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Predigt von Diözesanbischof Dr. Bertram Meier in der Christkönigskirche in Fessenheim anlässlich ihres 60-jährigen Weihejubiläums

Christkönig Fessenheim: eine Pfarrei in der Diaspora

16.09.2023 19:00

Wenn wir heute den 60. Geburtstag dieses Gotteshauses feiern, dann müssen wir schauen, was damals an der Wiege stand: Der Kirchenbau in einer mehrheitlich evangelisch geprägten Region wurde notwendig, wie Sie alle (besser) wissen, durch den Zuzug zahlreicher katholischer Vertriebener aus der sog. alten Heimat.

Als die Pläne des Gögginger Architekten Alfred Back für den Kirchenneubau beim Landratsamt Nördlingen eingereicht wurden, gab es dort „erhebliche Bedenken wegen seiner subjektiv kontratraditionellen Gestaltung“[1]. Letztlich konnte das Projekt ohne nennenswerte Einschränkungen in der heutigen Form ausgeführt werden. Die Bemerkung über den Entwurf mag marginal klingen, lässt aber bei genauerem Hinsehen einige tiefergehende Erkenntnisse aufleuchten.

Kirche muss um ihre Tradition wissen und sich um ihr Erbe kümmern: Es geht aber nicht an, darauf bloß zu beharren und sich darauf auszuruhen. Gilt es doch, dieses Erbe fortzuschreiben, den Glauben immer neu in die jeweilige Zeit hinein zu übersetzen, um ihn den Menschen zugänglich zu machen. Vor 60 Jahren hat sich die Kirche dieser Aufgabe im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65 gestellt. So fällt dieser Kirchenbau in eine Zeit des kirchlichen Umbruchs und Aufbruchs. Er ist damals wie heute ein wegweisendes Zeugnis des Glaubens.

Die äußerliche Gestaltung der Kirche mit dem regionalen Baumaterial des weißen Jurakalks ist ein Hinweis, dass der Glaube, obgleich katholisch, immer in lokalen kulturellen Kontexten verortet ist und darin seinen Ausdruck findet. Das heißt: Die Kirche darf nicht abgehoben sein, sondern nah am Menschen. So bin ich in besonderer Weise dem ehrenamtlichen „Christkönigsteam“ dankbar, das sich sehr engagiert um diese Kirche kümmert. Vergelts Gott für all Ihren Einsatz!

Diese Kirche ist also nicht bloß eine viereckige „Halleluja-Garage“ mit Dach drauf, nein, an der Hauptstraße gelegen, zieht sie mit ihrer ungewöhnlichen Dachform und dem 32-Meter hohen Turm die Blicke auf sich. Das will uns sagen: Glaube ist nie stromlinienförmig, gewöhnlich, „eintönig betongrau“. Die Kirche ist ein Ort, wo vielfältige Charismen zusammenkommen, die sich gegenseitig beleben und bereichern. In der Feier der Eucharistie lädt uns Jesus Christus ein, uns nach den jeweiligen Fähigkeiten in das pfarrliche Leben einzubringen oder auch „nur“ an diesem Ort zu verweilen, um die Begegnung mit Gott zu suchen, um im Blick auf das vier Meter hohe Kreuz des Eucharistischen Weltkongresses von 1960 in München Trost und Stärke zu erfahren.

Der markante Turm weist wie ein Zeigefinger nach oben, hin zum Himmel. Er erinnert mich an einen Vers des Dichters Reiner Kunze (*1933), der von der Stadtsilhouette Lübecks inspiriert ist: „Damit die Erde hafte am Himmel, schlugen die Menschen Kirchtürme in ihn, (sieben) kupferne Nägel, nicht aufzuwiegen mit Gold.“[2] Normalerweise sind Kirchtürme tief in der Erde verankert, um stabil zu sein. Der Dichter kehrt das Verhältnis um: Er spricht von der Verankerung dieser Türme im Himmel. So halten Kirchtürme die Erinnerung an die Nähe Gottes wach. Sie zeigen: Im Himmel haben wir Menschen einen Halt im Wirrwarr der Welt.

Ein weiterer Gedanke liegt mit Blick auf die damalige Wahl des Patroziniums „Christkönig“ nahe. Wenn ich es richtig überblicke, sind insgesamt nur fünf Kirchen auf dem gesamten Bistumsgebiet auf den Namen „Christkönig“ geweiht; wenig im Vergleich etwa zu den rund 60 St. Georgs-Kirchen oder den knapp 100 St. Martin-Kirchen. Wir kennen die Darstellungen von Christus als König seit der Romanik, aber Kirchenpatrozinien mit diesem Titel sind selten. Das verwundert nich, denn das Christkönigsfest als jüngstes der Herrenfeste wurde erst 1925 durch Papst Pius XI. eingeführt. Deshalb finden wir Christkönigskirchen meist am Rande von Städten, also dort, wo neue Siedlungen und damit einhergehend neue Pfarreien entstanden sind.

Diese Tatsache erscheint mir für Jesus, den wir als König ehren, sehr passend zu sein. Er suchte nicht die Aufmerksamkeit der Massen, verfolgte weder Glanz noch Ruhm und Macht. Er hat sich nicht selbst in den Mittelpunkt gestellt. Ihm ging es um „die Menschen am Rande“; zu denen wusste er sich gesandt. Ihnen galt seine ganze Aufmerksamkeit und liebende Zuwendung. Klaus Hemmerle, der frühere Bischof von Aachen, schrieb schon 1975 über die Zukunft der Pfarrgemeinden: „Genauer besehen, sind alle Christen ‚Randchristen‘, ist die ganze Kirche ‚Randkirche‘ – denn gemessen an dem, der ihre Mitte ist, wird jeder erkennen, dass er ‚am Rande‘ ist, und gemessen daran, dass der Herr als die lebendige Mitte sich selber an den äußersten Rand gewagt hat, indem er die Sünder annahm und die Sünde auf sich nahm, wird sich keiner der ‚Vollidentifizierten‘ dieses Gehen an den Rand ersparen können.“[3]

Wenn wir auf die derzeitigen Struktur- und Reformdebatten schauen, so haben diese durchaus ihre Berechtigung und Notwendigkeit. Verstehen Sie mich bitte richtig: Es liegt mir fern, das Gewicht kritischer Anfragen an die Kirche und ihre Verfehlungen herunterzuspielen. Nichtsdestotrotz lebt und glaubt keiner für sich allein; Kirche ist als Gemeinschaft der Glaubenden notwendig. Sie ist das Mittel, der Weg hin zu Gott, „Zeichen und Werkzeug“ des Heils (vgl. LG 1), wie das Zweite Vatikanische Konzil feststellt. Das heißt: Wir sind nicht bestimmter Menschen wegen in der Kirche, sondern um Gottes willen. Was die Kirche an Mitteln des Heils anzubieten hat, ist weitaus stärker als alle ihre geschichtliche Last.

Aufgabe von Kirche ist es, die befreiende und frohmachende Botschaft von Jesus Christus allen Menschen anzubieten. Glaubwürdigkeit und Vertrauen werden wir als Kirche zurückgewinnen, wenn wir uns wie Jesus Christus in den Dienst am Nächsten stellen. Um noch einmal Klaus Hemmerle zu zitieren: „Identifikation durch Dienst, pastoraler Dienst nicht nur an den Gemeinden, sondern pastoraler Dienst der Gemeinden heißt wohl ein wichtiges Stichwort für die Zukunft.“[4] So sind alle als Getaufte und Gefirmte gesandt, ja berufen, Menschen zu helfen, Gott zu suchen. Als Christin, als Christ ist es uns aufgegeben, wie Jesus an die Ränder der Gesellschaft zu gehen, zu den Kranken, Ausgegrenzten, Schwachen, Armen etc., um ihnen das zu geben, was sie in ihrer Situation brauchen – ein Wort der Ermunterung in herausfordernder Zeit, eine Umarmung zum Trost oder die Unterstützung durch konkrete materielle Hilfe.

Lassen Sie uns das Ausgeführte mit Blick auf die Wortbedeutung von „Pfarrei“ etwas weiter vertiefen. Mir wurde vor kurzem die griechische Herkunft, „paroikia“, neu bewusst.[5] Übersetzt heißt es so viel wie „daneben wohnen“, „nicht darinnen, aber am Rand“. Somit meint also paroikia ein vorläufiges Wohnen. Ich denke, dass gerade hier im Ries, am Rande der Diözese Augsburg und inmitten der Diaspora, diese Erkenntnis greifbar wird. Zugleich bezeichnet paroikos den Fremden. Christliches Leben ist somit gekennzeichnet als ein Leben in irdischer Pilgerschaft, als ein Leben in der Fremde, weil für uns Christen die wirkliche Heimat im Himmel ist (vgl. Phil 3,20; Hebr 13,14).

In der Bibel wird der Begriff der Pfarrei durch den Begriff der „Diaspora“, der „Zerstreuung“ ergänzt; so heißt es etwa am Anfang des 1. Petrusbriefes: „Petrus, Apostel Jesu Christi, an die Auserwählten, die (…) in der Zerstreuung leben“ (1 Petr 1,1). Die Christen sind somit „das Saatgut Gottes, das über die Welt ausgestreut wird, damit schließlich die ganze Welt ein Acker Gottes werde, der gute Frucht bringt. (…) Also besteht die christliche Weisheit darin, sich dieser Welt zu bedienen, als würde sie morgen vergehen, und für diese Welt zu arbeiten, als würde sie niemals untergehen.“[6] Als Christen leben wir genau in jener Spannung des „Schon“ und „Noch nicht“: In Jesus wurde das Reich Gottes sichtbar. Mit ihm ist das Reich Gottes angebrochen, aber die Erfüllung steht noch aus.

Das schlägt den Bogen zu den heutigen Lesungstexten. Auf die schlichte Frage des Petrus im Evangelium antwortet Jesus mit einem langen Gleichnis, in dem er auf das Thema des Vergebens eingeht. Nach menschlichen Maßstäben finden wir die Entscheidung des Königs verständlich und fair, wenn er den „elenden Knecht“ (Mt 18,32), der kein Erbarmen mit seinem Mitknecht hat, seiner gerechten Strafe zuführt. Und doch zeigt sich einmal mehr der hohe Anspruch Gottes: „Nicht siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal“ (vgl. Mt 18,22) sollen wir dem Mitmenschen verzeihen. Eine hohe Messlatte, die Jesus da ansetzt, zumal uns das Verzeihen, wenn wir einmal ehrlich zu uns selbst sind, in der Praxis doch schwerfällt. Wie schnell sind wir mit Drohungen dabei, wenn uns Verletzungen und Beleidigungen widerfahren sind: Sätze wie „Das verzeihe ich Dir nie!“ oder „Na warte, das gibt Rache!“ sind in derartigen Situation schnell mal geäußert.

Es gibt Worte und Handlungen, die nicht nur momentan weh tun, sondern weitaus tiefergehende Verletzungen hinterlassen: Freunde, die verleumden; Partner, die betrügen; Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen; Mitmenschen, die einem unbewusst oder mit voller Absicht schädigen. Damit ist nicht nur das Vertrauen gänzlich zerbrochen, sondern daraus resultieren auch große Nachwirkungen für das gesamte Leben. Da den Weg zum Verzeihen zu beschreiten, ist schwierig.

Mit seiner Weisung des Verzeihens zeigt sich Jesus als Seelsorger und Psychologe durch und durch. Vergebungsbereitschaft ist ja kein Eingeständnis der eigenen Schwäche, Es ist Ausbrechen aus der Spirale der Verbitterung, die einen innerlich zerstört. Vergebung ist bewusste und freiwillige Entscheidung, die eine Heilung der Beziehung zu sich selbst und zu Gott ermöglicht. Hier klingt auf, was Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom schrieb: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 21,21) Springen wir „über unseren Schatten“ und suchen die Versöhnung!

Gott erwartet die Vergebung und wer zu vergeben weiß, dem wird auch Gott vergeben, so wie es in der ersten Lesung hieß: „Wer sich rächt, erfährt Rache vom Herrn (…). Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben!“ (Sir 28,1f.) Diese Aussage hat in Jesus Christus eine universale Bedeutung erfahren. Durch seinen Tod am Kreuz hat er alle unsere Schuld und Verfehlungen auf sich genommen und uns mit Gott versöhnt. Jesus macht mit diesem Gleichnis deutlich: Ohne die Bereitschaft zur Vergebung gibt es keine Gemeinschaft. Von unserem Umgang miteinander, von unserem Handeln hängt es ab, inwieweit das Reich Gottes geschmälert oder vergrößert wird und wie glaubwürdig wir Christen letztlich sind. Nicht zuletzt hält die Kirche mit dem Sakrament der Versöhnung einen Schatz bereit, der uns die eigenen Fehler erkennen lässt und diejenigen unserer Mitmenschen verstehen hilft.

Liebe Fessenheimer! Sie können stolz und dankbar sein auf diesen modernen Kirchenbau. Seit nunmehr 60 Jahren ist er Ihnen „geistliche Heimat“, in ihm sind sie dem Himmel nah. Füllen Sie diesen Raum weiterhin treu mit Ihren Gebeten und Gesängen, um sich von IHM her für den Alltag stärken zu lassen. Und seien Sie sich bewusst: Wie uns Christus im Glasbild der Turmkapelle gegenübertritt, so leuchtet uns das Antlitz Christi in unseren Mitmenschen auf! Suchen wir in unserem Alltag das Angesicht Gottes. Seien wir in unserem Herzen stets versöhnungsbereit und voll Erbarmen, denn wie wir in der neutestamentlichen Lesung gehört haben, lebt keiner von uns „sich selber und keiner stirbt sich selber. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.“ (Röm 14,7f.)

[1] Siehe bei Markus Würmseher: Kirchenbau im Bistum Augsburg 1945 bis 1970 (JdVfAB 41), 2007, 128.

[2] Reiner Kunze: auf eigene hoffnung. gedichte, Frankfurt am Main 1981, 44.

[3] Klaus Hemmerle: Voraussetzung des pastoralen Dienstes: dienende Gemeinde, in: Lebendiges Zeugnis 30 (1975), 19-30, hier: 20 (online verfügbar unter https://www.klaus-hemmerle.de/de/werk/voraussetzung-des-dienstes-dienende-gemeinde.html#/reader/3 ).

[4] Ebd., 22.

[5] Vgl. zum Folgenden Raniero Cantalamessa: Die Eucharistie – unsere Heiligung, Köln 1998, 169ff.

[6] Ebd., 172f.