Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zu Ostern 2021 im Hohen Dom zu Augsburg

Das Bistumsbiotop - Jesus der Gärtner

04.04.2021 14:47

Was ist Ostern? Im Religionsunterricht in einem schwäbisch-bayerischen Dorf spricht der Lehrer über die christlichen Feste. „Da gibt es das Fest des Lebens und der Freude“, erklärt er und fragt den kleinen Max: „Wie heißt dieses Fest?“

Max stottert. Er weiß es nicht. Der Lehrer will helfen: „Es fängt mit ‚O’ an!“ Da kommt dem Max die Erleuchtung: „Ich weiß es: Oktoberfest.“ Ja, bei Leben und Freude denkt nicht jeder gleich ans Osterfest.

Doch ganz so falsch lag unser Max gar nicht mit seinem Oktoberfest. Denn nicht nur in Augsburg gibt’s in normalen Zeiten den Osterplärrer, viele Dörfer und Städte organisieren einen Jahrmarkt oder eine Dult. Leider ist heuer nicht einmal Außengastronomie erlaubt – mit Brotzeit und Bier. Doch ansonsten gilt: Osterfest und Oktoberfest liegen so weit nicht auseinander. Beide Feste finden im Freien statt, mitten in der Natur: das Oktoberfest auf der Theresienwiese, das erste Osterfest in einem Garten vor den Toren Jerusalems. Ostern ist ein Gartenfest.

Am Karfreitag wird der Garten vorbereitet, in dem neues Leben sprießen soll: „An dem Ort, wo man Jesus gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war. Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.“ (Joh 19,41-42).

Dieses Gartengrab dient als Bühne für das Osterfest. Als Maria Magdalena sich mit anderen Frauen am frühen Morgen zum Garten aufmacht, um das Grab zu besuchen, kommt es zu einer Verwechslung: Der Auferstandene begegnet ihr als Gärtner. Maria ahnt nicht, wen sie vor sich hat. Und noch weniger ahnt sie, dass der Gärtner sie zur Mitarbeiterin in seinem Garten berufen wird, zur „Apostolin der Apostel“. An dieser Verwechslung merke ich, dass der Heilige Geist ein kleiner Schelm ist. Gottes Pädagogik arbeitet mit einem echten Geistesblitz: Jesus ist nämlich wirklich ein Gärtner; sein Bereich ist der Garten des Lebens. Er will den Menschen den Zugang zum Garten Eden neu eröffnen. Bereits vom Kreuz herunter hat er es einem der Schächer zugesichert: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Damit korrigiert Jesus die Arbeit eines anderen Gärtners: Adam, so erzählt das Alte Testament, wird von Gott in den Garten Eden gesetzt. Dort wird er mit einer wichtigen Aufgabe betraut: Er soll den Garten bestellen, pflegen und schützen. Aber Adam, der Gärtner von Eden, überschreitet seine Kompetenz. Er vertauscht die Rollen. Der Mensch will sein wie Gott; er will entscheiden, was gut ist und was böse. Das Geschöpf schwingt sich auf zum Schöpfer. Und so wird dem Gärtner Adam gekündigt, er muss den Garten verlassen und harte Arbeit leisten. Das Lachen ist ihm vergangen, Adam und seine Frau Eva müssen schaffen im Schweiße ihres Angesichtes.

Seither fehlte dem Garten Eden über viele Jahrhunderte ein Gärtner. Mit dem Auftreten Jesu von Nazareth ist die Stelle des Gärtners wiederbesetzt! Er stellt die Ordnung in Gottes Garten wieder her. Jesus verschweigt seine Ahnenreihe nicht. Gern nennt er sich den „Menschensohn“, auf Hebräisch „Ben Adam“, der Sohn, der Nachkomme des Adam. Jesus ist der neue Adam, der Gärtner, dem es nicht um sich selbst geht, sondern nur um den Willen Gottes.

Noch in anderer Hinsicht legt die Verwechslung am Gartengrab eine tiefsinnige Botschaft frei: Zum Gärtner gehört die Stechschaufel. Damit wendet er die Erde. Sie wird neu fruchtbar und nimmt frischen Samen auf. Jesus, der Gärtner, setzt seinen Spaten an bei der Geschichte vom Garten Eden. Er schlägt nicht nur ein neues Kapitel auf, er wendet das Blatt wie ein Stück Erde: Sünde und Schuld werden umgegraben. Unter dem Einsatz des eigenen Lebens macht Jesus aus dem dornigen Erdengarten den blühenden Garten Eden. Ist es nicht ein wunderschönes Wort, das Blaise Pascal im 17. Jahrhundert prägte: „In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten wurde sie erlöst.“

Ostern ist ein Gartenfest. Wir wissen, dass Jesus zur Hinrichtungsstätte durch das „Gennathtor“ ging, übersetzt „Gartentor“. Seit er das Kreuz dorthin getragen hat, ist das Gartentor offen. Der neue Garten Eden breitet sich vor uns aus. Er grünt und blüht.

Freilich: es gibt kein Paradies auf Erden. Auch die Kirche ist kein Ponyhof. Doch gerade jetzt, da unser Bewegungsradius sehr eingeschränkt ist, sehnen wir uns nach Berührung mit der Natur. Wir freuen uns, wenn es sprosst und grünt; wir suchen Orte, wo die Schöpfung lebt, die uns den Sonnengesang anstimmen lassen. Wir genießen unseren Gärten. Ein Garten braucht Pflege, sonst wird er zur Wildnis. Das gilt auch im übertragenen Sinn. Ich finde, dass unser Bistum – trotz Pandemie - ein echtes Biotop der Hoffnung ist. Wie viel Leben regt sich hier, auch wenn es manchmal klein ist und im Hintergrund. Oft sind es kleine Dinge, die groß sind im Leben. Die Lebewesen im Biotop drängen sich nicht auf. Wer gibt sich da nicht alles ein Stelldichein! Rückenschwimmer, Wasserflöhe, Mücken, zirpende Grillen und hüpfende Heuschrecken, Schnecken mit und ohne Haus, tänzelnde Libellen und summende Bienen, getupfte Marienkäfer und brummende Maikäfer, dazwischen ein quäkender Frosch. Schon der Gärtner Jesus liebt die kleinen Dinge, wenn er das Reich Gottes beschreibt. Er erzählt von Feldblumen und von Samenkörnern, von Spatzen und anderen Vögeln des Himmels, von Sand und Kieselsteinen, von Salz und Sauerteig, von Wasser und Wein, nur selten vom Geld, und wenn schon, dann von den paar Pfennigen einer Witwe, die für den Klingelbeutel kostbar sind. Ich wünsche Ihnen an diesem Osterfest zunächst Freude am Leben, an den kleinen Dingen, die den Garten unseres Lebens so liebenswert machen!

Noch etwas lehrt uns das österliche Biotop der Hoffnung. Das Leben ist viel reicher, als wir es wahrhaben wollen. Ich höre den Einwand: „Reichtum des Lebens kenne ich nicht“. Vielleicht wurden Sie schon einmal richtig enttäuscht und fühlten sich alles andere als gelungen: „Ach Gott, hättest du mich doch etwas intelligenter geschaffen oder einige Zentimeter länger oder ein paar Pfunde leichter!“ Sie verstehen gar nicht, was an Ihnen so liebenswert sein soll? Ich finde es interessant und herausfordernd zugleich, dass das Bistums-Biotop keine Monokultur ist. Wie eine große Familie, so sind wir ein bunter Haufen. Biotop heißt Vielfalt der Arten und Charaktere. Monokulturen sind langweilig. Wer sich auf uns einlässt, dem wird es nicht langweilig, der kommt nie zur Ruhe. Bei uns sollen die Menschen – auch die Fernstehenden - erleben, wie unterschiedlich sich Glauben, Hoffen und Lieben artikulieren kann. Im Garten Gottes ist nichts und niemand gering. Vor ihm darf sich jeder und jede sehen lassen. Adam und Eva mussten das Paradies verlassen; sie nahmen Blätter vom Feigenbaum, weil sie ordentlich groß sind, um sich ihre Blöße zu bedecken. Seit der Gärtner Jesus das österliche Biotop angelegt hat, brauchen wir keine Angst haben, uns eine Blöße zu geben. Wir brauchen uns des Lebens nicht zu schämen, auch wenn bei uns nicht alles in voller Blüte steht. Eine zurechtgestutzte Monokultur sieht zwar schön aus, ist aber auch ungesund. Das Biotop der Hoffnung ist bunt. Kenner wissen, dass fleckige Äpfel oft geschmacklich die besten sind. Ob Adam und Eva auf einen gespritzten Apfel mit roten Bäckchen hereingefallen sind? Im Bistums-Biotop soll der Reichtum des Lebens blühen, da sollen Menschen spüren, wie Leben kriecht und krabbelt, wie es fliegt und jubiliert. Ein solches Biotop zieht an, ohne dass wir viel dazu tun müssten. Wo Leben ist, wirken wir einladend.

„In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten wurde sie erlöst.“ Auf dieses Wort von Blaise Pascal spielt Papst Johannes XXIII. an, wenn er uns Christen sagt: „Wir sind nicht auf der Erde, um ein Museum zu hüten, sondern um einen Garten zu pflegen, der von blühendem Leben strotzt und für eine schöne Zukunft bestimmt ist.“ Wir haben Zukunft, wenn wir dem Leben trauen, das nie vor Überraschungen sicher ist. Auch Maria Magdalena war ganz schön perplex, als Jesus vor ihr als Gärtner stand. Bis heute ist er der Grund, dass wir Ostern feiern als Gartenfest. Ich möchte nicht warten bis zum Oktoberfest. Dort singen wir ein Prosit der Gemütlichkeit. Doch schon heute am Osterfest dürfen wir uns freuen und anstoßen im Prosit auf das Leben!