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Predigt von Bischof Bertram beim Festgottesdienst zu „55 Jahre Ulrichswerkstätten“ und „25 Jahre CAB“

„Die Goldene Regel der Liebe“

21.07.2023 13:27

Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt, liebe Mitarbeitende der Ulrichswerkstätten Augsburg und der CAB! „Mit dem Ohr des Herzens“ heißt das Leitwort unseres Doppeljubiläums in Erinnerung an den hl. Ulrich, Patron von Stadt und Bistum Augsburg. Vor 1.100 Jahren wurde er zum Bischof geweiht und hat selbst in der Verkündigung des Wortes Gottes und durch sein Leben dazu aufgefordert, die Worte in die Tat umzusetzen, die wir eben in der Lesung und im Evangelium gehört haben: „Der Herr ist unser Gott, er allein. / Darum liebt ihn von ganzem Herzen./ Liebt ihn mit eurem ganzen Leben./ Liebt ihn mit all eurer Kraft.“

Jeder von uns hat ein Herz, denn hätte er keines, so könnte er nicht leben. Doch manchmal sagen wir von einem Menschen: „Er hat kein Herz“ oder: „Sie handelt total herzlos“! Was ist da passiert? Warum erscheint uns ein Mensch, der in der Brust ein warmes, schlagendes Herz trägt, so gefühllos? Warum kann er sein Herz nicht sprechen lassen?

Oder hört er die Stimme im Herzen etwa nicht, weil er darauf konzentriert ist, alles mitzubekommen, was um ihn herum geschieht: die Geräusche der Straße, das Streitgespräch der anderen, die laute Schadenfreude und den Tratsch und Klatsch hinter vorgehaltener Hand? Wir kennen das von uns selbst: Oft sind wir so beschäftigt mit dem, was andere über und gegen uns sagen, dass wir gar nicht mehr in uns hineinhorchen können. Dann aber ist es am besten in die Stille zu gehen, bevor ich mich hinreißen lasse, andere mit Worten zu verletzen!

„Höre Israel!“, das heißt auch: Höre, Bertram!; Höre, Otto! (Bachmeier, Geschäftsführung Caritas Augsburg), Höre, Stefan! (Kiefer), Höre, Herbert! (Kratzer, Geschäftsführung CAB), Höre, Katja! (Lutz, Bereichsleitung Teilhabe), Höre, Sandra! (von Engeström, Bereichsleitung Hauswirtschaft, Küche, Wäscherei) und so weiter, jede und jeder von uns ist angesprochen – denn Israel war am Anfang ein Freundschaftsname, den Gott dem Stammvater Jakob gegeben hat, bevor aus ihm das Volk Israel entstanden ist. -

Es ist tatsächlich so: Zu jedem einzelnen von uns sagt Gott: Ich bin dein Gott, ich liebe Dich so sehr, dass ich Dir das Leben geschenkt habe. Deshalb lade ich Dich ein, auch mich zu lieben, damit Dein Leben einen festen Grund hat, damit Du einen Halt hast, und Dich nichts mehr umwerfen kann! Wünschen wir uns das nicht alle?

Der hl. Ulrich hat diese Liebe Gottes selbst erfahren: Er wurde nämlich mit einer Allergie geboren, die man damals noch gar nicht mit Namen nennen konnte. Er vertrug die Muttermilch nicht und war Wochen nach der Geburt so schwach, dass seine Eltern Angst hatten, er würde sterben. Doch dann folgten sie dem Rat eines Gastes, der erkannte, was dem Kleinen fehlte. Sie gaben ihm andere Nahrung – und siehe da: Das kleine Kerlchen wuchs zu einem quicklebendigen, fröhlichen Jungen heran. Ausdrücklich heißt es in seiner Lebensbeschreibung, dass er wegen seines heiteren Gemütes und seiner Menschenfreundlichkeit überall beliebt war.

Ulrich hat gelernt, mit dem Ohr des Herzen zu hören: auf die Armen, die Hungernden, die vom Leben Enttäuschten; auf die, die keinen hatten, der sich um sie kümmerte. Ulrich verteilte Essen und Kleidung und tröstete die, die nach einem feindlichen Überfall vor den Trümmern ihres Hauses standen. Er wies die Uneinsichtigen zurecht und sorgte dafür, dass alle gerecht behandelt wurden. Mit einem Wort: Ulrich handelte so, wie es Jesus dem Mann im Evangelium gesagt hatte: „Das zweite Gesetz ist genauso wichtig. / Das zweite wichtige Gesetz heißt:/ Du sollst die anderen Menschen lieb haben. / Du sollst die anderen Menschen genau so lieb haben, / wie du dich selber lieb hast.“

Manche behaupten, das ist am schwersten, die anderen Menschen genauso liebzuhaben, wie ich mich selber liebhabe. Ja, es stimmt: das ist etwas, was wir lernen müssen, jede und jeder von uns. Wenn ich mich selbst liebe, dann bin ich zufrieden mit mir. Wenn ich mich selbst liebe, dann kann ich mir auch Dummheiten und Fehler verzeihen. Denn ich weiß: Jedem Menschen passieren Fehler, es gehört zu uns dazu. Wichtig ist nur, dass ich meinen Fehler zugebe, dass ich schaue, dass der Schaden begrenzt wird, dass ich andere bitte, mir dabei zu helfen, und dass ich das gleiche auch tue, wenn andere Fehler machen. Was ich mir verzeihe, muss ich auch anderen verzeihen. Denn sie sind genauso Menschen, die wie ich manchmal über das Ziel hinausschießen.

Diese Fehlerfreundlichkeit zu üben gehört zur Kultur der Caritas – dieses Wort, mit dem wir alle hier so viel Gutes verbinden, es heißt übersetzt nichts Anderes als „Liebe.“ Zuwendung, Achtung und Respekt sind Ausdruck dieser Haltung. Als Angehörige, als Beschäftigte und Mitarbeitende der Ulrichswerkstätten und der CAB ist Ihnen dies in fast schon in Fleisch und Blut übergegangen. – Es steht Ihnen auf der Stirn geschrieben und man kann es in Ihren Gesichtern lesen. Sie wollen Menschen mit einem hörenden Herzen sein, Menschen, die die leisen Töne wahrnehmen, die auch das verstehen, was wortlos geschieht.

Wer ein hörendes Herz hat, bei dem ist der Weg vom Herz zur Hand nicht weit.

Wer ein hörendes Herz hat, der hilft, ohne lang zu überlegen.

Wer ein hörendes Herz hat, der weiß: Alles Gute, was ich anderen tue, nützt auch mir.

Jede und jeder von uns kann das Gute in der Welt vermehren, indem wir die Verschiedenheit der Menschen achten, indem ich mich für Inklusion und Teilhabe einsetze – und der Weg dazu ist, das wissen Sie alle, steinig! -, indem ich voller Ehrfurcht das Leben von seinem Beginn bis zu seinem natürlichen Ende wertschätze. Das ist die gelebte Goldene Regel: Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Danach hat der heilige Ulrich gelebt, schöpfen wir heute an diesem Festtag wieder neu Mut, machen wir es ihm nach!