in Augsburg am 12. Juni 2026 im Haus Sankt Ulrich
"Ausdauer und Zuversicht"
Sehr geehrte Frau Pichlmeier, sehr geehrte Frau Referentin Feldmann-Wojtachnia, sehr geehrte Delegierte des bayerischen KDFB, auch von dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für Ihre Einladung! Es freut mich sehr, dass ich als Ortsbischof Sie hier in Augsburg, ganz in der Nähe des Grabes der heiligen Afra, unserer großen Märtyrerin aus dem 4. Jahrhundert, begrüßen darf.
Mit Ihrem Vormittagsthema „Mehr Streit wagen!“ brechen Sie – um im Bild zu bleiben - eine Lanze für die Notwendigkeit zwischenmenschlicher Kommunikation und inhaltlicher Auseinandersetzung, gerade auch im kirchlichen Kontext. Das halte ich für sehr wichtig. Sind wir als Menschen doch von klein auf darauf angewiesen, nicht nur angesehen, sondern auch angesprochen zu werden, um Selbstwert und Selbstbewusstsein zu entwickeln.
Wer aus Harmoniesucht Streit aus dem Weg geht, tut auf Dauer weder sich selbst noch seiner Umgebung etwas Gutes. Ich spreche aus Erfahrung: Denn schon als Vorschulkind wollte ich im Fasching lieber Indianer mit Friedenspfeife als Cowboy mit Revolver sein.
Schweigen wird fast immer als Zustimmung gedeutet und das hat mitunter fatale Folgen. Daher müssen wir unsere Sprachfähigkeit schulen. Denn fair streiten will gelernt sein, braucht Übung und einen langen Atem. Den empfahl der heilige Ignatius seinen Mitbrüdern für die Verhandlungen auf dem Trienter Konzil und auch den Exerzitienbegleitern, indem er ihnen ans Herz legte, gut zuzuhören, damit sie nach Möglichkeit „die Meinung des anderen retten“ könnten.
Im lateinischen Wort Kommunikation steckt auch die Aufforderung, für die Durchsetzung des eigenen Anliegens nach Verbündeten zu suchen. Denn gemeinsam streitet es sich leichter und - in der Regel – effektiver! Wie sehr bereits der schriftliche Zuspruch helfen kann, bei großen Projekten nicht den Mut zu verlieren, zeigt ein Brief, den die heilige Crescentia von Kaufbeuren (1682-1744), die vor 25 Jahren heiliggesprochen wurde, aber mit Recht schon zu Lebzeiten als Ratgeberin geschätzt war, am 10. Mai 1735 der Franziskanerin Aloysia Erlacherin nach Dillingen schrieb. Darin heißt es: „Es gibt jederzeit Gegner und es gibt keinen Sieg ohne Streit. Das Gute muss allezeit erstritten werden. Haben Sie das Vertrauen auf Gott und er wird Ihnen gewiss auch gute Patrone schicken.“[1]
So wünsche ich Ihnen für die Fortsetzung der Versammlung und für Ihr gemeinschaftliches Engagement in Kirche und Welt Ausdauer und Zuversicht. Lassen Sie nicht locker, dem, was Sie als richtig erkannt haben, zum Durchbruch zu verhelfen, und nehmen Sie Maß an den unzähligen Vorbildern gläubiger und mutiger Frauen, die in Wort und Tat Christus bezeugten und sich für einen respektvollen Umgang und die Wahrung der Menschenwürde einsetzten.
Vielen Dank für all Ihr Tun – möge Sie der dreieine Gott weiterhin mit seinem Geist stärken!
[1] Zitiert nach M. Lioba Schreyer OSF: Geschichte der Dillinger Franziskanerinnen, 1. Band, Mariannhill 1982, S. 207.