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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier in der Vesper im Rahmen der Jahreskonferenz der Edith-Stein-Gesellschaft in Augsburg

Die Weite der Gottsuche

24.04.2026 09:21

Als Christen sind wir heute Abend hier versammelt und wollen im Rahmen dieser Vesper in ökumenischer Perspektive auf Edith Stein blicken. Ich darf Ihnen anvertrauen, dass sie mein Jahr schon von Beginn an begleitet, da ich Sie als Jahresheilige gezogen habe. Was gibt sie uns mit? Ich denke wir können einige Wegweiser von dieser modernen Heiligen entgegennehmen - auch für die Frage nach geeigneten Formen von Synodalität, die uns derzeit in der Katholischen Kirche vermehrt beschäftigt.

„Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott.“ Es dürfte sich um eines der bekanntesten Zitate Edith Steins handeln, die selbst eine große Wahrheitssucherin war. Die Wahrheitsfrage hat Edith Stein bewegt, sie hat sie nicht ausgeklammert. Wo es heute um Wahrheit geht, werden oft verhärtete Fronten aufgezeigt. An Edith Stein fasziniert mich, dass sie stets neugierig blieb auf die je andere Perspek­tive – gerade um einer Sache auf den Grund zu gehen. Ganz selbstverständlich zählt sie evangelische Christen zu ihren engsten Freunden – durch deren Zeugnis geschah es ja, dass sich die Welt der selbst ernannten Atheistin für den Auferstehungsglauben öffnete.

„Je tiefer jemand in Gott hineingezogen wird, desto mehr muss er auch in diesem Sinne ‚aus sich herausgehen‘, das heißt in die Welt hinein, um das göttliche Leben in sie hineinzutragen.“ Diese Zeilen schreibt Edith Stein 1928 an eine befreundete Dominikanerin; sie lesen sich wie das Lebensmotto, mit dem sie ihr Christsein nur wenige Jahre nach der Taufe lebt. Ihre Christus­beziehung führt nicht zur Ausgrenzung und Abschottung – weder vor der Welt noch gegenüber ihrer jüdischen Herkunft. Wenngleich ihre Konversion für die Beziehung zu ihrer Mutter zur Herausforderung wird, so bringt ihr neu gewonnener Glaube doch auch eine eigene Wertschätzung für die jüdische Tradition mit sich.

Das eingangs erwähnte Zitat stammt aus einem Brief Edith Steins aus dem Jahr 1938; die Gedanken, die sie vorausschickt, offenbaren eine Weite im Denken Edith Steins, die für die Gesamtkirche erst 30 Jahre später im Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert wird: „Es hat mir immer sehr fern gelegen zu denken, dass Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche binde.“  Damit sieht Edith Stein nicht nur ihre evangelischen, sondern auch ihre jüdischen Glaubensgeschwister der Gnade Gottes vollkommen anvertraut. Nehmen wir uns die Haltung von Sr. Teresia Benedicta a Cruce, der Patronin Europas, zum Vorbild und bitten wir sie an diesem Abend um Fürsprache für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen, für das ökumenische aufeinander Zugehen und nicht zuletzt für unsere innerkatholischen Debatten.