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Predigt zum Abschluss der Generalsanierung der Pfarrkirche St. Michael in Osterbuch

Kirche für die Menschen statt Menschen für die Kirche

29.09.2024 12:00

Liebe Schwestern und Brüder, viele von Ihnen haben sicher noch die Bilder aus den Nachrichten in Erinnerung, als vor gut zwei Wochen die historisch bedeutsame Carolabrücke in Dresden einstürzte. Gott sei Dank wurde niemand dabei verletzt. Dennoch fragt man sich, wie so etwas geschehen konnte.

Was auch immer am Ende den Ausschlag gab, eines war bekannt: Seit Jahrzehnten gab es erhebliche Schäden an der Brücke und die dringend notwendige Renovierung kam zumindest an einem Bauabschnitt zu spät, was schließlich zu dem Unglück führte.

Nun ist ein Sakralbau wie die Pfarrkirche St. Michael hier in Osterbuch natürlich nicht vergleichbar mit einer so großen Brücke. Aber auch hier wurden bei einer Untersuchung im Jahr 2014 erhebliche „statische Mängel“ festgestellt, wie es im Renovierungsbericht zu lesen ist. Ein morsches Gebälk sowie die Gefahr herabfallender Dachplatten stellten ein ernst zu nehmendes Risiko für Kirchenbesucher dar. Höchste Zeit also, dieses jahrhundertealte Gebäude zu renovieren, das vom Landesamt für Denkmalpflege als „reizvollster Kirchenraum der Spätrokokozeit im alten Landkreis Wertingen“ bezeichnet wird. Und so freue ich mich sehr, dass wir uns heute hier versammelt haben, um Gott die Ehre zu geben und den Abschluss der Generalsanierung zu feiern.

Die heutigen Tageslesungen sind dabei alles andere als leichte Kost und so manch einer mag vielleicht sogar erschrocken sein angesichts der doch recht drastischen Worte, die uns beispielsweise im Evangelium von Jesus mitgegeben werden. Doch ist es beim Glauben bisweilen wie mit der Renovierung einer Kirche: Auch unbequeme Dinge müssen angegangen und dürfen nicht ignoriert werden, damit am Ende nicht alles wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Zwei Dinge scheinen mir dabei von zentraler Bedeutung zu sein: (1) Kirche als Gemeinschaft zu verstehen, in der wir alle unsere Talente einbringen können und dazu aufgerufen sind, Verantwortung zu übernehmen. Und (2): In allen Umbrüchen ganz auf unseren Herrn Jesus Christus zu vertrauen, der mit seinem heiligen Geist auch dort wirkt, wo wir es oft gar nicht vermuten.

1. Kirche als Gemeinschaft, in der alle sich einbringen können

Blicken wir zunächst noch einmal auf die erste Lesung aus dem Buch Numeri. Da ist von Mose die Rede, der an einem bestimmten Punkt seines Lebens allzu erschöpft davon ist, das Volk Israel zu führen. Er kann und will die Last der Verantwortung nicht mehr alleine tragen, also bittet er Gott um Hilfe. Dieser stellt ihm 70 Männer an die Seite, die ihn von nun an - erfüllt vom heiligen Geist - bei der Gemeindeleitung unterstützen (vgl. Num 11,25).

Eine wichtige Botschaft dieser Geschichte könnte darin liegen, dass Kirche bei aller historisch gewachsenen und auch notwendigen Hierarchie kein Exklusiv-Club und schon gar keine „One-Man-Show“ ist, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, welche auf je eigene Weise dazu berufen sind, mit ihren verschiedenen Gaben und Fähigkeiten am Haus Gottes mitzubauen. Nicht nur in der Firmvorbereitung sprechen wir ja davon, dass Gott jedem Menschen etwas mitgibt (vgl. 1 Kor 12,7-11; Röm 12,6-8). Kirche ist somit der Ort, an dem wir uns einander helfen können, unsere Talente zu entdecken, zu heben und zu verdoppeln.

So gab es, wie ich gehört habe, auch hier in Osterbuch erfreulicherweise Gemeindemitglieder, die sich in den letzten Jahren rund um die Renovierung dieser Kirche sehr verdient gemacht haben. Diesen Frauen und Männern möchte ich meinen herzlichen Dank ausdrücken und Vergelt’s Gott sagen. Gerne schließe ich mich dem Wunsch des Kirchenpflegers Friedrich Dirr an, dass „durch dieses wunderschön wiederhergestellte Gotteshaus viele alte und junge Pfarreimitglieder den Weg in die Kirche finden“ mögen.

Des Weiteren möchte ich an der Stelle jenen Personen und Institutionen danken, welche die verschiedenen Arbeiten am Kirchenbau finanziell unterstützt haben. Sie alle tragen durch ihre Spenden dazu bei, dass Menschen auch zukünftig an dieser Stelle einen Platz haben, an dem Sie Gott begegnen und Kraft im Glauben schöpfen können. Werke wie diese, welche zum Wohl anderer beitragen und die Gemeinschaft vor Ort stärken, bewahren uns vor der Ich-Bezogenheit reicher Leute, von denen wir in der zweiten Lesung im Jakobusbrief gehört haben (Jak 5,4f.). Ausdrücklich will ich darum auch allen danken, die am vergangenen Sonntag die Caritas-Aktion unterstützt haben. Zugleich bitte ich Sie, am morgigen „Welttag des Migranten und Flüchtlings“ für diejenigen Menschen zu beten, die sich in Notsituationen auf einen oft gefährlichen Weg in andere Länder begeben, um Schutz zu suchen. Lassen Sie uns hierbei als Christinnen und Christen auch klar Stellung beziehen gegenüber immer lauter werdenden fremdenfeindlichen Tendenzen in unserem Land, die mit dem christlichen Glauben unvereinbar sind. Ja, es gibt gesellschaftliche Probleme (z. B. bei den Themen Sicherheit, Integration…), die wir nicht kleinreden oder gar ignorieren dürfen. Dennoch müssen sämtliche Lösungsansätze stets dem humanitären Ethos entsprechen, das im Christentum vor- und mitgeprägt ist und welches die Grundlagen unseres Staates definiert. Menschenwürde, Menschenrechte, besonders der Schutz des Lebens von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende, sowie Solidarität sind dessen elementare Bestandteile.

Dies führt mich zu meinem zweiten Punkt, der um die Frage kreist, wie wir als Kirche grundsätzlich mit Personen umgehen, die aus dem Raster fallen.

2. Gottes Geist ist immer für Überraschungen gut

Werfen wir dazu noch einmal einen Blick ins Alte Testament. Dort haben wir von Eldad und Medad gehört, zwei Männer, die sich nicht an die liturgischen Anweisungen gehalten und lieber im Lager geblieben sind, als zum Offenbarungszelt zu kommen (Num 11,26). Heute würden wir vielleicht sagen: Das entspricht Leuten, die sonntags lieber zuhause bleiben, anstatt zum Gottesdienst in die Kirche zu kommen. Das Spannende ist nun, dass der heilige Geist sich, der Erzählung nach, ausgerechnet auf diese beiden Drückeberger legte und sie befähigte, prophetisch zu reden.

Was können wir daraus lernen? Sind der regelmäßige Kirchenbesuch und das gemeinschaftliche Gebet damit als überbewertet oder gar überflüssig zu betrachten? Ganz sicher nicht. An mehreren Stellen hat uns Christus seiner Anwesenheit in jeder heiligen Versammlung versichert, die in seinem Namen stattfindet (u. a. Mt 18,20). Doch der Geist Gottes weht, wo er will, und so gibt es auch in der heutigen Zeit Menschen, die vielleicht nicht regelmäßig in die Kirche gehen, durch ihre Worte und Taten im Alltag aber ein Leben führen, das in hohem Maße den christlichen Grundwerten entspricht, vielleicht sogar mehr als bei manchem Kirchgänger. Machen wir daher nicht den Fehler, wie Josua (Num 11,28) oder Johannes (Mk 9,38), und kritisieren andere, wenn sie nicht unserem Ideal eines Gläubigen entsprechen, sondern freuen wir uns über jeden Menschen, der auf seine Weise den Willen Gottes erfüllt. Erinnern wir uns dabei an das berühmte Wort des verstorbenen Papst Benedikt XVI. aus Bayern auf die Frage, wie viele Wege es zu Gott gibt: „So viele, wie es Menschen gibt.“

Gottes Geist wirkt auf seine ganz eigene Weise auch in Personen und an Orten, wo wir es nicht erwarten. Darin gründet die eigentliche Hoffnung der Christen, dass nicht wir die Kirche machen müssen, sondern dass Gottes Stimme von allen Menschen gehört werden kann, deren Herz offen dafür ist. Unsere Berufung liegt einzig darin, auf Jesus zu schauen, ihm zu vertrauen, und das zu leben, was wir vom Evangelium verstanden haben.

Einer, der das sehr schön in Worte fassen konnte, war der schwedische Friedensnobelpreisträger Dag Hammarskjöld (1905-1961). Mit einem Gebet von ihm möchte ich Ihnen all das wünschen, worum Dag Hammarskjöld in seinem Text bittet:

Du, der über uns ist,
Du, der einer von uns ist,
Du, der ist – auch in uns;
dass alle dich sehen – auch in mir,
dass ich den Weg bereite für dich,
dass ich danke für alles, was mir widerfuhr.
Dass ich dabei nicht vergesse der anderen Not.
Behalte mich in deiner Liebe,
so wie du willst, dass andere bleiben in der meinen.
Möchte sich alles in diesem meinem Wesen zu deiner Ehre wenden,
und möchte ich nie verzweifeln.
Denn ich bin in deiner Hand und alle Kraft und Güte sind in dir.
Gib mir einen reinen Sinn – dass ich dich erblicke,
einen demütigen Sinn – dass ich dich höre,
einen liebenden Sinn – dass ich dir diene,
einen gläubigen Sinn – dass ich in dir bleibe.