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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier im Rahmen des Pontifikalamtes zur Frauenwallfahrt zum Hl. Blut nach Walldürn am 21.06.2023

Der Modernisierungsschub braucht geistliche Erneuerung

21.06.2023 11:00

Liebe Frauen! Liebe Schwestern und Brüder! „Ich will Euch Zukunft und Hoffnung geben!“ (Jer 29,11), so lautet das diesjährige Wallfahrtsmotto. Es stammt vom Propheten Jeremia; ein Trostwort an die Gemeinde im Exil in Babylon. Dorthin wurden nach der Eroberung Judäas im 6. Jh. v. Chr. ein großer Teil der Bevölkerung verschleppt.

Vor allem Angehörige der Oberschicht traf es hart. Jeremia will die Israeliten ermutigen, auch unter den schwierigen Bedingungen des Exils Fuß zu fassen: „Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Gärten und verzehrt ihren Ertrag.“ (Jer 29,5) Gott macht durch den Propheten deutlich: Ich stehe zu euch, schaut nach vorn! Auch wenn ihr euch jetzt heimatlos und entwurzelt fühlt, resigniert nicht, ich bin bei euch! Akzeptiert die Situation so, wie sie ist, und bemüht euch jenseits aller kulturellen, religiösen und sozialen Unterschiede um das Wohl der Stadt, „denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl“ (Jer 29,7). Das will heißen: Je nachdem wie es den Menschen in meinem Umfeld geht, so ergeht es letztlich auch mir, weil ich Teil der Gemeinschaft bin. Wo Menschen einander Räume der Begegnung schaffen, Verantwortung füreinander tragen und ihre Potenziale entfalten, da eröffnet sich Zukunft, da wächst Hoffnung.

Gottes Zusage, das Schicksal der Exilierten „zum Guten zu wenden“ (vgl. Jer 29,14), ist allerdings an eine Bedingung geknüpft: Nur wenn sie Gott anrufen, zu ihm beten, wird er sie erhören; nur, wenn sie nach ihm suchen, mit ganzem Herzen nach ihm fragen, wird er sich finden lassen (vgl. Jer 29,12-14). Gott schenkt seinem Volk Israel seine ganze Aufmerksamkeit, aber damit ist kein „Heilsautomatismus“ verbunden. Seine Zuwendung wartet auf Antwort.

Was Gott seinem Volk im babylonischem Exil verheißt, offenbart er später dem ganzen Menschengeschlecht - in Jesus Christus. Damit übersteigt er alle bis dato gegebenen Grenzen: Durch seinen Tod am Kreuz hat Jesus Christus die ganze Schuld getragen und durch seine Auferstehung den Menschen mit Gott versöhnt. Gottes Passion ist Leiden und Leidenschaft in einem. Weil er uns vorbehaltlos liebt, hat Jesus gelitten (vgl. Gal 2,20). Der Leidensweg Christi ist der Liebesweg Gottes. Eine neue Zukunft ist eröffnet – ohne Wenn und Aber. Das ist eine Einladung an jede und jeden von uns, den gebahnten Weg zum Heil zu wagen: „In Christus war die Gestalt des Menschen vor Gott neugeschaffen. (…) Was an Christus geschah, war an der Menschheit geschehen“ (Ethik, DBW 6, S. 83), so umschreibt es Dietrich Bonhoeffer.

In Jesus Christus zeigt sich: Das Leiden wird in Jesus nicht aufgehoben, aber der Blick auf das Kreuz hilft das eigene Leiden und die Kalvarienberge der Welt erträglich zu machen. Das ist auch eine der Botschaften der Hl. Blut-Reliquie mit dem geschundenen Antlitz Jesu Christi, das sich auf dem Korporale zeigte, als 1330 bei der Feier der Eucharistie der Walldürner Priester Heinrich Otto nach der Wandlung aus Unachtsamkeit den Kelch mit dem Blut Christi umwarf. Das „Bluttuch“ ist - wie alle Reliquien - kein „magischer Gegenstand“, kein „Wunderautomat“ in unseren Nöten, kein „Tischlein-deck-Dich“ unserer Sehnsüchte in schwerer Zeit. Vielmehr bietet es uns die Chance, dass es uns zu einer innigeren Beziehung zu Gottvater durch Jesus Christus im Heiligen Geist führt und Gottes Heilstaten für uns verdeutlicht.

Der Blick auf die Hl. Blut-Reliquie und somit auf die Passion Jesu ist ein Trost: Wenn sich unser eigenes schmerzgeprüftes Gesicht im leidverzerrten Gesicht des Gekreuzigten wiederspiegelt, können wir darauf vertrauen, dass er die eigenen Ängste und Nöte, alle Sorgen und Leiden, alle Verzweiflung und Trauer mitträgt; all das, was mich beschäftigt, was mir das Leben schwermacht und mich hemmt. Will sagen: Schau mich an, ich leide mit Dir! Ich will dich mit all meiner Liebe trösten. Lege alles auf mich und glaube mir, ich bin mit dir, bin dein Immanuel. Schenke mir alle deine Tränen, fühle dich geborgen, lass dich fallen. In diesem Sinne ermutige ich Sie, liebe Pilgerinnen: Suchen Sie die Nähe zu Jesus Christus im Gebet, sprechen Sie mit ihm wie mit einer guten Freundin, begegnen Sie Ihm in der Mitfeier der Eucharistie und vereinen Sie sich mit Ihm regelmäßig in der Kommunion!

Als „Weltkirche-Bischof“ höre ich immer wieder: Gerade Mädchen und Frauen sind weltweit diejenigen, die gesellschaftlich wie familiär am meisten unter der Last von Unterdrückung und ungerechten Strukturen, von ethnischen Konflikten und nationalen Kriegen zu leiden haben – und die doch am wenigsten für ihre Ursachen können und dafür verantwortlich sind. Der Blick auf den Gekreuzigten soll aber nicht einfach hinwegtrösten oder vertrösten. Im Gegenteil: Der Gekreuzigte will nicht nur Trost spenden, er ruft den Unterdrückten auch zu: Seid stark, haltet durch und lehnt euch dagegen auf. Ich helfe euch, an der Situation etwas zu ändern! Das Leitwort von MISEREOR lautet: Mit Zorn und Zärtlichkeit. Dieses Motto lege ich Ihnen ans Herz.

Liebe Pilgerinnen, der Gekreuzigte der Hl. Blut-Reliquie ruft gerade Ihnen hier und heute zu: Liebe Frauen, seid solidarisch miteinander, fasst Mut, verzagt nicht, denn ich will euch ein gutes Leben, eine gute Zukunft bereiten. Ich zähle auf euch. Ich danke allen Frauen, die sich in ihren Pfarrgemeinden, im beruflichen oder politischen Kontext wie auch im familiären Umfeld gegen jedwede ungerechte Struktur einsetzen, indem Sie Ihre Stimme erheben, aber gerade auch durch Ihr aktives Handeln sowie durch Ihr Gebet.

Einen weiteren Gedanken will ich mit Ihnen teilen. Die Hl. Blut-Reliquie, die zugleich mehrere „Veronicae“ zeigte, verweist darauf, dass es vornehmlich „viele Frauen“ (vgl. Mt 27,55 par.) aus dem Umfeld Jesu waren, die seinen Leidensweg begleiteten - bis zum bitteren Ende am Kreuz: In der traditionellen Überlieferung ist es Veronika, die Jesus durch das Angebot des Schweißtuches einen Moment des Durchatmens gewährte. Sodann ist da Maria, seine Mutter, die den Kreuzweg mitgegangen ist, wie uns der Evangelist Johannes berichtet. Zusammen mit Maria von Magdala und Maria, der Frau des Klopas (vgl. Joh 19,25), steht die Gottesmutter unter dem Kreuz. Seine Freunde dagegen haben sich alle aus dem Staub gemacht. In den schwersten Stunden seines Lebens lassen sie ihn allein – einzig der Apostel Johannes steht bei ihm. Was für eine tolle Mannschaft, die er sich da auserwählt hat! Am Beispiel des Petrus zeigt sich: Jesu Jünger sind „groß im Sprüche klopfen“, und wenn es darauf ankommt, ist nichts dahinter.

Von daher verwundert es nicht, wenn die Frauen die ersten Zeuginnen seiner Auferstehung sind (vgl. Lk 24,1-12 par.). Sie brechen auf zum Grab und, als sie die frohe Kunde des Engels hören, machen sie sich sofort auf, um die frohe Botschaft den Jüngern zu verkünden. Die Frauen treffen auf Jünger in „Schockstarre“; in ihrer „Lethargie“ gefangen, glauben die Jünger den Frauen und kanzeln ihre Worte ab als „Geschwätz“ (vgl. Lk 24,11). Was wäre geschehen, wenn die Frauen am Ostermorgen nicht zum Grab gegangen wären? Wie wäre die Entwicklung des Christentums verlaufen ohne das Zeugnis der Frauen?

Tatsache ist: Die Frauen im Umfeld Jesu haben eine wichtige Rolle. Jesus nimmt sie wahr, er achtet ihre Würde, nimmt sie ernst – und überschreitet manch gesellschaftliche Konvention. Gegenwärtig wird im Rahmen der synodalen Erneuerungsprozesse viel über die Rolle der Frau in der Kirche diskutiert. Es ist eines von vielen Themen, welche die Kirche in Deutschland beschäftigen. Ich meinerseits nehme wahr, dass die Debatten im Verlauf der Diskussionen über „den richtigen Weg“ schärfer und mit zunehmender Polemik geführt wurden. Die Gräben vertiefen sich. Leider.

Meinerseits appelliere ich, der ich lange Zeit in Diensten des Vatikans stand, mit Blick auf die zahlreichen geforderten Reformmaßnahmen immer für einen „kirchenpolitischen Realismus“. Meine Sorge gilt allem voran der Einheit des Volkes Gottes: Den Einen kann es gar nicht schnell genug gehen, Andere würden am liebsten das „Rad der Kirchengeschichte“ weit zurückdrehen. Wie Sie in Ihrer Region Odenwald-Tauber und in all Ihren Herkunftsgebieten vielleicht gehört oder gelesen haben, verstehe ich mich als Bischof als Brückenbauer zwischen den Gläubigen meiner Ortskirche von Augsburg sowie zwischen der Kirche in Deutschland und Rom bzw. der weltweiten Kirche – noch mehr denn je seit meiner Wahl zum Delegierten der DBK für die Weltsynode im Oktober in Rom.

Kirche, liebe Frauen, wäre ohne Ihren Einsatz nicht denkbar. In vielen Gemeinden sind es Frauen, die das kirchliche Leben vor Ort „am Laufen halten“ – das wissen Sie genauso gut wie ich. Die Kirche braucht ihr Zeugnis als treue Jüngerinnen Jesu. Ich plädiere dafür, alle bereits bestehenden Spielräume auszunutzen, um neben den intensiven und auch berechtigten Diskussionen um Frauenpriestertum und um das Amt der Diakonin Wege zu suchen, um der Würde und Wertschätzung der Frauen gerecht zu werden. Da ist, meine ich, von heute auf morgen weitaus mehr möglich und noch „viel Luft nach oben“.

Innen- wie außerkirchlich macht das Wort von der „Krise der Kirche“ die Runde. Das führt mich zum heutigen Evangelium. Das Boot Jesu mit den Jüngern wird mitten auf dem See von einem schweren Sturm erfasst. Das ist aufgrund der geografischen Lage am See Genezareth durchaus nicht ungewöhnlich. Für die Jünger Jesu als ehemalige Fischer sollte das Wetterphänomen kein Problem sein – sie wissen aus ihrer Erfahrung, was in einer solchen Situation zu tun ist. Sie haben sicher nichts unversucht gelassen, aber als alles nichts hilft und sie sich ihre Hilflosigkeit eingestehen müssen, wenden sie sich an Jesus und bitten ihn um Hilfe. Noch ehe er den Naturgewalten Einhalt gebietet, konfrontiert er die Jünger mit ihrem Unglauben (vgl. Mt 8,26): Warum nur habt ihr solche Angst? Warum habt ihr kein Vertrauen zu mir?

Das ist auch die Frage an eine jede und einen jeden von uns! Wie steht es um unser Vertrauen in Jesus Christus? Hand aufs Herz: Wollen auch wir nicht allzu oft mit Wind und Wellen selbst fertig werden? Wollen wir nicht gern auch das Ruder in der Hand haben, selbst Herrin der Lage sein, lieber Macherin anstatt Bittstellerin? Jesus lehrt uns aber, dass wir auf ihn zugegen dürfen, ihn um seine Hilfe bitten dürfen. Er hat uns gezeigt: Es braucht uns nicht bang zu sein, denn er wird mit den Stürmen fertig. Vertrauen wir uns ihm an, schauen wir auf ihn und hören auf das, was er uns sagt.

Bereits sehr früh in der Geschichte des Christentums wurde das Bild vom Schiff auf die Kirche übertragen und in vielfacher Hinsicht entfaltet. Die Erzählung von der Stillung des Seesturms erscheint uns heute aktueller denn je. Der gesellschaftliche Gegenwind bläst kräftig. Im Sturm dieser Zeit und im hohen Wellengang beißender Kritik wird das „Schifflein Kirche“ hin- und hergeworfen. Es befindet sich in gefährlicher Schieflage – droht gar der Untergang? Jesus selbst gibt uns die Antwort: Wenden wir uns ihm zu! Mir scheint, Kirche kreist derzeit mehr um sich selbst als dass sie den Blick auf ihren „Kapitän und Steuermann“ richtet – Aktion(ismus) anstelle von Kontemplation. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Struktur- und Reformdebatten sind wichtig, damit Kirche nicht bei sich stehen bleibt. Ein „Modernisierungsschub“ allein aber ohne eine „geistliche Erneuerung“ bleibt leer, greift letztlich zu kurz und wird dem Auftrag Jesu nicht gerecht.

Liebe Schwestern und Brüder, schreiben wir uns als Kirche nicht selbst ab, auch wenn heutzutage manche am liebsten der Kirche die Sterbeglocke läuten wollen. Allein Ihre Anwesenheit heute werte ich als klares Statement! Als Kirche haben wir der Welt die frohmachende Botschaft Jesu Christi anzubieten. Seien wir nicht „Weltverneiner“, sondern „Weltgestalter“! Anstelle von Verzagtheit und Lauheit haben wir Mut zur Mitgestaltung – er baut auf seine Jüngerinnen und Jünger! Setzen wir als einen Gegentrend zum allgemeinen Frust im augenscheinlichen „Dauer-Krisen-Modus“, in dem wir uns befinden. Wagen wir es, Kirche und Welt ein menschliches Antlitz zu geben, weil Gott in Jesus Christus das Antlitz eines Menschen annahm. Seien wir uns bewusst: Gottes Verheißungen und Zusagen gelten auch uns heute. Vertrauen wir auf ihn, denn er wird alles „zum Guten wenden“ (Jer 29,10).