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Predigt bei der Adventsfeier der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariats 2023

Die Kirche als tröstende Gemeinschaft

20.12.2023 16:30

„Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ (Mt 5,4) - Es gibt Worte, die mit der Zeit ihren Glanz verlieren. Auch gibt es Wörter, die so lange missbraucht werden, bis man sie nicht mehr zu gebrauchen wagt. Bei dem Wort „Trost“ – „trösten“ trifft weder das eine noch das andere zu. Es hat seine Kraft bis heute bewahrt. Kein Missbrauch hat die Dichte seiner Bedeutung zerstören können.

„Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“ formuliert der Dichter Günter Eich. Von einem „leisen, süßen Trost“ der Auferstehung sprach Matthias Claudius beim Tod seines Vaters. Das Wort ist unverbraucht geblieben, und das hängt wohl damit zusammen, dass wir nicht leben können, ohne getröstet zu werden, und dass wir immer wieder in Gefahr stehen, in graue Trostlosigkeit zu versinken.

Die Heilige Schrift spricht uns an vielen Stellen Trost zu. In den Seligpreisungen heißt es: Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Es ist gut, einmal nur über diesen einen Satz nachzudenken. Wenn man ihn verstanden hat, kann man auch die anderen Seligpreisungen analog auslegen.

Selig - also glücklich - die Trauernden! In diesem Widerspruch liegt die Wahrheit nicht nur dieser Seligpreisung. Glücklich sind nicht die herzhaft Lachenden, sondern die Weinenden. So formuliert Lukas in seinem Evangelium noch provozierender als Matthäus: Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen! Das ist wohl das ursprüngliche Wort, wie es Jesus wahrscheinlich selbst gesagt hat. Ein paradoxes Wort. Weil die Weinenden weinen und die Trauernden trauern, ist das Glück bei ihnen. D.h. im Weinen und Trauern liegt ein Schlüssel zum Glück. Man muss sich erst in dieses Wort hineinfühlen, um seinem Sinn inne zu werden.

Ich glaube, es ist wie bei den Kindern. Sie weinen laut heraus und schon ist alles wieder gut. Weinen und Lachen - beinah eins.

Selig seid ihr Kinder, denn ihr könnt weinen. Welches Glück, weinend die Last einfach weggeben zu können! Sollte darin die Einfachheit der Seligpreisung liegen, im seligen Weinen können der Kinder? „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, sagt Jesus, „könnt ihr nicht in das Reich der Himmel kommen.“ Warum fällt uns das oft so schwer? Was verwehrt uns Erwachsenen heraus zu weinen, was das Herz schwermacht? Wir verschweigen und vergraben unsere Traurigkeit in uns selbst, verdrängen sie durch eine oft sinnlose Beschäftigungstherapie und durch noch sinnlosere Zerstreuungen. Der Urlaub vom Ich wird zur Flucht vor dem Ich. Wir wissen heute - belehrt durch die Psychologie -, welche Überwindung es kostet, sich einem anderen anzuvertrauen. Wir haben erkannt, dass dies nur möglich ist, wo sich einer festhalten kann, wie das weinende Kind sich festhält an der Mutter. Das Leben hat vielen die Wege dazu verbaut: Irgendeinmal ist ein frühes Vertrauen getäuscht, ein Zutrauen verletzt, eine Offenheit missdeutet worden. Jeder weiß doch, wieviel Vertrauen es braucht, um auch nur seinem allernächsten Mitmenschen - und gerade ihm - die Ursache selbst einer kleinen Verstimmung mitzuteilen. Und welche Mühe kostet es, eine Trauer, die unverstanden auf einem liegt, bei sich selbst zu ergründen und beim Namen zu nennen.

Matthäus hat um diese Schwierigkeit gewusst. Und so schreibt er nicht mehr: Selig die ihr jetzt weint. Er wendet sich nicht an unkomplizierte, unverdorbene Kinder, sondern an Erwachsene, an solche, die einen langen Weg gegangen sind seit ihrer Kindheit, die vom Leben verwundet sind, an Gehemmte und Verkrampfte. Deshalb sagt er ganz bewusst:  Selig die Trauernden. Trauer: das ist nicht das befreite Herausweinen der Kinder. Trauer ist die Mühe, die dem Menschen alle Kräfte abnötigt, um im Leiden einen Schritt vorwärts zu kommen. Die heutigen Lebensumstände machen es möglich, den Tod zu vergessen, Schmerzen zu betäuben und Leiden wegzuschieben. Aber die Folge davon ist genau das Gegenteil: nicht Glück, sondern dass das überspielte Leiden sich am Leben rächt. Wenn das Leiden sich der Kontrolle entzieht, spricht es sich nicht mehr aus. Das Herz verliert seine Sprache und verkümmert. Ein verkümmertes Herz – ein Herz, das nicht mehr trauern kann. Sollten wir vergessen haben, dass Kunst, Dichtung und Musik Sprachen sind, die das Herz des Menschen dann am reinsten spricht, wenn es leidet? Wo sich die Trauer nicht mehr aussprechen kann, da hat auch das Glück keine Sprache mehr: Selig der, der trauern kann und mit dem noch jemand trauert, denn er wird getröstet werden.

Lassen Sie mich jetzt ein wenig theologisch werden! „Denn sie werden getröstet werden ...“ Eine passive Form. Solche Passivformen kommen bei Jesus oft vor:

„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden.“ (Mt 23,12)
„Bittet, so wird euch gegeben werden.“ (Mt 7,7)
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“(Mt 7,1)

Die Bibeltheologie spricht hier von einem „passivum divinum“, d. h. einer Passivform, die das Handeln Gottes umschreibt. So könnten wir die Seligpreisung auch so übersetzen: „Selig die Trauernden, denn Gott selbst wird sie trösten.“

Schon der Prophet Jesaja legt Gott die Worte in den Mund: „Ich bin es, ich selbst bin es, der euch tröstet.“ (Jes 51,12) Und später heißt es: „Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste ich euch.“ (Jes 66,13)

Wie gut, dass Gott uns trösten wird! Denn wir selber können die Trostlosigkeit ja nie wirklich aus der Welt schaffen.

Es gibt Wunden in uns, die nur Gott heilen kann. Die anderen kennen diese Wunden gar nicht oder müssen sprachlos bleiben.

Es gibt Tränen in unseren Gesichtern, die Gott allein abwischen kann. Die anderen sehen diese Tränen gar nicht.

Gott selbst wird uns trösten. Das ist wahr. Aber er tröstet uns nicht im luftleeren Raum. Er will uns trösten durch alle, die uns als Schwestern und Brüder gut sind, die sich in uns einfühlen und eine heillose Situation einfach durch ihr Dasein lindern helfen. Genau das ist die Art, mit der Gott heute tröstet.

Trösten - das gehört zum Wesen einer christlichen Gemeinde. Man könnte auch sagen: Trösten zu können ist ihr Glück und auch ihre Last. Darüber müssen wir am Ende noch ein Wort verlieren: Es gibt Menschen, die einem vorhalten: „Ja, damals als ich in Not war, da kam niemand von der Kirche.“ Und da werde ich traurig über uns, weil wir offenbar im rechten Moment nicht da waren. Dennoch möchte ich dem, der da klagt, auch sagen: Hättest du dich doch auch selber eingereiht in die Gemeinschaft derer, die sich einmütig zum Lobe Gottes versammeln - etwa beim sonntäglichen Gottesdienst! Freilich: Man kann auch ungetröstet von einem Gottesdienst Weggehen. Vielleicht sind wir Kirchgänger auch nicht immer einladend und tröstlich für andere. Und trotzdem bin ich nicht allein mit meiner Empfindung, dass die Gemeinschaft des Gottesdienstes immer neu Quelle des Trostes werden kann. Hier erfahren wir, dass wir unseren Weg nicht allein gehen müssen. Auch wenn sie es uns nicht persönlich sagen, schon die Anwesenheit anderer im gemeinsamen Gebet kann ein Trost sein.

Selig die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden - durch Gott bei uns in seiner Kirche.