„Der Schöpfer wird Mensch – gehen wir singend voran“
Liebe Sternsinger, liebe Begleiterinnen und Begleiter, was für ein wunderbares Bild, wenn ich mich hier vorne so umschaue: Hunderte Königinnen und Könige in ihren prachtvollen Gewändern - vor mir, neben mir, und eine ganze Schar auch noch hinter mir. Die ganze Basilika St. Lorenz in Kempten bis auf den letzten Platz gefüllt, ein einziger Thronsaal, festlich geschmückt. Wo ihr gerade auch sitzt, möchte ich euch als Bischof von Augsburg allen zurufen, dass ich mich riesig über euer Kommen freue. Ebenso grüße ich alle, die jetzt via Livestream zuschauen und an den Bildschirmen mitfeiern. Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich diese Aktion schätze, und dass ich selber viele Jahre als Sternsinger aktiv war, später als Begleiter. Darum ist die heutige Bundeseröffnung auch für mich persönlich ein Highlight des Jahres, auf das ich mich schon lange gefreut habe.
Ich werde nun keine lange Predigt halten, sondern will kurz mit euch darüber nachdenken, um was es bei der diesjährigen Aktion schwerpunktmäßig geht. Ihr habt ja vorhin schon auf beeindruckende Weise die Weltkugel nach vorne gebracht und damit ein tolles Zeichen gesetzt, dass wahre Sternsinger immer die ganze Welt und deren Wohl im Blick haben. Wir sammeln schließlich bei unseren Hausbesuchen nicht Geld für uns oder gar Süßigkeiten, die - das kann ich euch versichern – auch der Bischof gerne nascht, sondern Spenden für Kinder und Jugendliche in anderen Ländern, denen wir in bestimmten Problemlagen helfen wollen. Heuer blicken wir speziell auf Menschen, die am Amazonas leben, diesem mächtigen Fluss in Südamerika, den wir in künstlerischer Weise auch hier im Mittelgang der Basilika erkennen können. Rund herum ist der Amazonas-Regenwald, ein wirklich einzigartiger Naturraum. Da wimmelt es von Pflanzen und Tieren aller Art. Da sieht und hört man farbenprächtige Geschöpfe, die teilweise noch gar keine Namen haben. Unzählige Wunder der Natur lassen uns erkennen, welch kostbare Welt Gott uns zum Geschenk gemacht hat, wie es vorhin auch bei der Lesung aus dem Psalm 104 angeklungen ist. Einer, der das schon vor Jahrhunderten gesehen hat, war der heilige Franz von Assisi, den sicher viele von euch kennen. Voller Ehrfurcht rief er seine Mitmenschen damals dazu auf, Gott mit all seinen Geschöpfen zu loben, wie wir es eben in dem schönen Liedruf von Robert Haas gesungen haben. Vor wenigen Wochen nun hat ein anderer Franz, nämlich Papst Franziskus, mit genau denselben Worten ein Schreiben unter dem Titel Laudate Deum („Lobt Gott“) herausgegeben, in dem er alle Menschen guten Willens dazu einlädt, mehr Verantwortung zu übernehmen für unser gemeinsames Haus, die Erde. Mit eindringlichen Worten weist uns der Heilige Vater nochmal darauf hin, wie schädlich das „Abholzen der tropischen Regenwälder“[1] aus rein wirtschaftlichen Interessen für das Klima der Welt und damit uns alle ist. Besonders hart aber treffen diese Umweltzerstörungen jene Menschen, deren Lebensraum ganz unmittelbar bedroht wird. Darum ist es gut, dass die diesjährige Sternsingeraktion die Region im Dreiländereck Kolumbien, Peru und Brasilien in den Fokus rückt. Insbesondere die indigene (also an den Ufern des Amazonas geborene und einheimische) Bevölkerung hat über Jahrhunderte hinweg gelernt, im Einklang mit der Schöpfung zu leben. Sie kennen die „Quellen“ und „Bäche“, die „zwischen den Bergen dahineilen“, und Mensch und Tier tränken, wie es im Psalm 104 heißt (vgl. Ps 104,10). Sie wissen, welche Früchte in den Bäumen wachsen und als Nahrung dienen. Dieses Wissen zu bewahren und an die nächsten Generationen weiterzugeben, aber auch Erfahrungen unter den verschiedenen Volksgruppen auszutauschen und allen ein gutes Leben zu ermöglichen, das sind Ziele der Bildungsprojekte, die vom päpstlichen Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘ gefördert werden. Aus diesem Grund passt es auch gut, dass wir die bundesweite Eröffnung hier in Kempten feiern, denn gerade im Allgäu sind die Menschen oft sehr naturverbunden und schätzen Tradition.
Einen Vers aus dem Psalm 104 finde ich in diesem Zusammenhang übrigens besonders schön: Über den Wassern (vgl. Amazonas) „wohnen die Vögel des Himmels, aus den Zweigen erklingt ihr Gesang“ (Ps 104,12). Es ist, als ob der Verfasser sagen wollte: Hört hin, voller Freude singen die Vögel ihrem Schöpfer ein Lied, der alles so wunderbar gemacht hat. Ich selbst durfte das bei einer Reise nach Brasilien schon einmal erleben und mich an dem vielstimmigen Gesang aus den Bäumen des Waldes erfreuen.
Liebe Sternsinger, auch ihr verkündet das Lob Gottes, wenn ihr von Haus zu Haus geht und den Menschen die Botschaft von Weihnachten bringt: Der Schöpfer kommt in die Welt, um allen Geschöpfen seine Liebe zu offenbaren. In Jesus Christus, dem Sohn Gottes, blüht das Leben auf. Er schenkt uns die Kraft, mutig in die Zukunft zu gehen. Wir ehren Gott, unseren Schöpfer, wenn wir seiner Schöpfung und den Menschen, die ein Teil davon sind, mit Respekt und Demut begegnen.
Mit den Spenden, die ihr, liebe Sternsinger, sammelt, kann so viel Gutes getan werden. Darum möchte ich euch und euren Begleiterinnen und Begleitern von Herzen Danke sagen. Singt weiter zur Ehre Gottes, wie die Vögel in den Zweigen, und lasst uns alle gemeinsam für unsere Erde eintreten, in Amazonien und weltweit.
[1] Laudate Deum 17 (vgl.: https://www.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/docu-ments/20231004-laudate-deum.html, 15.12.2023).