Einander Wegbegleiter sein
„Suchen Sie sich Verbündete!“, so lautet die Empfehlung der Polizei für Augenzeugen oder Betroffene eines Übergriffs oder einer Gewalttat. Denn sich allein einem Angreifer entgegenzustellen, kann schnell lebensgefährlich sein. „Erkennt eure Verbündeten!“, mahnt Jesus seine Jünger, als sie sich bei ihm über die spirituellen Erfolge eines unbekannten Konkurrenten beklagen.
Auch nach 2000 Jahren hat sich dieses Überraschungsmoment noch nicht völlig verloren. Im Gegenteil: Religiöse Konkurrenz innerhalb des Christentums gibt es zuhauf, ganz zu schweigen von der außerchristlichen. Wer daraus jedoch den Schluss zieht, sich stärker abschotten oder gar auf Konfrontation gehen zu müssen, der widersetzt sich - wir haben es gerade gehört - dezidiert dem Willen Jesu. Leider hat dies jedoch in der Vergangenheit zahllose Hitzköpfe und Machthungrige in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften nicht davon abgehalten, sich gegenseitig die Rechtgläubigkeit abzusprechen oder gar um Leib und Leben zu bringen.
„Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns“ (Mk 9,40): Das ist ein Aufruf zu Vernunft und Konzilianz und setzt zugleich den Willen und die Fähigkeit voraus, miteinander ins Gespräch zu gehen, um die Position des anderen kennenzulernen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede argumentativ festzu-halten.
Unwillkürlich fällt mir dazu der synodale Prozess ein, den wir seit einigen Jahren gehen. Papst Franziskus hat ihn unter die Stichworte: Gemeinschaft – Teilhabe – Sendung gestellt und jedes Bistum, jedes diözesane Gremium, jede Pfarrei, die mit der Erneuerung unter synodalem Vorzeichen ernsthaft beginnt, bemerkt schnell, dass es hier ans Eingemachte geht. Denn sich auf diesen Weg einzulassen, heißt: sich von liebgewordenen Vorannahmen, von schon fast unbewussten Freund-Feind-Klischees zu verabschieden und sich buchstäblich neu in die Gegenwart Gottes zu stellen, das Hier und Heute als das von ihm Gegebene anzunehmen und zu gestalten.
Welche Chancen ein solches Leben in der Gottunmittelbarkeit mit sich bringen kann, zeigt uns die Lesung aus der Apostelgeschichte. Als Pendant zum Lukasevangelium geschrieben, richtet sie den Fokus darauf, wozu Menschen fähig sind, die an die Auferstehung Christi glauben und sich vom Heiligen Geist leiten lassen.
Und das ist unglaublich viel: vor allem, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir es bei den ersten Jüngerinnen und Jüngern mit Menschen zu tun haben, deren Leben bis zum Auftreten des Rabbis aus Nazareth weitab der Öffent-lichkeit und jenseits philosophisch-intellektueller Auseinandersetzung verlief. Doch die Begegnung mit Jesus, dem Christus, hat sie völlig verwandelt. Nach seiner Himmelfahrt kennen sie kein Halten mehr, verlassen das enge, vertraute Umfeld von Heimat und Familie, um nur noch von IHM zu erzählen und Menschen für IHN zu gewinnen!
Was für uns heute wie ferngesteuert wirkt, ist das Handeln nach einem inneren Impuls, das wohl als absolute Freiheit erlebt wird, weil es im Einklang mit dem Willen Gottes geschieht. Haben Sie eine solche Erfahrung schon einmal gemacht? Schaffen wir heute überhaupt noch Raum dafür, dass uns Gottes Ruf erreicht, dass er in unserem Herzen hörbar wird?
Meine ganz persönliche Entscheidung, Priester zu werden, war noch während der Schulzeit die Reaktion auf eine Erfahrung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt, ein Gezogenwerden hin zu dem, der das große „Du“, das eigent-liche Gegenüber in meinem Leben geworden ist.
Auf ähnliche Weise, so denke ich mir, spürte auch Philippus während des Gebetes den Impuls, seine Komfortzone zu verlassen und ins Unbekannte aufzubrechen. Er wandert, wie es heißt, die „Straße, die von Jerusalem nach Gaza führt“, nach Süden, durch eine „einsame Gegend“ (Apg 8,26).
Menschen, die dem Ruf Gottes folgen wollen, suchen bewusst die Stille und das Alleinsein, um der Oberflächlichkeit, der Zerstreuung und Ablenkung zu entkommen. Denn nur so lässt sich unsere Wahrnehmung schärfen und wir lernen die Welt um uns herum mit anderen Augen zu sehen. Philippus registriert daher nicht nur aus den Augenwinkeln den vermutlich prächtigen Wagen des äthiopischen Hofbeamten, sondern nähert sich ihm so weit, dass er sogar vom halblauten Lesevortrag – in der Antike die übliche Art, Texte inhaltlich zu erfassen – die Jesajastelle identifiziert und damit einen Anknüpfungspunkt zu einem religiösen Gespräch gefunden hat. Ist das nicht wunderbar?
Noch bis vor einigen Jahren ergab sich im Wartezimmer eines Arztes oder im Zugabteil eine ähnliche Gelegenheit, wenn man zufällig den Titel des Buches, in das der unbekannte Sitznachbar vertieft war, erhaschen konnte. Ich erinnere mich gerne an solche, nicht selten tiefsinnige Gespräche, die mithalfen, die Zeit zu verkürzen. Dann verabschiedete ich mich oft mit einem Gefühl der Dankbarkeit, wie von einem Freund…
Auch wenn es der Umstieg auf digitale Endgeräte und der Stöpsel im Ohr heute schwieriger machen, Blickkontakt mit Mitreisenden aufzunehmen, ist es nach wie vor eine gute und lohnende Übung, ein Auge für den Menschen neben, vor und hinter mir zu haben. Die von einigen Jesuiten vor Jahrzehnten entwickelten Straßenexerzitien nehmen genau dies zum Anlass, um das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, das ebenfalls auf Ignatius zurückgeht, zu ver-breiten. Was früher Examen, Revision de Vie oder Tagesrückblick hieß, führt bei regelmäßiger Praxis dazu, dass ich die Spuren Gottes in meinem Leben überhaupt erst erkenne und damit immer empfänglicher für sie werde.
Der Kämmerer in unserer Szene ist bereits ein höchst sensibler Mensch auf der Suche nach dem göttlichen Du. Vertrauensvoll offenbart er sich dem Judenchristen Philippus, lässt sich die biblischen Zusammenhänge erklären und findet so zum Glauben an Jesus als den verheißenen Messias. Buchstäblich ‚auf dem Weg‘ ist er Gott begegnet, vergleichbar den Emmausjüngern und doch vermittelt durch einen schon von Gott begeisterten und bei Gott geborgenen Menschen! Nach der Taufe verschwindet Philippus, der Hand-langer der Gnade, aus seinem Leben – er bindet ihn also nicht an sich, sondern hat ihn freigegeben für Christus. Der „Freude“ des Katechumenen tut dies keinen Abbruch. Er weiß, dass er nun nie mehr allein ist - eine Szene vollkommenen Glücks!
Ich lade Sie ein, diese Eucharistiefeier einmal bewusst zum Anlass zu nehmen, für all jene, Lebende und Verstorbene, zu danken, die für Sie persönlich zu Wegbereitern und Weggefährtinnen des Glaubens geworden sind.
Im Anschluss an den Gottesdienst wird Frau Professorin Dr. Regina Polak aus Wien allen angemeldeten Seelsorgerinnen und Seelsorgern ihre Gedanken zu „Pastoral zwischen Anpassung und Widerständigkeit“ vorstellen, für die ich an dieser Stelle schon herzlich danken möchte.
Feiern wir nun gemeinsam unseren Glauben und bekräftigen wir ihn im Glaubensbekenntnis.