeinungen führt hier nicht zum Ziel. Wecken Sie die Neugier der jungen Generation - auch auf den reichen Schatz, der den kirchlichen Traditionen innewohnt. Legen Sie Ihre Lebenserfahrung dazu und seien Sie ein echtes Gegenüber! Das wird Orientierung stiften. Freilich erschöpft sich auch der Religionsunterricht nicht in der persönlichen Gotteserfahrung der Lehrerin oder des Lehrers, aber das Christentum lebte von Anfang an davon, dass Menschen authentisch Zeugnis geben. Der Auftrag dazu steckt im heutigen Anlass: Missio - Sendung. 77 Lehrkräfte darf ich heute für die zukunftsträchtige Aufgabe ins Bistum entsenden. Bei Jesus waren es an einer Stelle mal 72. Das sollte uns hoffnungsfroh stimmen: Gemeinsam können wir Gutes für die junge Generation bewirken. Gemeinsam meint in diesem Fall auch, dass Kirche und Staat Hand in Hand gehen. Das ist nicht immer selbstverständlich und auch dafür bin ich an einem Tag wie heute dankbar.

Lassen Sie mich am Ende noch einen Gedanken für Ihren beruflichen Alltag aus den heutigen Lesungen gewinnen. Das Beispiel Jesu führt uns eine Fähigkeit vor Augen, die mir für das Unterrichten unverzichtbar scheint: Seit die Digitalisierung unseren Alltag durchdringt, ist Ablenkung keine Versuchung mehr, sondern der Normalzustand. Von Jesus können wir lernen, fokussiert zu sein. Obwohl er sich zurückziehen wollte, haben alle 5000 Menschen, die ihn aufgesucht haben, seine Fürsorge empfangen. Bei Ihnen werden es auf einmal keine 5000 sein. Schenken Sie den Kindern und Jugendlichen, die Sie in den einzelnen Stunden vor sich haben, Ihre ganze Aufmerksamkeit. Das ist an-spruchsvoll, denn auch die Bedürfnisse, die in einem Raum mit 20 bis 30 jungen Menschen gleichzeitig auftreten können, bringen uns an unsere Grenzen. An manchen Tagen werden Sie denken: „Ich kann mich nicht teilen, ich habe doch nur… zwei Arme. Wie soll ich da allen gerecht werden?“ „Ich habe doch nur… wir haben doch nur – fünf Brote und zwei Fische“ so dachten auch die Jünger (Mt 14,17). Sie wurden von Jesus aufgefordert, das zu geben, was sie hatten, nicht mehr und nicht weniger. Die Brotvermehrung war Teamwork der Jünger untereinander und mit Gott. Und alle wurden satt. Solche Erfahrungen wünsche ich auch Ihnen. Halten Sie sich nicht damit auf, was Sie nicht haben; geben Sie das, was Ihnen zur Verfügung steht! Das genügt. Wenn dieses Tun dann noch von Gottvertrauen getragen ist, sind Sie auf einem guten Weg, um Einsatz-bereitschaft und Gelassenheit in eine gesunde Balance bringen.

Die Missio Canonica wird nicht auf freiem Feld übergeben, sondern im Rahmen einer Eucharistiefeier. Das ist von Bedeutung. „Religio“ heißt Rückbindung. Wer andere satt macht, braucht selbst die Verbindung zu einer Quelle. Der Evangelist Matthäus greift für seine Erzählung von der Brotvermehrung auf einen Wortschatz zurück, der an das Geschehen im Abendmahlssaal erinnert. Meine Bitte an Sie ist zugleich eine Empfehlung: Holen Sie sich Rückendeckung durch die Gemeinschaft der Kirche, die der Leib Christi ist. Stärken Sie sich durch den Empfang der Eucharistie, die das Brot des Lebens ist. Neben allen Handreichungen, Arbeitsblättern und Expertenmeinungen fließt Ihnen daraus der lebendige Stoff für Ihren Unterricht zu. Denn es ist Christus selbst, der Ihnen hier begegnet und der inmitten des turbulenten Schulalltags spricht: „Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt … und esst. Neigt euer Ohr und kommt zu mir, hört und ihr werdet aufleben!“  Dass Sie diese Erfahrung im Raum der Kirche immer wieder machen dürfen - auch das wünsche ich Ihnen.

Noch einmal sage ich: Vergelts Gott, dass Sie sich für diesen wertvollen Dienst zur Verfügung stellen. Möge Gott Sie überreich segnen und Ihrem Denken und Tun Gelingen schenken.

[1] Papst Leo XIV.: Magnifica Humanitas – über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Rom, 15. Mai 2026, Nr. 99.