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Grußwort beim Festakt im Goldenen Saal des Rathauses zu Augsburg am 28. Dezember 2023

Europa: keine Festung, sondern ein offenes Haus

28.12.2023 19:00

Eminenz, sehr geehrter, lieber Herr Kardinal Schönborn, Exzellenz, sehr geehrter Herr Apostolischer Nuntius Erzbischof Eterović, sehr geehrter Herr Fraktionsvorsitzender der EVP Weber, liebe Festgäste, viele Menschen in unserem Bistum haben in den letzten Monaten den hl. Ulrich gefeiert, ihn um seine Fürsprache angefleht, über ihn nachgedacht und geforscht. Oder sie sind seinen Spuren in unserer Diözese und darüber hinaus gefolgt: in Gedanken, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Auto.

Vielleicht hat sich der eine oder die andere die Kurzbiographie über ihn zugelegt und im Internet nach Ulrichskirchen Ausschau gehalten. - Über tausend Jahre trennen uns von diesem Mann, der als nachgeborener Spross aus schwäbischem Hochadel schon früh für den geistlichen Beruf bestimmt war – und sich tatsächlich auch mit Kopf, Herz und Hand seinem Schöpfer zur Verfügung stellte. Der hl. Ulrich war Reichsfürst und Kriegsherr, Stadtbaumeister und Stratege, Bischof und Seelsorger, Diplomat und Benediktinermönch – eine Bandbreite, die wir uns heute in unserem so spezialisierten Europa gar nicht mehr vorstellen können. Würde er plötzlich unter uns auftreten, da bin ich mir sicher, käme er uns sehr, sehr fremd vor – auch wenn er mit seiner Körpergröße von ca. 1,80 m in unserer Zeit nicht so auffallen würde wie in seiner eigenen. Ob wir uns mit ihm würden verständigen können? Sicher nicht, was seine schwäbisch-althochdeutsche Sprache betrifft, von der wir keine unmittelbaren Zeugnisse mehr überliefert haben. Aber dann könnten wir evtl. noch Latein mit ihm schwätzen…

Bestimmt jedoch würde er uns durch seine Vorliebe für die Armen beeindrucken. Denn der Umstand, dass es in unserer Gesellschaft Kinder- und Altersarmut gibt, dass Menschen unter Brücken und in Hauseingängen ihr Nachtlager haben, der müsste ihm vollkommen bekannt vorkommen; auch „Gefangene“ und „Misshandelte“, Strafentlassene, Verhaltensauffällige und Suchtkranke, davon bin ich überzeugt, hätte er mit wachem Auge auf unseren Straßen und in den Fußgängerzonen unserer Städte wahrgenommen. In seiner Lebensbeschreibung lesen wir, dass er sich nicht zu Tisch setzen wollte, ohne seine Kleriker anzuweisen, die Armen im Ort mit einer Mahlzeit zu stärken. Dabei versammelte der hl. Ulrich ausdrücklich „die Verstümmelten und Gebrechlichen, die auf Ruhebetten und Tragbahren lagen,“ (I,3,84) um seinen eigenen Tisch. Ein Verhalten, das auch in unserer aufgeklärten und inklusiv denkenden Welt ein Alleinstellungsmerkmal wäre!

Gastfreundschaft und Offenheit für Menschen am Rande, an der Peripherie, wie es sich Papst Franziskus wünscht. Das ist das Stichwort, ein Appell an unseren alten Kontinent Europa, damit er lebendig bleibt; ein Impuls für unsere Stadt Augsburg, die ein internationales, multireligiöses und ökumenisches Gesicht hat. Europa soll keine Festung sein, sondern ein offenes Haus. Im Hinblick auf Menschen, die nach Europa kommen, gilt es, Blauäugigkeit ebenso zu vermeiden wie die Wagenburgmentalität einer geschlossenen Gesellschaft, die sich abschottet und Mauern baut. Stattdessen rate ich, was schon der Prophet Jesaja sagte: „Mach den Raum deines Zeltes weit, spann deine Zelttücher aus, ohne zu sparen! Mach deine Zeltseile lang und deine Zeltpflöcke fest! Denn nach rechts und links breitest du dich aus. Deine Nachkommen werden Nationen beerben und verödete Städte besiedeln.“ (Jes 54, 2-3)

Der hl. Ulrich hat in der Nachfolge Jesu Christi ohne Scheu Tabus gebrochen. Mit seiner Gastfreundschaft eckte er an, wie es ja auch die bekannte Fischlegende erzählt: Weil er dem Boten des Herzogs, in der Annahme, er habe Hunger, nach Mitternacht arglos ein Stück vom Braten mitgab, obwohl es schon Freitagmorgen war, wurde ihm dieses Mitgefühl durch die Verwandlung des Fleisches in einen Fisch nicht, wie es der Bote vorhatte, zum Verhängnis. Tatsächlich aber war der asketisch erzogene Bischof gegenüber Fleisch äußerst zurückhaltend – aus anderen Gründen wie wir heute, aber vielleicht doch auch in dieser Hinsicht ein beherzigenswertes Vorbild!?

„Seid zufrieden mit dem, was ihr habt“ (Hebr 13,5) – mahnt der Verfasser des Hebräerbriefes. Ich habe den Eindruck, dass uns die zahlreichen Probleme der letzten Jahre wieder offener machen für einen solch biblischen Hinweis. Erst recht seit dem Überfall Putins auf die Ukraine und dem Krieg im Heiligen Land lernen wir den Frieden wieder als etwas nicht Selbstverständliches, besonders Schützenswertes zu schätzen. Das erleben wir auch hier in unserer Stadt Augsburg, die nicht zufällig Friedensstadt heißt, und im ganzen Bistum. „Vergesst nicht, Gutes zu tun“ (Hebr 3,16) ruft der Verfasser des Hebräerbriefes seine Gemeinde auf: Wir dürfen uns mit dem Beispiel des hl. Ulrich wieder daran erinnern, dass es darauf allein ankommt: unseren guten Willen durch die Tat zu bezeugen! Schön Reden ist keine Alternative zum Handeln. Worte sind wichtig, doch was zählt, ist die Tat.

(Denn dann erweisen wir uns auch als das, was wir in den Augen Jesu sein dürfen, nämlich seine Freunde: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“ (Joh 15,14). ER, der sein Leben für uns dahingegeben hat, um uns aus unserer Unzulänglichkeit und Schuldverhaftetheit zu befreien, breitet am Kreuz weit die Arme aus - was hindert uns, dass wir seinem Freundschaftsangebot folgen?)