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zum Evangelium der Taufe des Herrn 2017
von Domdekan Bertram Meier, Augsburg

Der Jordan als theologischer Ort

16.01.2017 11:17

Dass Jesus am Beginn seines öffentlichen Auftretens
da drunten am Jordan mitten unter Kreti und Pleti aufkreuzt und sich in eine
Reihe mit denen stellt, die sich der Bußtaufe des Johannes unterziehen,
verwundert. Doch dieser seltsame Einstieg in Jesu „Karriere“ war den ersten
Christen offenbar wichtig, sonst würden nicht alle vier Evangelisten davon berichten.

Hat Jesus es denn nötig, sich die Bußtaufe geben zu lassen? Warum lässt sich Jesus taufen, da er doch nichts zu büßen hatte? Oder war es gar ein missionarischer Trick, sich in die Johannes-Jünger einzureihen, um Proselyten zu machen?

Fragen über Fragen. Den Schlüssel für eine Antwort liefert uns die Geographie. Dass Johannes am Jordan tauft, ist kein Zufall. Der Täufer hat sich die Stelle ausgesucht, an der Jahrhunderte vorher Josua die Israeliten in das Gelobte Land geführt hatte. Die Wahl dieses geschichtsträchtigen Ortes spricht Bände. Jesus hat seinen Heimatort Nazareth verlassen und ist zum Täufer an den Jordan gegangen, weil er wusste: An diesem Ort ist einst Großes geschehen, und noch viel Größeres wird sich ereignen.

Wie im Alten Bund die Verheißung des Gelobten Landes sich am Jordan erfüllte, so soll genau an dieser Stelle der Neue Bund öffentlich seinen Anfang nehmen. Der Jordan ist gleichsam das Scharnier zwischen Altem und Neuem Testament. „Ich taufe nur mit Wasser“, sagt Johannes denen, die ihn für den Messias halten. In dem, was er lehrt und lebt, spiegelt sich das Streben der Menschen aller Zeiten, sich selber zu waschen, um möglichst makellos zu erscheinen: ein fast verzweifeltes Bemühen, ein ehrenwertes, korrektes Leben zu führen und die eigene Persönlichkeit zu vervollkommnen. Fazit: ständig vor dem Spiegel der seelischen Toilette, dauerndes Zurechtfrisieren, ein Über-schminken nicht nur äußerer Furchen und Falten im Kosmetikstudio der Psyche.

Trotz aller Anstrengungen fühlen wir uns oft wie Münchhausen, der sich mit dem eigenen Schopf aus dem Schlamassel herausziehen will und doch auf der Nase landet. Deshalb braucht es eine andere „Einweihung“ ins Leben. Wer mit allen Wassern gewaschen ist, umschifft vielleicht die Klippen des Lebensflusses. Doch um uns selbst und zu Gott zu finden, bedarf es einer anderen Taufe. Zu ihr gibt es keinen Zugang, den wir selbst „machen“ könnten. Das ist die Grenze, die der Botschaft des Johannes innewohnt.

Selbst wenn Johannes Jesus tauft, weiß jener, dass sein eigenes Tun nur eine Art Vorspiel ist: „Nach mir kommt der, der stärker ist als ich. (…) Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit Heiligem Geist taufen“ (Mk 1, 7f.). Diese neue Taufe weiht uns in ein Leben ein, das wirklich lebenswert ist. Taufe aus dem Heiligen Geist meint ein Leben nicht selbst gemacht „von unten“, sondern „von oben“ in Fülle. Ein Funke springt über. Ich bin begeistert, ergriffen, gebannt von einer Person und einem Ziel, erfüllt von Perspektive und Leidenschaft. Ich, der ich vorher frierend in den wohlbeheizten vier Wänden saß, bin plötzlich von innen her durchdrungen und strahle aus.

Um diese Aussage zu untermauern, lohnt sich ein nochmaliger Blick auf den Jordan. Die Taufstelle – die Stelle am Jordanfluss kurz vor der Mündung ins Tote Meer – ist der tiefste Punkt auf der Erdoberfläche außerhalb der Weltmeere. Geographisch gesehen handelt es sich um den großen Jordangraben, der sich dann noch weiterzieht bis nach Afrika hinein; der Jordan und das Tote Meer sind mit etwa 400 Metern unter Meereshöhe die tiefst gelegene Gegend der Erdoberfläche. Deshalb hat das Tote Meer ja auch keinen Abfluss und wird daher immer salziger.

Der Befund der Geographie birgt eine Botschaft der Theologie: In seiner Taufe steigt Jesus gleichsam hinab in die tiefsten Abgründe des Lebens. Descendit: Er steigt hinab – bis unter den Nullpunkt. Indem Jesus ins Wasser des Jordan hinuntersteigt, geht er dorthin, wo wir auf Neudeutsch ganz „down“ sind – ganz unten, um uns abzuholen, aufzuheben und aufzurichten.

Denn während alle Menschen, die vor ihm in den Jordan stiegen, dort ihre Sünden abgeladen haben, ist Jesus, der ohne Sünde war, derjenige, der in den Fluss steigt, die Sünden der anderen annimmt und damit beladen aus dem Jordan heraussteigt. Wo geht er hin mit unserer Schuld? Er nimmt sie auf sich und trägt sie. Er geht mit ihr ins 700 Meter über Meereshöhe gelegene Jerusalem. Gut 1000 Höhenmeter überwindet er, er trägt unsere Schuld hinauf nach Jerusalem bis ans Kreuz. So wird in Jesu Taufe am Jordan das Kreuzesopfer schon unblutig vorweggenommen. Der in allem uns gleich war  - außer der Sünde - lässt sich unter die Sünder rechnen, indem er sich anstellt in der Warteschlange zur „Beichte“ am Jordan. Der Schuldlose findet sich wieder mitten unter den Sündern. Wie am Jordan, so am Kreuz: Dort hängt Jesus unter den Verbrechern  – als der Unschuldige. Kann man es treffender ausdrücken als der hl. Petrus: „Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit.“ (1 Petr 2,24)

Wir sind getauft auf den Namen des dreifaltigen Gottes zur Vergebung der Sünden. Wer mit der Taufe des Neuen Bundes getauft ist, der ist nicht mehr nur mit den Reinigungsarbeiten im schmutzigen Lebenssumpf beschäftigt. Er freut sich an der Würde, die er von nun an genießt. Im Wasser der Taufe ist der Christ in seinem Element. Er hat die Seite gewechselt: Aus dem Erdenmenschen wurde – liebevoll gesagt – eine Wasserratte. Gelöst von der Anziehungskraft der Erde lässt der Getaufte sich tragen, gleiten und halten vom Wasser des übernatürlichen Lebens, auch wenn die Wogen des Alltags ihn manchmal zu überspülen drohen, selbst wenn er in den Strudel von Sünde und Schuld hineingeraten sein sollte.

Wir bräuchten die Taufe nicht, wäre sie für die Kirche nur ein bürokratisches Aufnahmeverfahren. Theoretisch würden dafür auch ein schlichter Fragebogen und eine Unterschrift genügen. Doch die Taufe ist Handeln Gottes, Sakrament. Wir brauchen sie, um als Gottes Sohn und Tochter gerufen und vom Heiligen Geist erfüllt zu werden. Daher sind wir Christen von Anfang an Wasserratten.