Eucharistiefeier durch nichts zu ersetzen
Augsburg (pba). Der Generalvikar des Bischofs von Augsburg, Prälat Karlheinz Knebel, hat angesichts der rückläufigen Zahlen einheimischer Priester und veränderter Seelsorgestrukturen zum Jahresanfang darauf hingewiesen, dass die vorrangige Aufgabe der Seelsorge auch zukünftig darin bestehe, allen Katholiken die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier zu ermöglichen.
In einem vorab veröffentlichten Interview mit der Katholischen SonntagsZeitung für Deutschland sagte Knebel: „Entscheidend ist, dass auch zukünftig im Rahmen größerer Seelsorgeeinheiten jeden Sonntag die Eucharistiefeier in der Weise stattfindet, dass die Gläubigen in zumutbarer Weise daran teilnehmen können. Dazu müssen wir auch an neue organisatorische Angebote wie zum Beispiel Fahrgemeinschaften denken“. Wort-Gottes-Feiern, Andachten oder auch die Anbetung des Allerheiligsten seien „Formen der Verehrung Gottes und des gemeinschaftlichen Gebetes, die in der Kirche einen wichtigen Platz“ hätten. “Die Eucharistiefeier am Sonntag kann aber für einen katholischen Christen durch nichts ersetzt werden“, sagte der Generalvikar und langjährige Stadtpfarrer, der seit 4. Juli 2008 an der Spitze der Diözesanverwaltung in Augsburg steht. Auf veränderte gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen müsse die Kirche mit Augenmaß, organisch und flexibel reagieren. Knebel ist zuversichtlich, trotz eines erwarteten weiteren Rückgangs der Kirchensteuer die strukturellen Herausforderungen in seinem Bistum lösen zu können: „In den zurückliegenden Jahren haben wir im Bistum Augsburg sehr umsichtig gehaushaltet. Das Bistum ist wirtschaftlich gut gerüstet für anstehende Veränderungen“, betonte er. Der Augsburger Generalvikar will zukünftig Verwaltungsaufgaben der Pfarreien noch stärker auf Dekanats- und Regionalebene zentralisieren und zugleich überschaubare Seelsorgeeinheiten erhalten. Dabei will der Augsburger Generalvikar haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter sowie ehrenamtliche Kräfte „im Sinne einer missionarischen Kirche“ in eine neue Zuordnung bringen und die Eigeninitiative in den Gemeinden noch stärker mobilisieren. Das Konzept der Pfarreiengemeinschaften als Zusammenarbeit mehrerer Pfarreien solle weiter umgesetzt und verbessert werden. Knebel wendet sich gegen Hau-Ruck-Lösungen und statische Modelle: „Pfarreien mit alten Traditionen und je eigenen Identitäten können nicht einfach zusammengelegt werden wie Industriebetriebe“, sagte er der SonntagsZeitung.
Das Interview mit Generalvikar Prälat Karlheinz Knebel im Originaltext der Katholischen Sonntagszeitung:
Eucharistiefeier unersetzbar
Generalvikar Karlheinz Knebel zur Zukunft des Bistums
SZ: Herr Generalvikar, rückläufige Priesterzahlen überall in Deutschland, die Prognose stark sinkender Kirchensteuereinnahmen, nachlassende Kirchenbindung: Ängstigen Sie sich als Generalvikar eigentlich manchmal um die Zukunft der Kirche?
Generalvikar Knebel: Nein, überhaupt nicht. Erstens wissen wir als in der Kirche und für die Kirche Handelnde, dass Christus selbst der Herr der Kirche ist und seiner Kirche zu jeder Zeit beisteht. Zweitens war die Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte, auch in unserem Bistum, immer wieder Wandlungen und oft einschneidenden Veränderungen unterworfen. Drittens denke ich als Generalvikar gemeinsam mit dem Bischof, meinen Mitarbeitern und den Verantwortlichen in unserer Diözese natürlich auch mittel- und langfristig über die Bedingungen der Seelsorge und der Verkündigung nach und versuche, frühzeitig die Weichen richtig zu stellen. Ich mag es auch nicht, immer auf hohem Niveau zu jammern. Der Kirche in Deutschland geht es wirtschaftlich besser als in den meisten anderen Ländern der Erde. Wir müssen auf veränderte Rahmenbedingungen mit Augenmaß und organisch flexibel reagieren.
SZ: Wo sehen Sie zukünftig die Schwerpunkte?
Generalvikar Knebel: Die Schwerpunkte kirchlichen Handelns ergeben sich aus den drei Grundaufgaben der Kirche selbst: Auch unter veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssen wir stets die Feier der Eucharistie, die Verkündigung der Botschaft Jesu Christi und das exemplarische caritative Wirken der Kirche im ganzen Bistum nachhaltig gewährleisten. Wie dies im Einzelnen geschieht, ist eine Frage, die immer wieder neu beantwortet werden muss.
SZ: Herr Generalvikar, die Zahl der einheimischen Priester ist überall in Deutschland rückläufig. Welche Konsequenzen sehen Sie im Hinblick auf diese Entwicklung mittelfristig für unser Bistum, das mit über 1000 Pfarreien besonders kleinteilig gegliedert ist?
Generalvikar Knebel: Die Zahl der einheimischen Priester geht derzeit noch weiter zurück, davor können wir nicht die Augen verschließen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie hängen mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen, vor allem mit der nicht mehr selbstverständlichen Glaubensbindung in den Familien, und auch der inzwischen weit verbreiteten Ein-Kind-Familie. Auch die wachsende Furcht vor lebenslanger Bindung spielt eine Rolle. Die Entwicklung bei den Eheschließungen geht in eine ähnliche Richtung. In ganz Deutschland hatten wir in den zurückliegenden 150 Jahren eine hohe Dichte von Pfarreien mit eigenen Priestern, deshalb wird die kleiner werdende Zahl einheimischer Priester aktuell als besonders schmerzlich empfunden. Ausländische Priester, die in großer Zahl in unserer Diözese Dienst tun und für deren Dienst wir sehr dankbar sind, können dies nur zum Teil ausgleichen. Nach unserem katholischen Glaubensverständnis wird aber auch in Zukunft gelten: Kirche ist in erster Linie dort, wo sich die Gemeinde zur Eucharistiefeier um den Altar versammelt. Das bedeutet, dass wir auch in Zukunft mit veränderten Strukturen die Möglichkeit der Teilnahme jedes Katholiken an einer sonntäglichen Eucharistiefeier sicherstellen müssen.
SZ: Könnten so genannte Wort-Gottes-Feiern ohne Eucharistie für Gemeinden ohne eigenen Priester eine Alternative sein?
Generalvikar Knebel: Wort-Gottes-Feiern, Andachten oder auch die Anbetung des Allerheiligsten sind Formen der Verehrung Gottes und des gemeinschaftlichen Gebetes, die in der Kirche einen wichtigen Platz haben. Die Eucharistiefeier am Sonntag kann aber für einen katholischen Christen nicht ersetzt werden. An dieser Voraussetzung müssen sich alle Strukturüberlegungen orientieren.
SZ: Was bedeutet das konkret für die Gemeinden? Wird die Gemeinde der Zukunft bei rückläufiger Priesterzahl automatisch größer? Werden Gemeinden zusammengelegt, wie dies in anderen Bistümern vielfach bereits erfolgt ist?
Generalvikar Knebel: Pfarreien mit alten Traditionen und je eigenen Identitäten können nicht einfach zusammengelegt werden wie Industriebetriebe. Das Bistum Augsburg hat deshalb schon in den vergangenen Jahren mit gutem Erfolg das Konzept der Pfarreiengemeinschaften umgesetzt. Ziel dieser Seelsorgeeinheiten ist es, die Seelsorge in größeren Einheiten durch sinnvolle Zusammenarbeit und Konzentration zu sichern. Dieses Konzept gilt es weiter zu verbessern und den sich wandelnden Rahmenbedingungen anzupassen. Ziel wird es immer bleiben, jede Gemeinde zu ermutigen, ihr eigenes pfarrliches Leben mit Pfarrgemeinderat, Kirchenverwaltung und den Grunddiensten zu organisieren. Dabei können auch noch verschiedene Strukturen und Prozesse vereinfacht werden oder es kann in einer organischen Entwicklung auch zu größeren Pfarreien kommen. Entscheidend ist jedoch, dass zukünftig im Rahmen größerer Seelsorgeeinheiten jeden Sonntag die Eucharistiefeier in der Weise stattfindet, dass die Gläubigen des ganzen Seelsorgebezirks in zumutbarer Weise daran teilnehmen können. Dazu müssen wir auch an neue organisatorische Angebote denken, zum Beispiel an Fahrgemeinschaften.
SZ: Es wird immer wieder gefordert, die Priester müssten von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, um sich gerade in größeren Pfarreiengemeinschaften stärker auf die Seelsorge und die Spendung der Sakramente konzentrieren zu können. Wie denken Sie darüber?
Generalvikar Knebel: Seelsorge und Verwaltungsaufgaben des Pfarrers können nicht vollständig voneinander getrennt werden. Das würde der Vorstellung vom Pfarrer als dem verantwortlichen Leiter der Pfarrei widersprechen. Wir werden daher auch in Zukunft eine bestimmte Zahl von Priestern brauchen, die in Leitungsfunktionen Verwaltungsaufgaben und Seelsorge verbinden.
SZ: Wie kann dann zukünftig mehr Arbeit von weniger Priestern bewältigt werden?
Generalvikar Knebel: Wir werden im Rahmen von größeren Seelsorgeeinheiten ernsthaft zu einer verbesserten Arbeitsteilung unter mehreren Priestern aber auch zwischen Priestern und haupt- oder nebenamtlichen Laienmitarbeitern/-innen bzw. Ehrenamtlichen kommen müssen. Dabei gilt es, haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter/-innen, aber auch die vielen ehrenamtlichen Kräfte im Sinne einer missionarischen Kirche in eine neue Zuordnung zu bringen und die Eigeninitiative in den Gemeinden zu mobilisieren. Mein Ziel ist es, bestimmte Verwaltungsaufgaben im engeren Sinne zukünftig noch stärker auf Dekanats- oder sogar Regionalebene zu zentralisieren, gleichzeitig aber die Seelsorge in überschaubaren Einheiten zu erhalten.
SZ: Im Herbst vergangenen Jahres haben Schreckensmeldungen über den massiven Rückgang der Kirchensteuereinnahmen in allen Diözesen Diskussionen über die Finanzierbarkeit kirchlicher Aufgaben ausgelöst. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Generalvikar Knebel: Im gerade abgelaufenen Jahr war die Entwicklung der Kirchensteuereinnahmen noch einmal besser als erwartet, so dass wir im Bistum Augsburg sogar einen leichten Zuwachs gegenüber dem Vorjahr verbuchen konnten. Diese Entwicklung wird sich aber nicht fortsetzen. Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung und im Hinblick auf die geplanten Steuererleichterungen für die Bürger müssen wir mittelfristig erneut mit einem massiven Rückgang der Kirchensteuer in den nächsten Jahren rechnen. In den zurückliegenden Jahren haben wir im Bistum Augsburg aber sehr umsichtig gehaushaltet. Das Bistum Augsburg ist wirtschaftlich gut gerüstet für anstehende Veränderungen. Die wirtschaftliche Herausforderung besteht darin, die Leistungsfähigkeit der Kirche als Arbeitgeber und als Auftraggeber in der Region unter den zu erwartenden veränderten Rahmenbedingungen zu erhalten. Dabei gilt es, langfristig die zeitgemäßen Felder kirchlichen Wirkens immer wieder neu zu definieren und eine Konzentration kirchlicher Aufgaben auf die Kerngebiete zu erreichen. Da wird man notgedrungen von manch Liebgewordenem Abschied nehmen müssen, es kann aber auch neue Initiativen und Aufbrüche geben.