Eine Gemeinde, erfüllt vom Heiligen Geist!
Ein Prediger muss gut informiert sein. Sonst redet er nur Allgemeinplätze. Als mich Ihr Stadtpfarrer, Georg Leonhard Bühler, schon vor gut einem Jahr zum 50jährigen Weihejubiläum Ihrer Pfarrkirche Heilig Geist in Mühlried einlud, legte er mir einige Informationen zur Baugeschichte des bis heute bestehenden Pfarrzentrums sowie zum Gemeindeleben bei. Beim Durchlesen fiel mir ein Satz aus dem Pfarrblatt von 1998 zum 25jährigen Jubiläum ins Auge, über den ich mich sehr freute.
Damals schrieben einige Gemeindemitglieder: „Durch unseren Einsatz bringen wir [Mühlrieder] Farbe und Schwung in den grauen Betonbau [unserer einzigartigen Kirche]. Eine Lebendigkeit, die in die ganze Gemeinde und darüber hinaus fortwirkt.“[1]. Was für ein wunderbarer Impuls, der seinen konkreten Niederschlag darin findet, dass es in Mühlried bis heute eine Vielzahl von Gruppen und engagierten Gemeindemitgliedern gibt, die sich einbringen und der Pfarrei ein Gesicht geben. Hier der Wunsch in Erfüllung, den mein Vorgänger im Amt, Erzbischof Josef Stimpfle, bei der Einweihung der Kirche im Jahre 1973 hegte: dass die Gemeinde Mühlried nicht nur den Namen „Heilig Geist“ tragen möge, sondern erfüllt vom Geist Gottes Liebe und Freude ausstrahlt.[2] Voraussetzung dafür ist, dass bei unseren Plänen Gottes Handeln an uns im Mittelpunkt steht. Der Architekt dieser eindrucksvollen Pfarrkirche, Erich R. Müller, hat das verstanden und formulierte als klares Ziel seines Projektes, dass der ganze Kirchenraum auf den Altar zentriert sein soll - also dorthin, wo Gott uns in jeder Eucharistiefeier leibhaftig begegnet und innerlich wandeln will. Nicht zufällig wurde die Kirche deshalb auch in der Form eines Zeltes erbaut, was uns zur Ersten Lesung führt, die wir vorhin gehört haben.
1. Kirche als Gottes Zelt unter den Menschen
„Seht, das Zelt Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.“ (Offb 21,3) So beschreibt der Seher in der Offenbarung des Johannes den „neuen Himmel und eine neue Erde“ (Offb 21,1), auf die wir als Gläubige nach unserem irdischen Tod hoffen dürfen. Die Vision drückt aus, dass wir keine Angst haben brauchen vor dem Dahinscheiden, denn Gott wird bei uns sein; alle Fragen, Zweifel, vor allem die Trauer wird sich in Freude verwandeln. Das Bild des Zeltes vermittelt dabei das Gefühl von Schutz und Geborgenheit. Gläubige Juden dachten bei dieser Beschreibung wohl sofort an den Auszug aus Ägypten, als Gott beim mühesamen Marsch durch die Wüste stets mit auf dem Weg war, verborgen im Zeltheiligtum (vgl. Ex 33,9ff). Daher darf diese Beschreibung des himmlischen Jerusalem nicht als eine bloße Vertröstung auf das Jenseits missverstanden werden, denn schon jetzt können wir Anteil haben an Gottes Herrlichkeit, wenn wir als Gemeinde im Geist Jesu zusammenleben und seine Gegenwart in den Sakramenten feiern. Unterwegs durch die Zeit können wir die Nähe Gottes spüren, wenn wir uns wie einst Mose in sein Zelt begeben - übertragen, wenn wir uns hier in der Kirche zum Gebet versammeln. Darum freut es mich, dass die Kirche in Mühlried seit 50 Jahren ein gefragter Ort der Gottesbegegnung ist. Doch so wichtig ein solches Zentrum des Glaubens auch sein mag, noch wichtiger als der Ort ist die innere Haltung bzw. Ausrichtung der Gläubigen auf Gott hin. Das lernen wir, wenn wir auf das heutige Evangelium blicken.
2. Gottes Geist wohnt in den Gläubigen
Im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen lehrt Jesus, dass es nicht darauf ankommt, ob Gott auf einem Berg oder im Tempel von Jerusalem angebetet wird. Entscheidend sei, Gott „im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4,24) anzubeten - ein nicht ganz einfaches Wort. Es wird verständlicher, wenn man schaut, was Jesus unmittelbar zuvor sagt: „Gott IST Geist.“ (Joh 4,24). Das Wesen Gottes ist für uns Menschen nicht greifbar. Wir können Gott nicht in die Hosentasche stecken. Gott umgibt uns an allen Orten und zu aller Zeit, und kann als eine Kraft der Liebe verstanden werden, die uns innerlich erfüllen und zu einem guten Leben hinführen will. Das dürfen wir glauben, weil es uns von Jesus selbst, Gottes Sohn, offenbart wurde. Wenn es Tage gibt, an denen ich daran zweifle, dann tröstet mich: Ich bin mit meinen Fragen und Zweifeln nicht allein. Auch die Frau am Jakobsbrunnen hatte Zweifel. Mehr noch, sie und Jesus redeten zunächst ständig aneinander vorbei. Sie verstand überhaupt nicht, was er ihr sagen wollte. Doch mit der Zeit erkannte sie, dass er wirklich der Messias war, auf den alle warteten, da er alles über sie wusste und in allem die Wahrheit sprach. Nun kommt aber das Entscheidende, auf das uns Paulus hinweist: Christus ist nicht gekommen, um uns seine Allwissenheit zu demonstrieren. Stattdessen will er uns teilhaben lassen an seinem göttlichen Geist. Er will, dass wir Gottes Gegenwart und seine Liebe in uns spüren können. Darum sagt Paulus: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes IN EUCH wohnt?“ (1 Kor 3,16) Wenn wir also Gottes Geist suchen, dürfen wir ihn auch in uns selbst und in anderen Menschen suchen! Nun ist es bei sich selbst immer schwierig, aber sicher kennen Sie jemanden, von dem Sie sagen würden, diese Frau oder dieser Mann bemüht sich wirklich - aus einer inneren Kraft heraus - jeden Tag das zu leben, was Jesus uns lehrt: Füreinander da sein, zuhören, trösten und helfen. Obwohl der Heilige Geist immer ein Geheimnis bleiben wird, gibt es doch Kennzeichen, sogenannte Früchte, wie die Kirche lehrt, an denen man seine Gegenwart erkennen kann: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit“ (Gal 5,22f), das ist es, was der Geist Gottes in uns wachsen lassen will. Und wenn ich auf das lebendige Gemeindeleben in Mühlried blicke, kann ich vieles davon entdecken, was mich zu meinem letzten Gedanken führt: Die Liebe Christi will weitergetragen werden!
3. Die Liebe Christi weitertragen
Schauen wir das Panorama dieser Gemeinde an! Von der Mutter-Kind-Gruppe über Ministranten und Sternsinger bis zum Seniorenkreis: Es ist für mich als Bischof in einer für die Kirche wahrlich schwierigen Zeit äußerst ermutigend zu sehen, wie viele Menschen sich hier in Mühlried be-geistern lassen, damit die Pfarrei für Jung und Alt ein guter Ort ist, um Gemeinschaft zu erfahren. Ob im Dienst der Verkündigung, der Liturgie oder – ganz wichtig – auch der Diakonie, Kirche hat nur dann eine Zukunft, wenn sie, erfüllt vom Geist Gottes, offen ist für jede und jeden. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen! Wir Christen haben den Auftrag, andem großen Zelt Gottes, in dem alle willkommen sind, mitzubauen (vgl. 1 Kor 3,10), wie Paulus sagt. Darum lade ich Sie heute ein, sich auch weiterhin mit ihren Talenten und Fähigkeiten einzubringen, sei es in einer der Pfarreigruppen oder punktuell bei einem Projekt. Ich habe einen Tipp: Sie suchen nach neuen Ideen; oder wollen wissen, was in anderen Gemeinden passiert, dann schalten Sie am Sonntagabend um 18.30 Uhr doch mal bei atv rein! Schauen Sie die Reportagen unseres diözesanen Magazins Katholisch1tv an, oder werfen Sie einen Blick auf unsere Bistums-Homepage (www.bistum-augsburg.de). Dort können Sie täglich Geschichten verfolgen und Inspiration erhalten, wie Gläubige aus unserem Bistum sich aufmachen, um Kirche vor Ort zu leben.
Gerade vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Kirchenmitglieder immer mehr schwindet, können wir große Hoffnung daraus schöpfen, dass der Geist Gottes auch heute Menschen berührt und es Aufbrüche gibt, wo alles im Niedergang zu sein scheint. Auch das ist eine wichtige Gabe des Heiligen Geistes: Der Mut, nicht zu verzagen, angesichts der vielen Krisen und Herausforderungen. Erinnern wir uns noch einmal an das Volk Israel in der Wüste: Eben noch aus der Knechtschaft der Ägypter befreit, vergessen die Israeliten in der Hitze der Wüste schnell wieder die Heilstat Gottes und fühlen sich von ihm verlassen. Das ist leider die Erfahrung, dass der Mensch Gott lobt, solange es ihm gut geht, wehe aber, wenn Probleme kommen, dann ist es oft rasch vorbei mit dem freudigen und dankbaren „Halleluja“. Gott aber ist treu und bleibt bei seinem Volk, denn er weiß um die Schwächen des Menschen; er ist gekommen, um zu retten. So dürfen wir darauf vertrauen, dass der Herr uns in dieser delikaten Zeit nicht verlässt und stets mit seinem Heiligen Geist begleitet.
Am Ende möchte ich Ihnen nochmals herzlich zum 50jährigen Weihejubiläum gratulieren, ebenso zum 50jährigen Jubiläum des Kindergartens sowie des Mühlrieder Weihnachtsmarktes, mit dessen Erlösen Ihre Pfarrgemeinde seit vielen Jahren die segensreiche Arbeit der Missionsstation North Horr in Kenia unterstützt. Die Tyroller-Brüder, zwei große Missionare aus unserem Bistum, Söhne Ihrer Gemeinde, lassen grüßen! Ein starkes Zeichen der Nächstenliebe auch über Ländergrenzen hinweg. Vergelt’s Gott dafür! Das zeigt: Der Geist Gottes verbindet Menschen auf der ganzen Welt. Wenn wir auf seinen Beistand bauen und uns ganz von ihm erfüllen und leiten lassen, brauchen wir keine Angst zu haben vor der Zukunft, hier in Mühlried und weit darüber hinaus.
[1] Pfarrblatt der Pfarrei Heilig Geist Mühlried aus dem Jahr 1998, 39.
[2] Vgl. Grußwort von Bischof Joseph Stimpfle im Pfarrblatt der Pfarrei Heilig Geist Mühlried aus dem Jahr 1973, 1.