Maria vom Sieg hilft uns streiten
Lieber Herr Pfarrer Gugler, lieber Herbert, liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den auferstandenen Herrn, schon seit Ostern feiern Sie in dieser rundherum stilvoll sanierten Burgkirche wieder regelmäßig Eucharistie. Sie tauchen ein in die von vielen Jahrhunderten durchbetete Atmosphäre dieses Gotteshauses.
Ich danke allen, die mit finanzieller Unterstützung, mit viel Geduld und unentgeltlichen Arbeitsstunden die achtjährige Generalsanierung begleitet haben. Damit haben Sie diese uralte Kirche wieder zu einem kulturellen Schmuckstück gemacht, ja mehr noch zu einem Statement für Ihren Glauben an den Gott Jesu Christi. Ein herzliches Vergelt’s Gott dafür!
Seit mehr als 800 Jahren erzählt uns die Burgkirche, die lange auch Wallfahrtskirche war, vom Leben der Gottesmutter, der sie geweiht ist. In erster Linie aber ist sie ein unübersehbares Erinnerungszeichen an Leiden und Tod Jesu Christi, an die Erlösung des Menschen durch den menschgewordenen Gottessohn. Nicht zufällig ist der Seitenaltar hier rechts (vom Ambo ausgesehen) ganz der Marienklage gewidmet. Ich stelle mir vor, dass unzählige Menschen in ihren persönlichen Schwierigkeiten und Problemen der trauenden Muttergottes ihr Herz ausgeschüttet haben.
Gerade in existentieller Not ist es so wichtig zu wissen, zu wem man kommen kann, wer ein offenes Ohr hat für die Sorgen, die einen quälen. Wir sind aufeinander angewiesen und jeder von uns braucht mindestens einen anderen, zu dem er volles Vertrauen hat. Das spüren schon die ganz Kleinen, denn in der Familie werden die Grundlagen gelegt: für das Selbstwertgefühl ebenso wie das Sich-Öffnen-Können für andere Menschen.
Aus dem Buch Jesaja hörten wir vorhin die Aufforderung: „Sucht den Herrn, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!“ Wer sollte den Menschen besser verstehen als der, der ihn ausgedacht hat. Von ihm schreibt Psalm 139: „Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. (…) Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen.“ (Ps 139, 13.16)? So ist Jesajas Einladung zur Zeit der Verbannung eine Aufforderung an uns: Gott suchen zu gehen. Gehen wir auf Spurensuche nach dem personalen Gott, dem Ursprung des Lebens. Als Christinnen und Christen dürfen wir in IHM den liebenden Vater erkennen, den uns Jesus Christus durch sein Leben und Sterben, durch Tod und Auferstehung verkündet hat.
Ist uns diese Suche, die Ausrichtung nach Gott wirklich ein Herzensanliegen? Brauchen wir ihn so, dass wir uns täglich seine Gegenwart bewusstmachen, weil sie uns stärkt: am Morgen, ehe uns der Tag mit seiner Hektik einholt, am Mittag, wenn wir uns zum Essen hinsetzen, und am Abend, bevor wir uns von den Mühen des Tages erholen?
Kinder zeigen uns, dass „Suchen“ auch Spaß machen kann: Noch heute bieten der Zoo und verschiedene Museen am Ostermontag als Attraktion die Eiersuche an, weil sie wissen, dass sie damit die Kinder auf ihrer Seite haben. Auch Sie haben ja an Ostern rund um die Kirche erlebt, mit welcher Freude Kinder und Jugendliche zum Eichersuchen ausschwärmen! Denken wir aber auch an manch junge Erwachsene, die nach der Partnerin bzw. dem Partner fürs Leben suchen und dabei oft viele Stunden auf digitalen Plattformen zur Partnervermittlung verbringen - in der Hoffnung, dass die Werte und Interessen eines anderen Menschen mit den ihren übereinstimmen.
Wir wissen: Freundschaften, tragfähige Beziehungen ergeben sich nicht von selbst, sie brauchen viel Zeit und Pflege, um einmal das „größte Glück auf Erden“ zu werden! Zugleich erleben wir schmerzlich, dass Ehen, Partnerschaften und Freundschaften kaputtgehen, Geschwister leben sich auseinander und brechen den Kontakt ab, Eltern und Kinder entfremden sich – oft geschieht das schleichend und fast unbemerkt, man trifft sich halt nicht mehr, weil man nicht mehr „auf einer Wellenlänge“ ist oder es nie wirklich war – und immer bleibt jemand auf der Strecke, der sehr darunter leidet…
Und dennoch: die Sehnsucht nach Beziehung bleibt. Man kann sie verdrängen, aber ausrotten lässt sie sich nicht. Der Soziologe Hartmut Rosa bescheinigt dem Menschen eine angeborene „Anrufbarkeit“ und spricht von der uns innewohnenden Sehnsucht nach Resonanz. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“ (Gen 2,18), so heißt es schon in der Bibel. Aber wir alle kennen Situationen, in denen Menschen bei allem guten Willen nicht wirklich helfen können. Da tut es gut, zur Muttergottes, zu den Namenspatronen und immer zu Christus seine Zuflucht zu nehmen. „Mir fehlt nichts“ antworten demgegenüber heute viele Menschen, wenn sie auf ihre Religionslosigkeit angesprochen werden. Ich hoffe, diese Zeitgenossen haben wenigstens vertraute Menschen, bei denen sie sich beheimatet wissen!
Unsere Erfahrung lehrt jedoch, dass wir selbst unsere Liebsten überfordern, wenn wir unser ganzes Glück von ihnen erwarten. Die Rollen innerhalb einer Beziehung können sich schnell verschieben; Geben und Nehmen geraten aus dem Gleichgewicht. Mit Schieflagen aber lebt es sich schwer; manchmal ist es noch schwerer, sich rechtzeitig Unterstützung zu suchen, um eine wertvolle Beziehung zu retten.
In der ersten Hälfte seines Lebens war auch der spätere Apostel Paulus ein Mensch, der zu wissen meinte, was gut und böse ist, und gar vor Mord nicht zurückschreckte – bis zu dem Moment, als Gott in sein Leben einbricht und es buchstäblich auf den Kopf stellt: „Saul, Saul, warum verfolgst Du mich?“ (Apg 9,4) Diese Frage trifft den selbstgewissen Eiferer mitten ins Herz; sie macht ihm klar, dass er sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen und damit „Gott gespielt“ hat.
Welch eine Umwälzung muss in diesem Mann vorgegangen sein, dass er fortan das entbehrungsreiche Leben eines Botschafters des Evangeliums führt und, wie wir im Philipperbrief hörten, aus voller Überzeugung sagen kann: „Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn“ (Phil 1,21)! Dieser Überzeugung bleibt er treu bis zum Märtyrertod unter dem Schwert. Glauben und Vertrauen, obwohl es das Leben kostet – Glauben und Vertrauen, obwohl es das Liebste, den eigenen Sohn, kostet – Paulus und Maria, sie machen es uns vor!
Nicht verzweifeln, sondern hoffen wider alle Hoffnung (Röm 4,18) auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, der „groß im Verzeihen“ (Jes 55,7) ist; nicht zu verbittern oder gar zu Rache und Selbstjustiz zu greifen, das ist nur möglich in der Verbindung mit dem göttlichen Ursprung und im Blick auf die Erlösungstat Jesu Christi. Eine solche Haltung verlangt uns, das müssen wir ehrlich zugestehen, sehr, sehr viel ab. Denn das „Wie Du mir, so ich Dir“ liegt uns doch viel näher, es ist immer unser erster Impuls, und gegen diesen mächtigen Reflex anzukämpfen kostet enorm viel Kraft.
Das heutige Evangelium thematisiert eine vergleichbare Situation: Die Arbeiter der ersten Stunde fühlen sich benachteiligt. Nach einem langen, mühsamen Arbeitstag in sommerlicher Hitze geraten sie in Rage, als sie die unbegreifliche Großzügigkeit des Gutsbesitzers erkennen. Ich spreche vielleicht nicht nur von mir, wenn ich bekenne: Ich kann sie so gut verstehen! Und immer wieder aufs Neue ist die Antwort des Gutsherrn ein Stachel, eine schmerzhafte Anfrage an meine Fähigkeit, anderen etwas zu gönnen, mich neidlos mitzufreuen: Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ (Mt 20,15). Wie oft erliegen wir der Versuchung, Gott auf unsere menschliche Ebene herunterzuziehen, ihn so klein zu machen, dass er unseren beschränkten Vorstellungen entspricht – mit einem Wort: dass er so wird, wie wir sind.
Jesus wusste sehr gut um diese Versuchung des Menschen; gewiss hat auch er immer wieder an das Wort aus dem Buch Jesaja erinnert: „Meine Gedanken sind nicht Eure Gedanken und Eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn“ (Jes 55,8). Alle, die sich auf Gott als ihrem Schöpfer, auf Jesus als unseren Bruder und Freund und auf den Heiligen Geist als Initiator unserer Worte und Taten einlassen, werden wie Maria erfahren, dass menschliche Urteile und Maßstäbe nicht reichen, ja sogar völlig falsch sein können, wenn es darum geht, so zu leben, wie es dem Willen Gottes entspricht.
So schließt sich unser Kreis: Diese Burg- und Sühnekirche [ursprünglich erbaut zur Sühne für den Königsmord zu Bamberg“ 1209] trägt seit Beginn des 15. Jahrhunderts das Patrozinium „Maria vom Sieg“: Entscheidend ist dabei nicht der Sieg, wie ihn menschliche Gegner übereinander erringen können, sondern der Sieg von Glaube, Hoffnung und Liebe über die feindlichen und zerstörerischen Regungen des Herzens. Maria vom Sieg hilft uns streiten in unseren geistigen und geistlichen Kämpfen!
Daher lade ich Sie ein: Denken Sie am Patrozinium, dem 7. Oktober, und beim Beten des Rosenkranzes daran, dass wir eingeladen sind, uns am Leben der Muttergottes zu orientieren, die selbst im größten Leid nicht irrewurde, auf den verzeihenden und barmherzigen Gott zu vertrauen. Er spricht zu uns durch sein Wort und er nährt uns durch seinen Leib und sein Blut – dieses Geheimnis unseres Glaubens feiern wir heute auch durch die Segnung von Ambo und Altar. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“