An das Domkapitel: „Parken wir Jesus nicht zu!“
Darf ich Ihnen eine Frage stellen: Haben Sie einen Parkplatz gefunden? Oder stehen Sie im Parkverbot? Ich hoffe, dass Ihr Auto sicher geparkt ist und Sie jetzt gelassen die Vesper mitfeiern können. Ums Parken kreisen heute meine Gedanken. Aber in einem ganz anderen Sinn als wir es vom Straßenverkehr her kennen.
Parken bezieht sich heute auf „die müden Christen, auf die Christen, die kein Verlangen haben, vorwärtszugehen, auf die Christen, die nicht kämpfen, um die Dinge zu tun, die etwas ändern, die neuen Dinge, die allen guttäten, wenn sie sich ändern würden.“ Papst Franziskus nennt sie „geparkte Christen“: solche, „die in der Kirche einen schönen Parkplatz gefunden haben. Und wenn ich sage: Christen, dann meine ich Laien, Priester, Bischöfe – alle.“ Leider gibt es nicht wenige geparkte Christen! Für sie ist die Kirche ein Parkplatz, der das Leben beschützt, und sie machen mit allen möglichen Versicherungen weiter.[1]
Aufbruch in die Zukunft sieht anders aus. Sicher: Es braucht feste Orientierungspunkte, es braucht eine Mitte, die uns zusammenhält, es braucht einen Fixpunkt, an dem wir unsere Projekte ausrichten: Jesus Christus und sein Evangelium. Schauen wir Jesus genauer an! Sein Wirken geschah auf dem Weg. Er war ein Wanderprediger. Obwohl Zimmermann, blieb er nicht in der Werkstatt, sondern er machte sich auf den Weg als guter Hirte, der den verlorenen Schafen nachging. Er hatte Interesse an den Menschen.
Lieber Thomas, mit der Ernennung zum Domkapitular hast Du einen festen Sitz im Chorgestühl unserer Kathedrale. Wir haben Dich vorher zu Deinem Sitz geleitet und Dir den künftigen Platz zugewiesen. Das soll kein „guter Parkplatz“ für Dich werden, sondern ein Ort, von dem Du – neben Kempten – die Wege und Aufbrüche in unserem Bistum mitbedenken, beraten und gestalten sollst. Wohl überlegt habe ich Dich in den Ausschuss „Priorisieren und Finanzieren“ berufen. Dabei soll es nicht nur um Struktur und Organisation unserer Diözese gehen. Was zählt, ist die Frage: Wie können wir gemeinsam unserer Ortskirche ein Profil geben, das die Frohe Botschaft unter neuen Vorzeichen zum Strahlen bringt, auch in die Gesellschaft hinein? Die Feierlichkeiten zum Ulrichsjubiläum - auf dem Rathausplatz im Sommer und die ergreifende Lichterprozession am Vorabend des 1100. Jahrestages der Bischofsweihe des hl. Ulrich – haben gezeigt, dass die Menschen, über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus, auf unser Zeugnis warten. Doch wie oft erfahre ich als Bischof, dass wir uns sicher eingeparkt haben, mehr noch: dass wir einander zuparken in vorgefertigte Formate und eingefahrene Muster! Gott soll uns in Bewegung bringen.
Fürchtet euch nicht! Das haben wir an Weihnachten oft gehört. Damit sind wir persönlich gemeint: Verkriech dich nicht in deiner Angst! Lass dir den Schneid nicht abkaufen! Jesus hat erfahren, dass sein Wort nicht nur Applaus hervorruft. Es gibt auch Widerstand und Protest. Bis heute werden in vielen Teilen der Erde Jesu Jünger belächelt und veräppelt, benachteiligt, bedroht und verfolgt. Jesus hält entgegen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele ins Verderben stürzen kann.“
Wir dürfen unsere Seele nicht verlieren. Oft reden wir von der Seele. Wenn wir uns etwas von der Seele reden können, fühlen wir uns erleichtert. Wir fordern, dass der Sonntag eine Seele und die Seele den Sonntag brauche. Die Architekten für das Haus Europa erinnern daran, dass unser Kontinent eine Seele benötige, um am Leben zu bleiben und auszustrahlen. Menschen, die der Gemeinschaft eine Seele geben, sind Gold wert. Gerade die Kirche darf ihr Seelenleben nicht vergessen. Sonst wird sie ein seelenloser Apparat. Wenn unser Kerngeschäft die Seelsorge ist und wir die Zahl unserer Mitglieder in Seelen zählen, dann müssen wir darauf achten, dass uns die Seele nicht genommen wird. Ein alter Pfarrer hat bei seinem Priesterjubiläum vielen Wegbegleitern und Mitarbeitern gedankt: „Ich habe versucht, den Leib Christi in der Gemeinde, die mir anvertraut war, zu beseelen.“ – Wir brauchen nicht alles selbst machen, unser Wert besteht nicht allein im Funktionieren und Organisieren, es geht vor allem darum zu beseelen: dem Raum, den wir bewohnen, eine Seele zu geben.
Dem Dom eine Seele geben, die Liturgie beseelen: das gehört zu den Aufgaben des Domkapitels. Gleichzeitig soll das Domkapitel den Bischof beraten und ihm helfen, die Diözese zu leiten. Denn der Bischof ist kein Einzelkämpfer, er braucht eine starke Truppe, um in das Bistum hineinzuwirken. Ich danke Euch, liebe Mitbrüder, für alle Dienste, die Ihr tut: für die Spendung der Sakramente - vor allem der Firmung, für die Vertretung bei Jubiläen und Festgottesdiensten, für Euer Engagement in den Gremien, Gruppen und Verbänden!
Zum Zeichen dafür tragt Ihr ein Birett, im Einführungsritus wird es „Helm des Heiles“ genannt. Das Birett: mehr als ein violettes Hütchen, das ins Auge sticht. Das Birett verpflichtet. Wer einen Helm trägt, kann aufrecht stehen und gehen. Das hat nichts mit Arroganz zu tun. Wir tragen den Kopf nicht hoch, wir sind nicht hochnäsige Kleriker, doch wir sind selbstbewusst, weil der Herr mit uns ist. Die Worte aus dem Epheserbrief gelten heute besonders Dir, lieber Thomas:
„Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! Zieht an die Waffenrüstung Gottes (…) damit ihr am Tag des Unheils widerstehen, alles vollbringen und standhalten könnt. Steht also da, eure Hüften gegürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! (…) Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes! Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! (…) Betet jederzeit im Geist – auch für mich, dass mir das rechte Wort gegeben werde, sooft ich meinen Mund auftue, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden.“ (Eph 6, 10-19)
Liebe Schwestern und Brüder, seid keine geparkten Christen! Lieber Thomas, liebe Mitglieder des Domkapitels, werdet keine geparkten Kleriker, die sich gut einrichten oder gar auf noch höhere Aufgaben schielen! Treten wir heraus aus der Komfortzone und wagen wir uns hinein ins konkrete Leben, wo die Menschen auf uns warten. Stehen wir auf – nicht nur jetzt zum Magnificat, sondern zum Zeugnis, damit das Evangelium vorankommt! Parken wir Jesus nicht zu, öffnen wir ihm Türen und Herzen, damit er bei uns ankommen kann!
[1] Vgl. die Predigten bei den Frühmessen in der Domus Sanctae Marthae am 17. Januar 2017 und 12. März 2018.