Mastodon
Predigt anlässlich der Segnung der Kapelle auf dem Gut Schörghof

Eine Kapelle als Mitte des Schörghofes

26.07.2026 18:30

Liebe Familie von Bechtolsheim, liebe Gäste und Mitarbeitenden von Gut Schörghof, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, wir hören das Evangelium von der Ankündigung der Geburt Jesu Christi zu einer ungewöhnlichen Jahreszeit. Das Fest Mariä Verkündigung feiern wir neun Monate vor Weihnachten – da sind wir schon drüber hinaus. Von Heiligabend selbst fühlen wir uns angesichts der warmen Temperaturen äußerst weit entfernt.

In unseren Breitengraden assoziieren wir mit dem Geburtsfest Jesu doch auch Kälte und Dunkelheit, in die das Licht der Weihnacht dann umso kräftiger hinein-strahlt. Jetzt aber befinden wir uns mitten im Jahreskreis - Alltag im Kirchenjahr könnten wir sagen. Und in diesem Alltag ist Gott gegenwärtig.

Das verkündet uns das heutige Evangelium, das zeigt uns auch der Anlass unserer Zusammenkunft: die neu erbaute Loreto-Kapelle auf dem Gelände von Gut Schörghof, die heute gesegnet wird. Auf einem Gut wird gearbeitet und Land bewirtschaftet, hier werden Gäste empfangen, Tiere versorgt, Talente gefördert und sogar Turniere ausgetragen. Und über all dem steht nun eine Loreto-Kapelle. Sie ist eine von vielen Kapellen in Zentraleuropa, die sich mit dem Heiligtum in der italienischen Stadt Loreto verbunden wissen.

Beim Original soll es sich um das Haus Mariens aus Nazareth handeln. Der Legende nach waren es Engel, mit historischer Wahrscheinlichkeit waren es Kreuzfahrer, die die Steine von Galiläa in die italienische Stadt Loreto gebracht haben, um das Haus vor der Zerstörung zu bewahren. Archäologische Unter-suchungen untermauern, dass die Santa Casa, das Heilige Haus, tatsächlich aus Galiläa stammt. Der Text des Evangeliums lässt die Vorstellung zu, dass sich die junge Maria zu Hause aufhält, als der Engel in ihr Leben tritt und sie mit einem geradezu kühnen Plan „überrumpelt“, wenngleich wir glauben, dass Gott sie vom Anfang ihres Lebens an darauf vorbereitet hat. Als Patrone dieser Kapelle werden die Eltern Mariens ausgewählt: das Ehepaar Anna und Joachim, die Großeltern Jesu. Der Sohn Gottes wird in eine konkrete menschliche Familie hineingeboren. Dafür steht Loreto: Gott wirkt in unseren Alltag hinein, „er wohnt mitten unter uns“(Joh 1,14). In drei Schritten möchte ich noch näher darauf eingehen:

1. Einbruch von Gottes Gegenwart

Womit Maria wohl im Augenblick beschäftigt war, als sie von der Gnade regel-recht überrascht wurde? Möglich, dass es eine einfache Haushaltstätigkeit ist, in die der Engel überraschend hineinplatzt. Maria macht eine Erfahrung, die ihren gewohnten Horizont übersteigt. Folgen wir dem Dialog, den der Engel mit ihr führt, dann ist der jungen Frau eine gewisse Furcht und natürliche Skepsis anzumerken. Außergewöhnlich ist nicht nur der Vorgang der Verkündigung, sondern auch ihr Inhalt: Sie soll ein Kind gebären, das Sohn Gottes ist. Das sprengt das vertraute Gottesbild des Volkes Israel. Gott nimmt zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte Fleisch an, Gott wird einer von uns, das Göttliche vergegenwärtigt sich mitten in der Welt. Was heißt das nun für uns? Haben auch wir Engel zu erwarten, die uns etwas völlig Neues von Gott übermitteln? Dazu muss ich als Bischof zunächst ein klares Nein sprechen. Das Christusereignis bildet den Höhepunkt der göttlichen Offenbarung, sie gilt als abgeschlossen. Unsere Glaubenserfahrungen müssen sich daher in das biblische Zeugnis einordnen lassen.

Die Sprengkraft der Botschaft für unser Leben ist noch dieselbe: Gott ist nicht fern von dieser Welt, er ist nicht fern von Ihnen, von Dir und mir. Immer wieder ergreift er die Initiative, um uns das zu zeigen. In unserem subjektiven Erleben bringt Gott Neues hervor. Wo er in unser Leben einbricht, da bricht er alte Muster und Gewohnheiten auf: an die Stelle von Streit tritt Versöhnung, Einsamkeit geht in Gemeinschaft über, aus Krieg wird Frieden, wer trauert empfängt Trost und Hoffnung, aus Leere und Oberflächlichkeit wird Reichtum und Tiefe, Schuld und Sünde gehen in Erlösung über und selbst der Tod bedeutet bei aller Zäsur nicht das Ende, sondern ist Übergang in ein neues Leben.

2. Unterbrechung im Alltag

Selten tritt Gott mit einem Paukenschlag auf, die Begegnung mit ihm gleicht eher einer Spurensuche. Auch wenn Maria nicht mit dem Besuch eines Engels gerechnet hatte, ihr Inneres war schon vorher auf Gott ausgerichtet. Gibt es Zeiten, die für eine Begegnung mit ihm reserviert sind? Das heißt nicht, dass wir sauber trennen: Gott taucht am Sonntag für eine Stunde im Zeitplan auf und der restliche Alltag läuft ohne ihn. Nein, unser Glaube soll den Alltag durchdringen! Hierfür müssen wir punktuelle Schneisen schlagen. Bereits wenige Minuten am Morgen und am Abend sind wertvoll: Minuten, wenn wir uns seine Gegenwart und Liebe ins Bewusstsein rufen.

Die Loreto-Kapelle lädt dazu ein, dies auch gemeinschaftlich zu tun. Ein Brauch, der bis vor wenigen Jahrzehnten in unserer Region noch weit verbreitet war, ist heute nahezu verschwunden: Mit dem Angelusläuten wurde die Arbeit unter-brochen und alle hielten zum Gebet inne. Im Bischofshaus pflege ich mit meinen Mitarbeitenden einmal in der Woche zum Engel des Herrn zusammen zu kommen. Vielleicht eignet sich dieser Brauch auch für Ihren Gutshof - das bitte ich, nicht als Auflage, gerne aber als Anregung zu verstehen.

3. Aufbruch ins Ungewisse

Gehen wir noch einmal zurück zur Verkündigungsszene. Maria wird eine große Aufgabe anvertraut; auf ihre Rückfrage, wie dieser Auftrag umsetzbar ist, bekommt sie eine Antwort, die ebenso vage wie verbindlich ist. Gott selbst wird es möglich machen, von Maria wird Vertrauen verlangt. Als Zeichen dafür, dass sich bewahrheitet, was der Engel sagt, mag ihr die Schwangerschaft ihrer schon betagten Cousine dienen. Ein minutiös ausgetüftelter Ablauf, ein wöchentlicher Jour fix mit dem Boten Gottes aber bleiben aus. Ganz im Gegenteil. Maria spricht ihr Ja und „danach verließ sie der Engel“ (Lk 1,38). Von da an handelt Maria im Vertrauen auf das, was Gott ihr durch den Engel sagen ließ. Sich der Führung des Heiligen Geistes überlassen – das können wir von Maria lernen. Aber für sie wie für uns bleibt das Leben an der Seite Gottes ein Aufbruch ins Ungewisse. Egal, wie intensiv wir Gott erfahren durften – wir erhalten von ihm kein fertiges Handbuch für unser Leben. Zeiten der spürbaren Gottesnähe wechseln sich ab mit nüchternen Phasen. Dann sind uns die Heilige Schrift, die Tradition der Kirche, die Sakramente, die Begleitung durch erfahrene Seelsorger und die Verbundenheit mit Glaubensgeschwistern, Halt und Nahrung auf dem irdischen Pilgerweg.

Kommen wir zum Stichwort „Aufbruch“. Wie die Loreto-Kapelle für uns ein Zeichen der Gegenwart Gottes ist, so sind wir als Christen in unserer Gesellschaft selbst das Zeichen seiner Gegenwart. Wir sind Visitenkarten Gottes in der Welt. Gastfreundschaft und tätige Nächstenliebe sind schnell dahin gesagte Begriffe. Sie können aus einer Reihe an Gesten bestehen; früher oder später aber werden sie uns in unserer innersten Haltung anfragen: Wie gehen wir miteinander in Kirche, Familie und Arbeit um? Sind wir bereit, auf Fernstehende zuzugehen, sozial Benachteiligten in unserer Mitte einen festen Platz zu geben, Trauernde aufzubauen, Kranke zu pflegen und denen einen Weg zurück ins Leben zu bahnen, die sich selbst schon aufgegeben haben? Diakonisch wirken und Gemeinschaft (Koinonia) pflegen - das ist das Fundament für die Glaubensver-kündigung (Martyria), die heute innerhalb wie außerhalb der Kirche von allen Getauften gefragt ist. Die Gesprächs- und Gebetskreise für Familien und Firmlinge auf Gut Schörghof sind ein gutes Beispiel dafür. Und sobald der Altar da ist, wird auch die Feier der Liturgie in der Kapelle möglich sein.

Neben den vier genannten Grundvollzügen der Kirche (Diakonia, Koinonia, Martyria und Liturgia) hatte Jesus eine große Sorge auf dem Herzen: Einheit. Handelte es sich nicht um eine so eindringliche Bitte Jesu, die er seinen Jüngern kurz vor seinem Tod anvertraute, wir hätten das Bemühen darum vielleicht schon aufgegeben. Sie verlangt uns ein tägliches Ringen ab, nicht nur in der Kirche, sondern in allen sozialen Kontexten. Dass die Kapelle von mir als Bischof gesegnet wird, bringt ihre Verbundenheit mit der Diözese wie auch der Kirche als Ganzer zum Ausdruck. Ich wünsche mir, dass dieser Ort in guter Wechsel-wirkung mit der hiesigen Pfarrei steht, um sich gegenseitig zu befruchten und zu einer Gemeinschaft zusammen zu wachsen.

Einbruch der Gnade, Unterbrechung des Alltags und Aufbruch ins Ungewisse: Bitten wir Gott darum, dass alle, die des Weges kommen, in der Loreto-Kapelle die Einladung sehen, diesem Dreischritt zu folgen und seine liebende Gegenwart im Alltag zu entdecken.