Der hl. Ulrich als „zentrale Rettungskraft“ des Glaubens
Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder. Wir stehen am Ende eines ereignisreichen Jubiläumsjahres. Wenn ich zurückschaue, dann erfüllen mich Staunen und Dankbarkeit über so viele beglückende Begegnungen, über so viel Kreativität und eine solche Tiefe des Glaubens, wie ich sie bei liturgischen, aber auch bei anderen Feieranlässen erleben durfte!
Sicher – solche Erfahrungen müssen „sich setzen“ und erst nach einiger Zeit spüren wir, wie tief sie gegangen sind und ob wir, um das Motto des Jubiläums aufzugreifen: „mit dem Ohr des Herzens“ - die frohe Botschaft, „das Evangelium von unserer Rettung“ wahrgenommen haben, wie es gerade im Epheserbrief hieß (vgl. Eph 1,13).
Auch wenn der heilige Ulrich nicht zu den klassischen 14 Nothelfern gezählt wird, so ist er doch zweifellos eine der zentralen „Rettungskräfte“ des Glaubens in unserem Bistum. Der berühmte Fisch, der zu seinem Attribut geworden ist, steht nicht so sehr für das Lebewesen selbst als vielmehr für das Element, in dem er sich bewegt: das Wasser. Ulrich war jahrhundertelang ein Heiliger, der zum Schutz vor Hochwasser und Unfällen, die rund um unsere Bäche und Flüsse passieren können, angerufen wurde. Dies geht wohl auch zurück auf eine Episode aus der Ulrichsvita (I,17). Dort wird berichtet, dass er und sein Pferd beim Ritt durch die sehr viel Wasser führende Wertach das andere Ufer erreichte, ohne nass zu werden. Als der Augenzeuge, ein Kaplan namens Herewig, ihn darauf ansprach, verbot ihm der heilige Bischof, von diesem Wunder zu erzählen, solange Ulrich lebte.
Wie gefährlich Schifffahrten auf der Donau auch für Geübte sein konnten, demonstriert der Schiffbruch, den der schon betagte Augsburger Bischof einmal kurz vor Regensburg erlitt. In der Sorge um die geladenen Güter und ihr eigenes Leben verloren Besatzung und begleitende Kleriker doch glatt den lebendigen Grund für die Fahrt zum Treffen mit König Otto völlig aus den Augen: erst als alle am Ufer waren, fiel plötzlich einem Geistlichen ein, wer fehlte! Er kämpfte sich beherzt nochmals durch das fast vollgelaufene Schiff und trug den alt gewordenen Bischof an Land. – Einen Helden des Alltags würde man diesen Geistlichen namens „Mesi“ heute nennen und die Überlieferung seines Namens in der Ulrichsvita mag die Belohnung dafür sein, dass es - Gott sei Dank - sehr oft Menschen gibt, die nicht beim „Rette sich, wer kann“ stehen bleiben, sondern ihr eigenes Leben riskieren, um das anderer zu bewahren.
Wir wollen daher heute diese Heilige Messe dem Gedenken aller Helferinnen und Helfer bei dem sog. Jahrhunderthochwasser Anfang Juni widmen, den bei der Katastrophe Verunglückten sowie allen Geschädigten, besonders jenen, deren Existenzgrundlage in gerade einmal drei Tagen unwiederbringlich zerstört wurde. Ich vertraue fest auf die Fürbitte unseres heiligen Bistumspatrons, der in einer von Krieg und materieller Not geprägten Epoche die Menschen buchstäblich aufrichtete, ihnen Orientierung und Zuversicht schenkte! Deshalb ist es gerade in unserer von vielfachen Krisen geschüttelten Zeit wichtig, sich nach Vorbildern, ja Vor-Reitern und Vor-Schwimmern umzusehen, in deren Fußstapfen wir treten können.
Für mich persönlich bedeutet es sehr viel, 62. Nachfolger des heiligen Ulrichs sein zu dürfen. Denn sein Glaube, seine Hoffnung und seine Liebe sind mir Ansporn und Inspiration zugleich; illustriert doch sein Leben genau das, was Jesus im Markusevangelium seinen Jüngern aufträgt, sich nämlich nicht selbst prächtig und komfortabel auszustatten, sondern von dem, was zur Verfügung steht, weiterzugeben an Bedürftige – zuallererst vom Segen und der Gnade, die nur Gott schenken kann. Die Kraft zu heilen, Trauernde und Mutlose zu trösten, Menschen, die sich selbst schon abgeschrieben haben (vgl. Mk 6,13), neue Perspektiven und Chancen aufzuzeigen, das ist und bleibt der Kern echter Seelsorge!
Vor vier Jahren habe ich in zwei blauen Heften Impulse zu einer Seelsorgsinitiative zusammengetragen, die ich unter das Motto stellte: Duc in altum – Fahr hinaus auf den See und Transeamus contra - Fahren wir ans andere Ufer. Der Zimmermann Jesus von Nazareth wählte sich sicher nicht von ungefähr mehrheitlich Fischer für die Verbreitung seiner Botschaft von der werbenden, nie ermüdenden Liebe Gottes; also Menschen, die mit großem körperlichem Einsatz, mit Geschick und Augenmaß ihren Lebensunterhalt verdienen und dabei einen wichtigen Beitrag zur Ernährung ihrer Mitmenschen leisten. Fischer sind mit dem Element Wasser vertraut, gleichzeitig wissen sie: Kein Mensch legt sich ungestraft mit der Naturgewalt an, das Wasser ist ein hohes, unschätzbares Gut und hat doch tödliche Auswirkungen für die, die sich ihm überlegen fühlen oder unvorbereitet aussetzen.
Der menschengemachte Klimawandel heute hat das Öko-System nachhaltig gestört und inzwischen spüren auch wir in Europa die Auswirkungen. Von unserer Generation hängt es ab, hier gegenzusteuern – agere contra, wie das der große Kommunikator Ignatius von Loyola genannt hat. Diese Gegensteuerung setzt keine bestimmten Kenntnisse voraus, sie hat ihre Wurzeln vielmehr in den zehn Geboten und einer ethischen Haltung, die von der sog. Goldenen Regel (Mt 7,12) bestimmt ist: Was Du von anderen erwartest, das tu auch ihnen – oder anders gefasst in dem geflügelten Wort: Was Du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu!
Wie sehr scheinbare Deko-Artikel uns dabei unterstützen können, uns immer wieder neu auf das Wesentliche zu besinnen, möchte ich mit dieser Symbolkette aus Holz, die ich einmal in einer beschützenden Werkstatt auf der Insel Usedom erwarb, verdeutlichen: Sie zeigt einen Rettungsring, auf dem SOS – Save Our Souls – gemalt ist, einen Delphin und einen fröhlich mit Punkten bemalten Fisch, dann ein Steuerrad, einen Leuchtturm und einen Anker: jedes dieser Symbole ließe sich mit einer vom Evangelium inspirierten Lebenshaltung in Verbindung bringen, ich will nur kurz auf die beiden letzten, den Leuchtturm und den Anker, eingehen.
Wir kennen die wichtige, ja lebensrettende Funktion dieser Hilfsmittel auf hoher See. Ja, schon auf dem Bodensee oder dem Chiemsee wissen wir, dass Leucht- und Tut-Signale unbedingt beherzigt werden müssen, weil sie ein Unwetter ankündigen. Wer sie ignoriert, gefährdet nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das der Wasserwacht. Andererseits vermittelt ein Leuchtturm dem Heimkehrenden ein Gefühl: „Bald hast Du‘s geschafft“ – „Bald ist der sichere Hafen erreicht!“ Ich finde es daher sehr stimmig, wenn der Theologe und Literat Arnold Stadler den elften Vers von Ps 27, „Weise mir Herr, deinen Weg, leite mich auf ebener Bahn wegen meiner Feinde!“, folgendermaßen übersetzt: „Sag mir, was aus mir werden soll. Sei du mein Leuchtturm.“
Der Anker ist das Symbol der Hoffnung schlechthin: Wir finden ihn als christliches Zeichen schon auf den christlichen Gräbern in den Katakomben. Er ist so weit verbreitet wie das Bild vom Fisch und den Broten oder der Gute Hirte und steht besonders für das Heil des Verstorbenen, dessen Seele bei Gott geborgen, also vor Anker gegangen ist.
Wenn wir heute das Ulrichsjubiläum mit der Reponierung des Ulrichsschreins beschließen, so möchte ich Sie ermuntern: Sehen Sie dies nicht als Ende, im Sinne von: Deckel drauf und weggeräumt!, sondern als Auftakt, es dem Heiligen nachzumachen: mit dem Ohr des Herzens auf die Nöte unserer Zeit zu hören und so das Licht des Glaubens weiterzutragen. Ganz so, wie es der Epheserbrief im Loblied auf den Heilsplan Gottes besingt:
„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm. (…) Er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm. (…) In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt; wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher in Christus gehofft haben“
(Eph 1,3-4.9.11-12).
Dazu verhelfe uns der heilige Ulrich, die heilige Afra und der heilige Simpert. Amen.