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Augsburger Regens über den seelischen Schmerz vor der Depression

Martin Straub „Kein Mensch genügt sich selbst“

23.11.2009 13:03

Augsburg (IBA). Immer häufiger leiden Menschen unter Verzweiflung, Ängsten und Traurigkeit. Nicht immer verbirgt sich dahinter bereits das Krankheitsbild einer Depression, bei dem in mittleren bis schweren Fällen zumindest psychatrischer Rat eingeholt werden sollte. Martin Straub, katholischer Priester und Regens des Augsburger Priesterseminars, sprach im Interview mit der Bischöflichen Pressestelle (IBA) über den Wert und die Bewältigung von seelischem Schmerz. Das Interview führte Kathi Marie Ulrich.

IBA. Herr Regens Straub, warum schützen eine im Großen und Ganzen geglückte Alltagsbewältigung, genug zu Essen und Anerkennung im Beruf den Menschen nicht vor negativen Gefühlen wie Selbstzweifeln, Freudlosigkeit und Pessimismus?

Regens Straub: „Die weitgehende materielle Sorglosigkeit, die wir in unserer Gesellschaft heute erleben, ist zum einen gewiss ein Segen, zum anderen führt sie leicht zur Selbstgenügsamkeit. Aber der Mensch genügt sich nicht selbst; weder wenn er sich´s gut gehen lässt, noch wenn er selbst über ausreichende Kräfte zur Lebensbewältigung verfügt. Der Mensch ist nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift auf das „Du“ hin geschaffen, auf das „Du“ des Mitmenschen und das „Du“ Gottes. Dort wo er diese Beziehung nicht sucht, sich nicht um sie bemüht, sie nicht aktiv gestaltet, breitet sich eine innere Traurigkeit aus, die dann verschiedene Formen annehmen kann. Es kommt dann zum Tragen, was Jesus im Evangelium so ausdrückt: ‚Wer das Leben (für sich selbst) gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen (Jesus war wahrer Mensch und wahrer Gott) verliert, wird es gewinnen“ (Mt 10,39).’

IBA. Das Empfinden von innerer Leere, Einsamkeit oder auch nur von schlechter Stimmung ist oft störend im täglichen Leben, weil es zu Verlangsamung im eigenen Tun oder zu Aktionismus führen kann. Welchen Sinn sollen diese Emotionen haben, in einer Gesellschaft, die auf Effizienz und Schnelligkeit setzt?

Regens Straub: „Zunächst gehören emotionale Schwankungen zum Leben hinzu, jeder kennt sie auf die eine oder andere Weise. Sie sind oft eine angemessene Reaktion auf eine konkrete Lebenserfahrung und helfen diese in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen. Es gibt enttäuschendes Verhalten von anderen und auch Enttäuschung über sich selbst. Jesus sagte einmal: ‚Die Wahrheit wird euch frei machen (vgl. Joh 8,32)’ - zu dieser Wahrheit gehören auch die dunklen Seiten unseres Lebens. Bei starken emotionalen Belastungen ist es aber sehr wichtig einen ‚Sicherheitsgurt’ zu haben, der verhindert, dass alles Haltgebende sich verflüchtigt. Einen solchen ‚Sicherheitsgurt’ bietet die lebendige Beziehung zu Gott; das Wissen und die Erfahrung um die Güte und Barmherzigkeit Gottes: Wenn alle mich in Frage stellen und mir den Boden unter den Füßen entziehen, Gott tut es nicht. Dieser Halt, der uns im Glauben geschenkt wird, bietet einen Weg, mit innerer Leere, Enttäuschung, Einsamkeit umzugehen und einen Schritt darüber hinweg zu machen.“

IBA. Wenn ich mich in mir selbst gefangen fühle und es mir schwerfällt auf andere Menschen zu zugehen, oder mein Umfeld bereits verstimmt ist über mein unsoziales Verhalten, wie soll ich dann den Zugang zu Gott finden?

Regens Straub: „Wer Gott im Glauben und im Gebet kennengelernt hat, darf wissen: Gott ist anders! ‚Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken (Jes 55,8)’ oder auch ‚Gott ist kein Mensch (Num 23,1)’ heißt es in der Heiligen Schrift. Wenn wir uns im Gebet an den Gott der Bibel wenden, treffen wir nicht auf das allzu Menschliche, das das Leben oft schwer macht, sondern auf einen Gott, der liebt, der annimmt und vergibt, noch bevor er den richtigen Weg weist.“

IBA. Sie sind katholischer Priester und begleiten die Alumnen des Augsburger Priesterseminars auf ihrem Weg zu diesem geistlichen Beruf. Wie können Priester Menschen helfen, die sich von ihrer eigenen Gemütsverfassung beeinträchtigt fühlen?

Regens Straub: „Als Seelsorger sollen Priester Menschen in seelischen Nöten zunächst zugängliche Gesprächspartner sein. Die Möglichkeit, sich jemandem anzuvertrauen und auf jemanden zu treffen, der aufmerksam zuhört, ist bereits äußerst hilfreich. Aufgrund ihrer geistlichen Erfahrung und ihres Wissens um seelische Nöte können Priester helfen, die oft widersprüchlichen Emotionen zu ordnen und einen Weg zur Bewältigung anzubahnen. Sehr oft sind seelische Nöte direkt oder indirekt mit Schulderfahrungen verbunden sowie mit seelischen Verletzungen, die von Mitmenschen zugefügt wurden. Selbst Vergebung zu empfangen und Vergebung zu gewähren sind daher wichtige Themen, zu denen gerade Priester anleiten können. Mit der Versöhnung des Menschen mit Gott ist dem Priester zudem in besonderer Weise der Dienst an der Aufarbeitung von Schuld anvertraut. Die Beichte ist ein wunderbares Werkzeug der inneren Heilung.“