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Homilie während der Vigilfeier zum Hochfest der 1100jährigen Bischofsweihe des hl. Ulrich im Augsburger Dom

Der hl. Ulrich: eine „Lichtgestalt in dunkler Zeit“

28.12.2023 09:22

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder hier im Augsburger Dom, mit dem heutigen Abend nähern wir uns dem Höhepunkt unseres Ulrichsjubiläums: Denn am 28. Dezember 923 wurde unser Bistumspatron, wir haben es gerade in der 2. Lesung gehört, zum Bischof von Augsburg geweiht.

Wie damals üblich musste ein Kandidat für dieses Amt dem König präsentiert werden; erst wenn dieser seine Zustimmung gegeben hatte, konnte die Weiheliturgie stattfinden. Was für eine Bürde wurde damit auf die Schultern des 33jährigen aus dem schwäbischen Wittislingen gelegt!

Unvorstellbare 50 lange Jahre trug Bischof Ulrich die Verantwortung für ein Territorium, das beinahe von Regensburg bis zum Bodensee reichte. Er wurde zum Seelsorger, zum Richter und Schlichter, ja zum Sozialarbeiter und Mäzen für eine meist ländliche Bevölkerung, die in kleinen Weilern und Dörfern Leib und Leben, Hab und Gut - und den christlichen Glauben gegen Überraschungsangriffe von außen verteidigen musste: Von Südwesten her kam es immer wieder zu räuberischen Überfällen sarazenischer Reiter und auch von Osten, aus dem Magyarenreich, dem heutigen Ungarn, brachten bewegliche Trupps bei ihren Raubzügen Zerstörung, Leid und Tod über die ansässigen Menschen. Während der Amtszeit des hl. Ulrich wurde die Stadt Augsburg mehrfach geplündert und niedergebrannt. Er war der erste Stadtherr, der den hölzernen Palisadenzaun durch eine Steinmauer ersetzen ließ, um damit die Chancen der Stadtbewohner zu erhöhen, sich gegen die Aggressoren zur Wehr zu setzen. Unbeirrbar in seinem Gottvertrauen richtete er die Verzweifelten auf, gab den Hungernden zu essen und kleidete diejenigen neu ein, die alles verloren hatten. So wurde Ulrich zu einer Lichtgestalt in dunkler Zeit.

Doch als Angehöriger des Reichsadels politisch geschult, wusste er, dass Sozialhilfe nur dann nachhaltig ist, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen; so engagierte er sich aktiv für den Frieden. Seiner Initiative und der von Bischof Hardpert von Chur ist es zu verdanken, dass der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Otto I. und seinem Sohn Luitolf, der bereits zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt hatte, nicht zu einem sinnlosen Brudergemetzel wurde: Schon standen sich im Herbst 954 die beiden Heere bei Tussa, dem späteren Illertissen, feindlich gegenüber, da bewirkten die Bischöfe ein Moratorium, das an Weihnachten zu einer Beilegung des Familienzwistes führte. Die Historiker sind sich darin einig, dass dieser Friedensschluss die Voraussetzung war für das konzertierte Vorgehen wenige Monate später, im August 955, gegen einen erneuten Ansturm der Magyaren.

Wie schafft man es, ein solches Leben durchzuhalten, physisch und psychisch – und spirituell?

Von früher Jugend an in der Abtei Sankt Gallen benediktinisch geprägt, erzog sich der hl. Ulrich, der übrigens nachweislich eine Frau als geistliche Begleiterin hatte – die hl. Reklusin Wiborada teilte das Schicksal so vieler in ihrer Zeit: Sie wurde bei einem feindlichen Überfall, der dem Kloster des hl. Gallus und der Stadt galt, in ihrer Zelle grausam erschlagen – der hl. Ulrich erzog sich zu einem Menschen, der „allen alles werden“ konnte, wie es der Apostel Paulus einmal als Zielvorstellung für sich selbst formulierte (1 Kor 9,22). Er verkehrte mit den Großen und Mächtigen seiner Epoche genauso selbstverständlich wie mit denen, die weder Ansehen hatten noch Geschichte schrieben, den Bettlern und Kranken. Einer davon, dessen Name uns die Ulrichsvita sogar ausdrücklich mitteilt, war wohl querschnittgelähmt und vollkommen auf fremde Hilfe angewiesen. Der geistliche Biograf schreibt: „Kleider schickte (Ulrich) auch einem Ruozo, der seine Glieder – außer von den Armen aufwärts – nicht bewegen konnte und dem eine Wohnstätte auf dem Friedhof des Klosters Kempten nach Art eines über die Erde erhobenen Bettes erbaut worden war, so dass das, was von ihm verdaut wurde und zu Boden fiel, von der Wohnstätte getrennt wurde. Zuvor nämlich, als der Bischof in diesem Kloster – gemeint ist die Kemptener Benediktinerabtei – weilte, hatte er den genannten Armen in eigener Person besucht und hörte gern seine liebe Rede“ (Vita Sancti Uodalrici, I,26).

Dies, meine Schwestern und Brüder in Christus, ist nicht weniger als die Schlüsselszene zum innersten Geheimnis des hl. Ulrich! Wer sich diese Begebenheit vergegenwärtigt, dem gelingt es, die elf Jahrhunderte, die uns von Ulrich trennen, im Nu zu überbrücken. Dann können wir in ihm einem Menschen nach dem Herzen Gottes begegnen, einem Mann, dessen Empathie kein Strohfeuer, sondern unbedingt mit treuer Freundschaft und Zuverlässigkeit verbunden war!  Lassen wir uns von seinem Vorbild inspirieren und bitten wir ihn mit Ausdauer und Vertrauen für unsere Zeit, die ebenfalls von schweren Krisen und kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt ist, um seine unablässige Fürsprache - mit dem Ulrichslied und den anschließenden Fürbitten.