Predigt bei der Festmesse zum 125. Geburtstag von Gertraud von Bullion am Sonntag, den 11. September 2016 im Hohen Dom zu Augsburg von Bischofsvikar Prälat Dr. Bertram Meier

Die Liebe Christi drängt uns

14.09.2016 17:42

Caritas Christi urget nos. (2 Kor 5,14) Die Liebe Christi drängt uns. Dieses Motto, unter das der Völkerapostel Paulus seine Berufung stellte, können wir auch über das Leben von Gertraud von Bullion schreiben. Die Liebe Christi hat sie gedrängt. Wie der große Missionar Paulus oder die kleine Theresia von Lisieux wollte Gertraud die ganze Welt für Christus gewinnen.

Wir haben uns heute hier im Dom versammelt, um den 125. Geburtstag dieser außergewöhnlichen Frau zu feiern, die unweit der Kathedrale aufgewachsen ist – in einem Stadtviertel, das sie gern ihr „Jugendparadies“ genannt hat. Ich habe mich gefragt: Welche Melodien würde Gertraud, die Musik und Tanz so liebte, intonieren, wenn sie ihren Lebensweg als Symphonie komponieren sollte?

Die erste Melodie klingt sehr beherzt und beschwingt. Sie heißt: Gertraud, die mutige Missionarin. Schon bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion, die sie in der Herz-Jesu-Kapelle der Englischen Fräulein in Augsburg empfing, hatte Gertraud feste Vorstellungen, was einmal aus ihr werden sollte: „Lieber Gott, lass mich nie eine Todsünde begehen. Lass mich eine Missionsschwester werden.“ Dieser große Traum hat sich allerdings nicht erfüllt – zunächst aufgrund der politischen Wirrnisse, die sie als Krankenschwester in den Ersten Weltkrieg verwickelten, und dann wegen ihrer schweren Lungenkrankheit, die sie seit 1921 befallen hatte und ihr  öffentliches Wirken stark einschränkte.

Dennoch war Gertraud von Bullion eine mutige Missionarin. Was sie einmal einem Theologen schrieb, das trifft auch auf sie selber zu: „Sie besonders haben sich ein wundervolles, hohes Ziel gesteckt: In die finstere Nacht des modernen Heidentums das Licht des Glaubens zu tragen. (…) Ich möchte diesen Missionsdienst eigentlich noch höher stellen als den in den fernen Ländern.“

Missionarin sein: Das fängt oft schon in der eigenen Familie an. Wie viele Menschen – gerade junge Leute, die Gott rufen will – stoßen im eigenen Verwandten- und Freundeskreis auf Unverständnis und Ablehnung, wenn sie ihre Lebenskarten auf Gott setzen und sich ihm weihen wollen. Gertraud hat ähnliche Erfahrungen bei ihren Angehörigen gemacht. Trotzdem ließ sie sich nicht abbringen, ihr Leben Gott und Maria zu verschreiben. Unbeirrt hielt sie an ihrer Berufung fest, deren Anfang sie bereits in der Zeugung sieht: „Gott hat bei meiner Erschaffung eine ganz bestimmte Idee gehabt, er hat mir eine besondere Aufgabe im Leben zugedacht. Damit ich diese auch erfüllen kann, hat er mich auf den geeigneten Platz gestellt, mir die dazu nötigen Anlagen, Fähigkeiten und Neigungen gegeben. Das heißt also, dass ich Gott erkennen, ihn lieben, ihm dienen soll in meinem Beruf, in meiner Umgebung, mit den Leidenschaften und den Kräften meiner Seele und meines Leibes, die mir zur Verfügung stehen.“ Ihre Kräfte hat Gertraud eingesetzt und zum Teil verzehrt in ihrem Einsatz als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg. Nachdem sie zunächst Bahnhofsdienst in Ulm und Augsburg geleistet hatte,  ließ sie sich als Rote-Kreuz-Schwester in Lazarette nach Galizien und dann an die Westfront senden. Die Front wurde ihr Missionsfeld. Ihr Engagement wurde gleichsam geläutert. Schwester Gertraud erkannte in den Opfern und Verwundeten das Antlitz Christi selbst. Neben den körperlichen Leiden der Soldaten sah sie auch die Verwundungen der Seele. Caritas Christi urget nos. Die Liebe wird zur Tat. Die Liebe Christi drängte sie, das Evangelium – die Frohe Botschaft – den Soldaten im wahrsten Sinn des Wortes ans Herz zu legen, den „verlorenen Söhnen“ die Sakramente nahezubringen und durch Gottesdienst und Gesang Wunden heilen zu helfen. Nicht durch Zufall gab man ihr Namen wie „Engel im Schwesterngewand“ oder „katholische Großmacht“.

Damit klingt eine zweite Melodie an, die leise ist und zart: Gertraud, die treue Dienerin. Bei ihrer Aufnahme in die Marianische Kongregation wählte die Gräfin bewusst nicht die Gemeinschaft der Englischen Fräulein – eigentlich prädestiniert für Höhere Töchter, sondern schloss sich der Gemeinschaft bei der Kapuzinerkirche St. Sebastian an, die vor allem Bürgertöchter, Hausangestellte und Fabrikarbeiterinnen zu ihren Mitgliedern zählte. Adel der Seele war Gertraud wichtiger als Adel des Blutes. Es spricht Bände, dass sie sich in die Kongregationsmedaille den Leitspruch der englischen Könige eingravieren ließ: Serviam. Ich will dienen. Im Rückblick bekannte sie von sich: „Es war schon als junges Mädchen immer mein Ideal, einmal von Herzensgrund gütig zu werden.“

Die Güte ist eine Tugend, die es versteht, kleine Dinge mit großer Liebe zu tun. Das ist die Größe der Güte. Diese Tugend hat Gertraud verwirklicht. Serviam. Ich will dienen

-         den Priestern, die ihr eine wertvolle und fruchtbare „Seelsorgshilfe“ bescheinigen

-         den Soldaten an der Front, die sie nicht nur als Krankenschwester betreut, sondern auch seelisch und geistlich begleitet

-         den zahlreichen Menschen, denen Gertraud durch ihre Briefpastoral Trost, Rat und Hilfe anbietet

-         besonders dem Herrn und der Gnadenmutter von Schönstatt, der sie sich zusammen mit ihrer Cousine Marie Christmann in ihrer Lebensweihe am 8. Dezember 1920 in Augsburg übergibt. Das ist das Gründungsereignis des Apostolischen Bundes für Frauen, der Anfang des heute internationalen Schönstatt-Frauenbundes.

Die Bedeutung dieses Gründungstages stellte Pater Kentenich beim zehnjährigen Gedenken 1930 heraus: „Wir wagen zu glauben, dass im Schatten unseres kleinen Heiligtums die Geschicke der Kirche auf Jahrhunderte und Jahrtausende wesentlich beeinflusst werden. Wissen Sie, was das heißt im Zusammenhang mit dem kleinen Anfang der Frauenbewegung vom 8. Dezember  1920? Dieser Moment der Privatweihe bedeutet nichts mehr und nichts weniger als die Teilnahme unserer katholischen Frauenwelt an der großen Sendung Schönstatts. Das ist das gewichtige, wuchtige Ereignis vom Jahre 1920.“

So steht Gertraud, die treue Dienerin, vor uns als Mitbegründerin für ein „gewichtiges“ und „wuchtiges“ Ereignis.

Dies leitet über zur dritten Melodie, die einfühlsam und zärtlich klingt: Gertraud, die stille Freundin. In den zehn Jahren ihrer Krankheit hat sie sich darin eingeübt. Doch nicht nur zu ihren Lebzeiten, bis heute werden viele Menschen von ihr durchs Leben getragen wie von einer unaufdringlichen stillen Freundin. Gertraud war von dem Ideal beseelt, heilig zu werden. Im Lauf des Lebens hat die Gräfin gelernt, was das heißt: sich nicht selbst in den Mittelpunkt rücken; selbst abnehmen, damit ein Anderer zunehmen kann. Heiligkeit macht keinen Lärm. Heilige sind nicht Leute lauter Töne. Heilige sind leise. Oder in der Sprache Gertrauds, die sich an Maria wendet: „Mutter, wenn ich eine Heilige werden soll, so gib, dass niemand es merkt und ich es am allerwenigsten.“

Die Melodie der stillen Freundin bekommt ihre letzte Tiefe vor der Eucharistie. Gertraud war eine Freundin der Eucharistie. Nach dem Dekret von Papst Pius X. entschloss sie sich zum täglichen Empfang der hl. Kommunion. An dieser Entscheidung hielt sie ihr ganzes Leben lang mit großer Treue fest. Mutig, fast gewagt klingen ihre Worte: „Mich fesselt das Brot.“

Was kommen da für Assoziationen auf? Vom Brot gefesselt, in Bann gezogen, gebunden. Ja, die hl. Kommunion war für Gertraud das Band, das sie täglich zu ihrem Herrn knüpfte; die Hostie ihr Wegproviant auch in Krankheit und Krise; das Brot des Lebens, von dem sie gerade in schwierigen Zeiten zehrte: „Die Kirche umschließt das Höchste, was wir besitzen können, unsern lieben Jesus im heiligsten Sakramente.“

Der Schlussakkord greift noch einmal auf, was Pater Kentenich im Hinblick auf das „gewichtige“ und „wuchtige“ Ereignis vom 8. Dezember 1920 sagte: Gertraud, das kleine Werkzeug. Wenige Wochen vor ihrem Tod erneuert sie noch einmal ihre Weihe: „Ich will die Weihe erneuern, so gut ich kann, auch im Wortlaut. (…) Ich nehme keinen Buchstaben der Weihe zurück.“

Innere Trockenheit und Wüste, Müdigkeit und Schlappheit blieben auch ihr auf dem Krankenlager nicht erspart. Trotzdem hat sie diese schwere Zeit mit Gottes Gnade gemeistert: Vollkommenheit bedeutet „für uns Frauen ein ‚Kahlwerden‘ vom Ich, ein Weggeben auch von der letzten Anhänglichkeit. Das ist schwer.“

Hoffen und beten wir, dass Gertraud von Bullion, das kleine Werkzeug der Gnade Gottes, schon jetzt in der Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott und der Dreimal Wunderbaren Mutter in das Lied einstimmt, das sie auf Erden täglich gesungen hat: „Mit welch großer Freude möchte ich einstimmen in das Magnifikat! Großes hat an mir  der Herr getan, hat mich als sein armseliges Wesen als sein Werkzeug berufen.“