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Predigt anlässlich der Diakonenweihe zweier Ständiger Diakone im Augsburger Dom am 7. Oktober 2023

Die DNA des Diakons: Dienst-Nächstenliebe-Anbetung

07.10.2023 11:00

Es ist ein starkes Ereignis, das wir heute feiern. Dafür sind wir hier versammelt als Gottes geliebte Kinder: jede und jeder von Ihm gewollt und ins Dasein gerufen, verschieden im Aussehen und mit vielfältigen Begabungen ausgestattet.

Bauplan eines Individuums ist die DNA, die Gott in uns „gelegt“ hat. Einzigartig sind auch unsere beiden Weihekandidaten. Ihr Amt als Diakon werden sie mit den ihnen je eigenen Charismen ausfüllen. Dafür bringen sie auch unterschiedliche Erfahrungen aus Ihren Berufen mit. So möchte ich mit Ihnen der Frage nachgehen: Was macht eigentlich die DNA eines Diakons aus?

Auch wenn ich heute vor allem unsere beide zukünftigen Diakone im Blick habe, so fühlen Sie sich, liebe Gläubige, hinein- und mitgenommen und lassen Sie sich genauso von meinen Gedanken inspirieren. Denn das, was in besonderer Weise einen Diakon betrifft, geht letztlich alle Getauften an. Was also meine ich, wenn ich von der DNA des Diakons spreche? Was sollte einem Diakon sprichwörtlich „in den Genen liegen“, was ihn auszeichnen und umtreiben?

„D“ wie Dienst

Da ist zunächst das „D“: D wie Dienst. Darauf verweist schon die griechische Herkunft des Wortes. Diakone sind die „Diener der Kirche Gottes“, wie es Ignatius von Antiochien (+ um 110 n. Chr.) bereits in der Frühzeit der Kirche ausdrückte (vgl. Trall. 2,3). Ja, die Diakone sollen Meister in der Diakonie, im Dienen sein. Das umschreibt das ganze Wesen eines Diakons. Was heißt das konkret?

Allem voran geht der Dienst am Wort Gottes. Das kommt in der heutigen Liturgie deutlich zum Ausdruck, wenn ich nach der Weihe durch Handauflegung und Gebet den neuen Diakonen das Evangeliar übergebe: „Empfange das Evangelium Christi: Zu seiner Verkündigung bist du bestellt. Was du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, erfülle im Leben.“ Ich überreiche dem Diakon nicht einfach nur ein Buch mit Goldschnitt und Ledereinband; es geht um mehr: Ich gebe das Wort Gottes in seine Hände. Die Beschäftigung mit Gottes Wort lege ich ihm ans Herz. Liebe Diakone in spe, lesen Sie regelmäßig in der Heiligen Schrift. Schaffen Sie Freiräume in Ihrem Alltag, um das Wort Gottes aufzunehmen, zu meditieren und zu durchbeten.

Damit wir uns recht verstehen, muss ich etwas klarstellen: Die Bibel ist keine bloße Ansammlung von Geschichten, kein Märchenbuch. Das Wort Gottes besteht nicht aus „toten Buchstaben“ zwischen zwei Buchdeckeln; es ist lebendiges Wort, weil es in Jesus Christus Mensch geworden ist. Die Person Jesu Christi gilt es zu verkünden. Gottes Wort ist keine menschliche Erfindung; es ist göttliches Erbe und Auftrag zugleich, der Kirche anvertraut. Das müssen wir ernst nehmen. Das Wort Gottes kann nicht nach eigenem Gutdünken verändert oder den Meinungen des jeweiligen „Zeitgeistes“ angepasst werden, weil es dann „smarter“ erscheint, leichter zu verdauen. Kein Zweifel: Die Botschaft Jesu Christi ist bisweilen schwere Kost, sie holt uns aus der Komfortzone heraus, sie verlangt uns womöglich auch einiges ab; Gottes Wort ist keine „Wattebausch-Botschaft“, gerade wenn wir unseren Blick auf Jesu Tod am Kreuz richten. Darin aber steckt ihre befreiende Kraft, Gottes große Liebe wird entfaltet und seine unendliche Barmherzigkeit erfahrbar. Zugleich sind die Maßstäbe und Wege Gottes eben oft andere als wir die Dinge nach unserem menschlichem Ermessen beurteilen.

Mit der Verkündigung des Wortes Gottes wird Ihnen, liebe Weihekandidaten, eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe übertragen. Denken Sie daran: Es geht als Diakon nicht darum, durch ausgefeilte Rhetorik zu glänzen, vielmehr sollen Sie „Echo Jesu Christi“ sein. Ich weihe Sie zu Resonanzkörpern des Wortes Gottes. Seien Sie versichert: Nicht an den vielen Worten, sondern an ihrem Lebenszeugnis werden Sie gemessen! Das führt zum nächsten Stichwort der DNA eines Diakons:

„N“ wie Nächstenliebe

Neben dem Dienst am Wort ist der Diakon von der Liebe zum Nächsten geprägt. Der Diakon steht im Dienst an den Mitmenschen. An ihm wird ablesbar, wie sich Reden und Tun gegenseitig bedingen. Das hat uns das heutige Evangelium klar vor Augen gestellt. Es reicht nicht aus, das Wort Gottes nur zu hören (und zu predigen). Wichtig ist, dieses zu verinnerlichen – und danach zu handeln! Worte bleiben leer und hohl, wenn ihnen nicht Taten folgen.

Im Gleichnis von den „Häuslebauern“ in der Bergpredigt ermutigt uns Jesus, das eigene Leben auf sicheren Grund zu stellen. Die Klimakreise zeigt: Die Erfahrung von Wolkenbrüchen und plötzlichen Sturzfluten kann auch uns treffen. Unwetter brechen so unverhofft wie ein Regenschauer an einem Sommertag ins Leben ein. Wie gut, wenn wir uns da an Jesus Christus, den Fels, wenden können, der einem Halt und Orientierung gibt. Und wer meint, alles selber zu können, baut auf Sand. Wer sich dagegen an Christi Wort hält, mag mehr Mühe haben, aber es bewährt sich langfristig. Auf diesem Fundament drohen keine Bauruinen, es entstehen keine Luftschlösser, sondern robuste und stabile Lebenshäuser!

So macht das Tun, das sich in der Liebe zu Gott und zum Nächsten bewährt, den Unterschied aus zwischen klug und töricht: „Werdet (…) Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst!“ (Jak 1,22), mahnt der Apostel Jakobus in seinem Brief. Messen Sie, liebe Weihekandidaten, Ihr diakonales Tun an dieser Weisung. Seien Sie klug! Ihnen ist nicht nur der Dienst am Wort, sondern in besonderer Weise die Caritas aufgetragen. In der Nachfolge Jesu sind Sie als Diakone gesandt gerade zu den Menschen „am Rande“, die unbeachtet oder gar verachtet sind: Von Ihnen, den Diakonen, jedoch sollen sie geachtet sein! Bleiben Sie nah bei den Leuten unabhängig von Herkunft, Kultur, Religion oder sexueller Orientierung. Das ist Aufgabe der Kirche, ihre Existenzberechtigung: Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts. Teilen Sie die Sorgen und Nöte der Menschen, ihre Träume und Wünsche wie auch ihre Hoffnungen und Freuden. Im Klartext heißt das: Es geht weniger um Rechtgläubigkeit, sondern um Glaubwürdigkeit. Leider ist die bei vielen derzeit verspielt. Helfen Sie mit, diese wiederzugewinnen – ich baue auf Sie, liebe Diaconandi! Ich komme zum dritten Stichwort:

„A“ wie Anbetung

Zu ihr hinüber spannt sich der Bogen von der Eucharistiefeier, in der die Diakone ihren liturgischen Dienst versehen. Es geht um die unmittelbare Begegnung mit unserem Herrn Jesus Christus, der in Gestalt des gewandelten Brotes gegenwärtig ist – sozusagen von der „communio“ zur „communicatio“! Sie macht bewusst: Wir verkünden kein Phantom, sondern ein reales Gegenüber, den Retter der Welt.

Vor der Weihe frage ich die Kandidaten, ob Sie bereit sind, „aus dem Geist der Innerlichkeit zu leben, Männer des Gebets zu werden?“ Kommunikation mit Gott im und durch das Gebet ist angesagt: Eine Beziehung will gepflegt sein, damit sie nicht verdorrt. Die Anbetung Gottes ist die Quelle für das Wirken des Diakons. Der Diakon muss in Gott daheim sein, um nach außen gehen zu können.

Als Ständige Diakone haftet Ihnen nämlich ein besonderes „Stigma“ an – nicht verstanden als Manko, sondern als große Chance: Einerseits gehören Sie durch die Weihe zum Klerikerstand, andererseits sind Sie durch Ehe und Familie sowie (Zivil-)Beruf „in und mit der Welt“ verbunden. So sind Sie nicht nur „Brückenbauer“ zwischen Gott und den Menschen im Allgemeinen, sondern auch zwischen „der“ Welt und der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche, im Speziellen.

Das Gebet, die Anbetung Gottes, bietet die Möglichkeit, ihm alles anzuvertrauen und an ihn das abzugeben, was mich überfordert. Das schafft Distanz und bringt Entlastung. Von ihm her weiß ich mich verstanden und getragen, vor ihm darf ich sein wie ich bin – mit allen meinen Anliegen, Schwächen und Bedürfnissen. Wer die Liebe Gottes zu den Menschen tragen will, muss diese Liebe in der Begegnung mit unserem menschenfreundlichen Gott in den Sakramenten, in seinem Wort, im Gebet immer wieder selbst erfahren und von ihr erfüllt sein. Nur so kann der Diakon authentisch und überzeugend der Mensch- und Christwerdung eines jeden Menschen dienen.

Liebe Weihekandidaten, ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie sich auf diesen Dienst einlassen wollen. Für die Kirche von Augsburg sind Sie eine große Bereicherung. Als ihr Bischof freue ich mich auf die Zusammenarbeit zum Aufbau des Reiches Gottes. Seien Sie sich der DNA eines Diakons stets bewusst! Danke auch den Familienangehörigen und Freunden der künftigen Diakone, wenn Sie Ihren Mann, Ihren Vater und Bruder, Ihren Kollegen und Freund in seiner neuen Aufgabe mittragen. Helfen Sie mit, dass er „auf dem Boden der Tatsachen bleibt“ und den Blick für die Mitmenschen behält.

Liebe Diaconandi, heben Sie niemals ab, bleiben Sie am Boden, auf den Sie sich jetzt gleich legen werden. Vertrauen wir alle in unserem Glauben, in unserem Dienst auf die Verheißungen Gottes und seine Führung. Denn: „Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ (Johann Georg Neumarkt, 1657; vgl. GL 424)