Mastodon
Predigt von Bischof Bertram zum Jubiläum „500 Jahre Liabs Herrgöttle in Biberbach“ mit Glockenweihe

„Das Kreuz gehört an die große Glocke“

15.09.2024 13:11

Lieber Pfarrer Dr. Lindl, lieber Ulrich, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Wallfahrer und Verehrer des Heiligen Kreuzes, liebe Schwestern und Brüder aus Biberbach und Umgebung, angesichts der immer wieder neu beeindruckenden Größe dieses, eures wundertätigen Kreuzes muss ich innerlich schmunzeln, wenn ich an die Verkleinerung, ja fast das Kosewort denke, mit der das romanische Kreuz seit 500 Jahren hier in Biberbach verehrt wird: Liabs Herrgöttle in Biberbach – das ist Seufzer und Stoßgebet zugleich! Ein echter Vertrauensbeweis, ja, wenn man die Armspannweite von 2,07 m betrachtet, auch ein kindlich-aufrichtiger Ausdruck von Zuversicht. Wie sich ein Kind dem Vater in die ausgebreiteten Arme wirft und den Moment des Geborgenseins am Herzen des Vaters genießt, so dürfen wir seit der Auffindung dieses einst buchstäblich weggeworfenen Kreuzes in den weit geöffneten Augen des Heilandes Trost und Erbarmen lesen.

Längst wurde das ehemalige Triumphkreuz zum beinahe familiären Ankerpunkt, zum Kummerkasten und Kraftort. Dabei ist das Herrgöttle gar nicht für Biberbach gemacht geworden, sondern es wollte hierherkommen, wie Du es, lieber Ulrich, immer wieder betonst: Das Herrgöttle hat sich auf wunder­same Weise seine neue und hoffentlich für alle Zeiten bleibende Wohnung selbst ausgesucht! Dies ist die gläubige Deutung des Gespannwunders, dessen 500. Jahrestag wir im kommenden Jahr begehen, wenn wir uns an die Bauernkriege erinnern und die furchtbaren Gewaltexzesse, die nicht zuletzt auch einen religiösen Hintergrund haben.

Dies soll uns zum Nachdenken bringen, gerade weil wir es seit einiger Zeit mit einer erschreckenden Zunahme an Gewalttaten und wachsender Gewaltbe­reitschaft in unserem Land zu tun haben. Es wäre verantwortungslos, einfach die Augen zu verschließen und sich in die eigenen vier Wände, in Familie und Freundeskreis zurückzuziehen. Denn wir haben eine Botschaft, die wir gelegen oder ungelegen, verkünden sollen, eine Friedens- und Frohbotschaft, wie sie Jesus im nächtlichen Zwiegespräch mit Nikodemus offen bekennt: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,17).

Ja mehr noch: Christus spricht vom Kreuz herab – unzählige Male haben hilfesuchende Menschen in den vergangenen Jahrtausenden diese Erfahrung gemacht. Ich denke dabei an die heiligen Gründer der Bettelorden Franziskus und Dominikus, die den Auftrag Gottes zur Wiederherstellung seiner Kirche unterschiedlich erfüllten, aber mit Feuereifer und Herzblut ans Werk gingen. Ich denke an die heilige Hedwig von Polen (Jadwiga/Hedwig von Anjou; *1373 oder 1374 in Buda; † 17. Juli 1399 in Krakau; sie war ab 1384 „König“ von Polen), deren Grab sich auf dem Wawel in der Krakauer Kathedrale befindet. Ganz in der Nähe jenes Kreuzes, das, wie die Legende berichtet, die 12jährige beim Namen rief, die wegen bohrender Zweifel im Blick auf die politische und persönliche Zukunft nachts aus dem Schloss „flüchten wollte, aber mit der viel zu schweren Axt das große Tor nicht öffnen konnte. Hedwig ging in die Kathedrale und sah das schwarze Kreuz mit dem schwarzen Christus leuchten. Dieser eröffnete ihr, dass sie den litauischen Großfürsten Jagiello heiraten und Litauen missionieren solle.“[1] Welcher Christ, welche Christin kennt nicht solche Situationen, in denen man um eine Entscheidung ringt und sich vom Gekreuzigten Wegweisung erhofft und nicht selten auch bekommt!

Tausende und Abertausende haben in den vergangenen fünf Jahrhunderten ihre Schritte hierher gelenkt. Es waren junge, leichtfüßige Schritte darunter, aber bestimmt noch mehr gramgebeugte Menschen, die schwer unter der Last körperlicher und seelischer Schmerzen trugen. Menschen, denen das eigene Kreuz schier den Atem abdrückte und die hier in die Knie gingen, voller Hoffnung, dass der Segen, der vom Altar ausgeht, ihnen wieder Kraft schenkt, aufzubrechen, ihr persönliches Kreuz zu schultern und zu wissen: Gott geht alle Wege mit! So schrieb Pater Alfred Delp, der am Lichtmesstag 1945 seinem Henker in die Augen sah, weil er Gott mehr gehorchen wollte als den Menschen (Apg 5,29), wie vor ihm schon die Apostel Petrus und Paulus und unzählige andere Märtyrer.

Wenn wir heute eine Glockenweihe feiern, dann kann uns auch sie zu einem Instrument, einem Werkzeug der Gnade werden. Gott sei Dank haben wir noch das Angelus-Läuten, das der hl. Franziskus als Idee aus dem Orient nach Europa gebracht hat, weil er vom Gebetsrufen des muslimischen Muezzins so beeindruckt war. 2019 haben wir 800 Jahre interreligiösen Dialog zwischen Franz von Assisi und dem Sultan Al Kamil gefeiert – auch damals gab es schon eine Briefmarke, wie jetzt im Juli zum heiligen Ulrich. Nehmen wir solches Gedenken ernst: Das kann unser geistliches Leben befruchten und gibt uns Halt und Orientierung in einer schnelllebigen Zeit.

Wer vor der Entscheidung steht, wirklich an den dreifaltigen Gott zu glauben, und die Seligpreisungen hellwach und mit offenem Herzen hört, der kann nicht aus allen Wolken fallen, wenn er Leidvolles erfährt oder auch soziale Ausgrenzung und Anfeindung. Echte Nachfolge steht quer zu den angeblichen Erfolgsregeln unserer Gesellschaft, für die nach wie vor die alte Formel, nach oben buckeln und nach untentreten, die fragwürdige Grundlage bildet.

Auch der 34. Pfarrer von Biberbach, Pfarrer Ulrich Zusemschneider, hätte vermutlich sein Leben nicht auf diese grausame Art verloren, wenn er 1632 gegenüber den heranstürmenden Schweden nicht für das Kreuz Partei ergriffen hätte. Sein Schicksal ist untrennbar mit dem Herrgott, wie er hinter mir am Kreuz hängt, verbunden und Sie sollten, so denke ich, während des Jubiläumsjahres auch seiner gedenken. Vor allem gilt: Das Kreuz gehört an die große Glocke!

„Crux stat, dum volvitur orbis: Das Kreuz steht, während sich die Erde dreht“ – dieses Motto des strengen Kartäuserordens entspringt der Erkenntnis, dass wir alle Veränderungen unterworfen und deshalb immer der Anfechtung ausgesetzt sind, ‚es gut sein zu lassen‘, nicht aufzumucken und aktiv zu werden, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

„Christentum bedeutet Entscheidung“ – mit diesem Satz begann der junge Vikar Dietrich Bonhoeffer seine erste Predigt in der deutschen Auslandsgemeinde in Barcelona und wir alle wissen, wie sein Weg der „Nachfolge“ (Titel seines Hauptwerkes) zu Ende ging. Mein Vater stammte aus Flossenbürg, deswegen ist mir schon als Kind der Name dieses wohl berühmtesten Häftlings und Todesopfers des dortigen KZs begegnet und bis heute weiß ich mich seiner Theologie und seinem Lebenszeugnis verpflichtet. Einer seiner letzten Texte aus dem Gefängnis ist überschrieben: „Stationen auf dem Wege zur Freiheit“. In ihm wird auch die Erfahrung von Leiden und Tod reflektiert. Dies passt, wie ich finde, sehr gut zu unserem Kreuz in Biberbach:

Leiden.

Wunderbare Verwandlung. Die starken tätigen Hände

sind dir gebunden. Ohnmächtig einsam siehst du das Ende

deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte

still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden.

Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,

dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod.

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,

Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern

unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,

dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.

Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.

Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

 

Bei der Priesterweihe wird dem Kandidaten das Wort gesagt: Stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes! Dem Neupriester wird also sein künftiger Platz zugewiesen: unter dem Kreuz. Verhaltener, oft unausgesprochen gilt dies auch für Frauen in der Nachfolge Jesu. So ist es bewundernswert, wie viele Ordensschwestern auf den Kalvarienbergen unserer Zeit unter dem Kreuz stehen: Sie verhelfen Kindern und Jugendlichen zu einem Platz im Leben, wahren die Würde von Alten, Kranken und Sterbenden und helfen anderen, ihr Kreuz zu tragen.

Auch gibt es das Kreuz der Gemeinschaft, einer Enge oder inneren Einsamkeit, die manchmal belastend sein kann. Oder das Kreuz eines Amtes, einer Aufgabe, die sich jemand nicht selbst ausgesucht hat. Wie Jesus will ich mich diesem Kreuz stellen und nehme seine Ecken und Kanten, seine Spitzen und sein Gewicht an!

Und dann ereignet sich das Wunderbare: Unter dem Kreuz entsteht Gemeinschaft, die trägt und Zukunft hat: Die Erfahrung, geblieben zu sein, das Elend ausgehalten zu haben, dem schwierigen Menschen nicht ausgewichen zu sein, das alles stiftet bleibende Zusammengehörigkeit.

Schauen wir auf den aus Liebe Gekreuzigten und lassen wir uns von ihm verwandeln:

Herr Jesus Christus, in dein Antlitz will ich mich verlieren. Nimm mich hinein in dein Erlöst-Sein und lass mich immer wieder erkennen und spüren, dass mein eigenes Kreuz an Bedeutung verliert, wenn ich unter deinem liebenden Blick stehe. Hilf mir, dass ich trotz mancher Schwierigkeiten in meinem Leben noch froh sein kann, weil ich weiß, dass du in mir die Freude bist. Lass mich die Menschen sehen, wie du sie siehst, damit an meinem Leben sichtbar wird, was es heißt, mit Gott versöhnt, erlöst und im Glauben an die Auferstehung zu leben. Amen.

[1]Hedwig von Polen - Ökumenisches Heiligenlexikon