Der Fels und das Wasser
Lieber Pater Kerschbaumer, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern der „Familie Mariens“, liebe Schwestern und Brüder, einer meiner Vorgänger, Bischof Josef Stimpfle, der die Sühnekirche vor 50 Jahren konsekrierte, verstand diesen Akt als „Einladung, ‚allzeit zu beten und darin nicht nachzulassen‘ (Lk 18,1) und mit Christus Sühne zu leisten für die Sünden der Welt. Die an der Gebetsstätte Wigratzbad besonders geübte Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariä soll beitragen – so Bischof Stimpfle – zur Vertiefung des Lebens in Christus, zur Erneuerung der Kirche, zur Rettung und zum Frieden der Welt“[1]. Genau ein halbes Jahrhundert später sind wir heute hier versammelt, um Gott für jeden Segen zu danken, der von dieser diözesanen Gebetsstätte Wigratzbad ausgegangen ist. Menschen werden im Glauben gestärkt und schöpfen Kraft aus der Spiritualität, die an diesem Ort mit großer Beständigkeit gepflegt wird. Wigratzbad ist ein Ort gläubiger Zuversicht sowie des Vertrauens auf „Maria vom Sieg“. Turbulenzen und Probleme, die sich in der Vergangenheit ergeben haben, dürfen wir dennoch nicht beschönigen, aber wir gehen im Vertrauen auf Gott weiter und bitten stets um sein Erbarmen und seine Führung.
Ich möchte meine Gedanken auf zwei zentrale Motive konzentrieren, die in den heutigen Lesungen hervortreten: den Felsen und das Wasser. Auf den ersten Blick scheinen sie sich auszuschließen. Denn Stabilität und Standfestigkeit schließen Entwicklung und Dynamik aus oder doch nicht?
Wenn die Antike und das Mittelalter die Ruhe (Hesychia) liebten, hat die Moderne die Mobilität aufgewertet. In Bewegung zu sein, gilt in der Neuzeit als Zeichen von Kreativität und Fortschritt. Was aber geschieht, wenn eine Gesellschaft in eine Zeit extremer Fluidität eintritt, in der nichts mehr festen Halt zu bieten scheint? Was geschieht, wenn Werte in zynischer Weise relativiert werden, wenn Positionen, die noch vor Kurzem undenkbar in ihrer Geschmacklosigkeit gewesen wären, salonfähig werden, wenn es immer schwerer fällt, zwischen wahr und falsch, richtig und irrig, angebracht und nicht angemessen zu unterscheiden? Wie kann man in der „Wüste der Fake News“ noch die „Good News“ des Evangeliums erkennen?
Bestimmt wird jede Meinung in einem konkreten Kontext formuliert. In einem komplexen Leben bieten nur Populisten einfache Antworten. Es gibt jedoch Anhaltspunkte und Wegweiser, die für den Glauben ebenso wie für die Demokratie unverzichtbar sind. Kann die Fluidität wirklich ein Lebensideal sein? Wenn alles zu relativieren ist, worum soll man im Leben kämpfen? Was ist dann der Wert der menschlichen Person und ihrer Rechte? Gefährdet ein zynischer Relativismus nicht die Würde und die Freiheit des Menschen?
Das Bild des Felsens erinnert an das Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität und Orientierung. Für unseren Glauben ist der Fels die Person Jesu Christi, der uns als Freund, Bruder und Lehrer stärkt und führt. Als verlässlicher Bezugspunkt schenkt er Orientierung und Hoffnung. Ich rede nicht von einem System von Lehrsätzen, sondern vom persönlichen Bezug zum menschgewordenen Gott. Gerade deshalb ist die Vertiefung dieser Beziehung von so zentraler Bedeutung für unseren Glauben. Der Glaube, der an Orten wie Wigratzbad gepflegt wird, trägt dazu bei, diese Beziehung zu festigen und zu vertiefen.
Ist aber die Stabilität, von der ich rede, nicht etwas Starres? Brauchen wir nicht auch das dynamische Element in unserem Leben? Das Bild des Wassers, wie es uns der Prophet Ezechiel vor Augen stellt, verweist auf Bewegung, Erfrischung und neue Kraft. Ich zitiere: „Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden sie gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben (…). An beiden Ufern des Flusses wachsen alle Arten von Obstbäumen. Ihr Laub wird nicht welken und sie werden nie ohne Frucht sein. Jeden Monat tragen sie frische Früchte; denn ihre Wasser kommen aus dem Heiligtum. Die Früchte werden als Speise und die Blätter als Heilmittel dienen.“ (Ez 47,9.12)
Nicht zufällig wurde das dynamische Element in der Theologie der Kirche sowohl mit Christus als auch mit dem Heiligen Geist verbunden, der als Spiritus Creator die Kirche leitet, sie voranführt und ihr schöpferische Lebendigkeit schenkt.
Im heutigen Evangelium ist vom Felsen die Rede, auf dem die Kirche erbaut wird. Der Fels schließt den Bau, die Entwicklung nicht aus, im Gegenteil! Das feste Fundament, gleichsam der „archimedische Punkt“, bremst nicht, sondern gewährleistet die Voraussetzungen für Wachstum und Entfaltung.
Es ist offensichtlich, dass die Kirche nicht erst im 20. Jahrhundert entstanden ist. Ebenso wenig wäre es klug, im Namen des Reformbedarfs ihre geschichtliche, diachrone Dimension auszublenden. Doch wie jeder lebendige Organismus wächst auch die Kirche. Sie reagiert auf die Impulse der Zeit, in der sie steht, und tritt mit ihr in Beziehung. Sie ist kein Museum und auch kein Sammelort für Nostalgiker eines idealisierten vergangenen Zeitalters. Sie steht vielmehr in einer lebendigen Beziehung zu ihrer Tradition.
Oft denke ich an ein Wort des großen Kirchenhistorikers Jaroslav Pelikan, der sich u. a. intensiv mit John Henry Kardinal Newman beschäftigt hat: „Tradition ist der lebendige Glaube der Toten; Traditionalismus ist der tote Glaube der Lebenden.“
Der Heilige Geist lässt die schöpferischen Kräfte wachsen. Aber sind wir auch bereit, seine Stimme zu hören und zu unterscheiden? Oder setzen wir in unserem kreativen Eifer vorschnell unsere eigenen Erwartungen und Vorstellungen mit dem Willen Gottes gleich? Sind wir bereit, unsere Ohren für die Stimme Gottes zu öffnen?
In den letzten Jahren hat sich in der römisch-katholischen Kirche immer stärker eine Kultur des Zuhörens entwickelt – als Grundlage einer gesunden Synodalität, eines zukunftsweisenden Miteinanders in der Kirche. Bevor wir urteilen oder kritisieren, ist es gut, wirklich zu verstehen, was wir hören und lesen, was die Intention unseres Gesprächspartners ist. Statt unsere Position kompromisslos durchsetzen zu wollen, arbeiten wir effektiver, wenn wir um Einmütigkeit und Einheit bemüht sein. Des geht um symphonische Harmonie.
In unserer Kirche gibt es ein Amt, das in besonderer Weise dem Zusammenspiel von Stabilität und Dynamik, von Einheit und Vielfalt dient. Das heutige Evangelium ist ein grundlegender Bezugstext für das Verständnis des Petrusdienstes, der ein Dienst an der Einheit der Weltkirche ist, mit dem Bischof von Rom als zentrale Bezugsperson: Der Papst hört zu, wägt ab, stärkt, führt zusammen und eröffnet Perspektiven. Das Vertrauen in den Bischof von Rom ist entscheidend für unser Verständnis der Kirche. Dieses Vertrauen ist eine Garantie der Einheit. Katholiken, die meinen, „katholischer zu sein als der Papst“, sind vermutlich nicht katholisch genug. In der Kirche gibt es nur einen Papst – und er tut seine Arbeit gut.
Liebe Schwestern und Brüder,
jede Kirche ist ein Ort, an dem sich die Erfahrung der Gegenwart Gottes in besonderer Weise verdichtet. In der Sühnekirche, die dem Heiligsten Herzen Jesu und dem unbefleckt empfangenen Herzen Mariens geweiht ist, wird eine Spiritualität gepflegt, die letztlich zur Reflexion und Meditation über das Geheimnis der Menschwerdung und das Mysterium unserer Erlösung einlädt. Die Architektur und Raumgestaltung weisen ebenfalls darauf hin.
Wie sollte dieser Ort da nicht ein Ort des Dankes sein für die Gaben Gottes, der Mensch geworden ist, und für den Schutz Mariens, die uns auf unserem Lebensweg begleitet?
Ich wünsche der Gebetsstätte Wigratzbad von Herzen, dass sie auch in Zukunft ein Ort der Evangelisierung bleibt, an dem Stabilität und Dynamik, Geborgenheit und schöpferische Kraft zur Ehre Gottes erfahrbar werden.
[1]https://www.gebetsstaette.de/gebetsstaette-wigratzbad/suehnekirche/
Lesungen: Ez 47,1-2.8-9.12; 2 Kor 3,9c-11.16-17; Mt 16,13-19