in der Erzabtei St. Ottilien am Freitag, den 4. Oktober 2024
Der Mission Gestalt geben
„Wer bin ich – und ja, wie viele?“ So lautet ein Buchtitel aus der Feder des Philosophen und Publizisten Richard David Precht. In 54 Kapiteln geht der Autor den Fragen nach: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Er meint, mit der Beantwortung dieser Fragen komme man der eigenen Identität auf die Spur.
Auch uns Christen – ganz gleich in welcher Lebensform – bewegt immer wieder die Suche nach unserer Identität. Einmal stärker, einmal schwächer. Als Menschen und als Christen fragen wir uns: Was macht mich aus? Hat meine Identität mit meiner Gottesbeziehung zu tun? Und wo ist der Ort, diese Identität zu leben: in der Familie, in einer Gemeinschaft oder allein?
Grundlage der Identität für uns Christen ist unsere Beziehung zu Gott. Gott verspricht, dass wir seine Kinder sind, seine geliebten Söhne und Töchter. Er spricht uns bedingungslos als seine „geliebten Kinder“ an. Und: Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde. Wir sind Kinder und Freunde Gottes.
Gleichzeitig haben wir als Christen die Aufgabe, Gottsucher im konkreten Alltag und Nachfolger Jesu im Heute zu sein. Dabei kommen neue Fragen auf: Was macht mich eigentlich aus? Wie definiere ich mich? Wie viel Individualität ist gesund und wo ist es besser, sich anzupassen?
Lieber Bruder Lazarus, solche und ähnliche Fragen sind Ihnen sicher nicht fremd. In den vergangenen Jahren im Beruf, in der Klosterausbildung, vor der Bindung auf Lebenszeit durch die Feierliche Profess haben Sie sich sicher wiederholt die Identitätsfrage gestellt und nach Antworten gesucht: Antworten, die zu Ihnen und Ihren Vorstellungen passen, die Sie so sein lassen, wie Sie sind – nicht verbogen und verschroben. Die Kompassfrage lautete: Wer bin ich vor Gott und vor den Menschen, mit denen ich Leben und Glauben teile? Passe ich in diese konkrete Abtei, in diese Gemeinschaft von St. Ottilien?
Am heutigen Tag kommen diese Fragen sicher wieder hoch; zugleich wird eine Antwort gegeben. Sie, lieber Bruder Lazarus, sind eingeladen, dem Mönch und dem Diakon Gestalt zu geben, als Mönch Diakon zu werden. Was heißt das?
Es mag einige von Ihnen verwundern, dass ich von der Gestalt des Mönches und Diakons spreche. Eine Gestalt ist eine Form, ein Umriss oder ein Erscheinungsbild, also etwas Äußeres. Müsste es aber bei beiden Lebensidentitäten – Mönch und Diakon – nicht eher um Innerlichkeit gehen?
Von Äußerlichkeit sprechen wir in der Kirche nur ungern. Denn schnell verbinden wir die äußere Gestalt oder Form mit „bella figura“ und Eitelkeit. Wenig Sein, dafür viel Schein. Muss das so sein? Es gibt ja nun mal sowohl für den Mönch als auch für den Diakon äußere Zeichen seiner Lebensgestalt. Ist es der Habit als Zeichen der mönchischen Lebensweise, ist es beim Diakon die Dalmatik und gekreuzte Stola? Diese äußeren Zeichen sind prägend für den Träger, und für die, die sie anschauen, vermitteln sie einen Eindruck. Sie sind Erkennungszeichen.
Ein Detail ist interessant: Mönchsgewand und Dalmatik sind in Form des Kreuzes geschnitten. Sie sind ein Hinweis auf den, der menschliche Gestalt annahm und sich den Menschen zuneigte, um uns schließlich am Kreuz zu erlösen: Jesus Christus.
Sicherlich kann man sich durch das Äußere, den mönchischen Habit, definieren, man kann sich ergehen in liturgischen Handlungen und diakonalen Riten, aber werden diese Äußerlichkeiten reichen, um die Lebensgestalt eines Mönches und eines Diakons ein Leben lang zu verwirklichen? Ich meine: Nein!
Mönch und Diakon sind unterwegs mit Gott. Im alltäglichen Handeln lassen sie sich von Gottes schöpferischem Geist durchdringen und formen. Dabei können sich im Lauf des Lebens immer wieder neue und unerwartete Wege auftun und Herausforderungen zeigen, auf die beide sich einzulassen haben: der Mönch und der Diakon. Je mehr sie in ihrem Leben Gott Raum geben, umso mehr werden sie selbst zu einer menschlichen Gestalt Gottes und können als Mönch und Diakon gestaltend wirken. Aus der menschlichen Gestalt Gottes bekommen wir Gestaltungskraft als geistliche Menschen. Die Jahre in St. Ottilien, die Ausbildung im Diakonenkurs, das konkrete Leben in der benediktinischen Gemeinschaft waren Zeiten des Lernens, eine Schule der Vergewisserung. Es waren Jahre der Gestaltgebung.
Die Formung ist heute nicht beendet. Die Schule der Formung geht weiter – auch über die Diakonenweihe hinaus. Ich freue mich, dass Sie, lieber Bruder Lazarus, in Ihrer Gemeinschaft Gott eine menschliche Gestalt und ein menschliches Antlitz geben wollen. Schon vor der Weihe war es angelegt, jetzt wird es mit der Weihe zum Diakon noch anschaulicher. So lege ich Ihnen ein Wort von Papst Franziskus ans Herz: „Ich bin immer eine Mission; du bist immer eine Mission; jede Getaufte und jeder Getaufter ist eine Mission. Jeder Christ ist in dem Maß Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist; wir sagen nicht mehr, dass wir ‚Jünger‘ und ‚Missionare‘ sind, sondern immer, dass wir ‚missionarische Jünger‘ sind.“ (Vgl. Evangelii gaudium, Nr. 120)
Lieber Bruder Lazarus, ich wünsche Ihnen, dass Sie als Missionsbenediktiner von St. Ottilien Ihrer Mission Gestalt geben und in Ihrem Wirken selbst immer mehr eine Gestalt dieser Mission werden. Machen Sie Ihrem Namen alle Ehre: Als Bruder Lazarus tragen Sie Verantwortung in der Krankenabteilung, gleichsam im Lazarett Ihres Klosters. Diese Aufgabe ist Ihnen auf den Leib geschrieben. Ihre Mitbrüder brauchen und schätzen Sie! Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass für Sie der Mönch und der Diakon nicht zwei verschiedene Identitäten sind, sondern dass Sie Ihre Identität in zwei Gestalten erfüllend leben und bezeugen können: als Mönch und als Diakon. Ich wünsche Ihnen, dass Sie authentisch sind und bleiben, ein und derselbe Diakon Bruder Lazarus.