„Eine Oase im umtriebigen Alltag“
Geburtstage sind ein Anlass für Gratulationen und Glückwünsche. So dürfen wir heute Maria gratulieren, die unter dem Kreuz ihres Sohnes auch unsere Mutter wurde. Nur zwei Heiligen wird die Ehre zuteil, dass die Kirche liturgisch ihren Geburtstag bedenkt. Neben Maria ist das noch Johannes der Täufer.
Ansonsten feiert die Kirche die Heiligen an deren Todestag, dem „dies natalis“, ihrem Geburtstag für den Himmel. Einen genauen Zeitpunkt für die Geburt Mariens kennen wir nicht. Weil aber Gott Maria erwählt hat, die Mutter Jesu zu werden, schauen wir heute auf ihre Geburt: Das Licht ihrer Geburt erleuchtet in adventlicher Erwartung das nächtliche Firmament. Als „stella matutina“, als „Morgenstern“ geht sie unserem Erlöser Jesus Christus, der „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20 bzw. Lk 1,78), voraus. So lässt uns, wie Papst Franziskus es ausgedrückt hat, die Geburt Mariens „die liebevolle, zärtliche, erbarmende Initiative der Liebe erahnen, mit der Gott sich bis zu uns herabneigt und uns zu einem wunderbaren Bund mit ihm ruft, den nichts und niemand zerstören können wird.“[1]
In Maria erfüllte sich die alttestamentliche Verheißung des Propheten Micha, die wir eben in der Lesung hörten. Durch ihn kündigt Gott seinem Volk einen neuen Herrscher an, der aus dem kleinen Bethlehem hervorgehen wird; unter ihm als Hirten werden die Völker in Sicherheit und Friede leben. Es scheint, als deute sich hier schon das Handeln Gottes an, das fern aller menschlichen Konventionen und Erwartungen liegt, das alle gängigen Muster und Vorstellungen sprengt: Gott erwählt das Schwache und Kleine in der Welt, um die Klugen zu beschämen und die Starken zu demütigen (vgl. 1 Kor 1,27).
Darin steckt für uns eine wunderbare und beglückende Botschaft! Ist es doch die Ermutigung, uns unserer Schwächen nicht schämen zu müssen. Verachten wir uns nicht oder schätzen uns gar gering – gerade im Vergleich mit anderen, weil vermeintlich die andere „schöner“ ist oder der andere etwas besser kann. Nehmen wir uns an, wie wir sind – mit unseren Talenten und Fähigkeiten, aber auch mit unseren Schwächen und Fehlern. In dieser Haltung uns selbst gegenüber zeigt sich auch das Verhältnis zu den Mitmenschen! Ich ermuntere Sie: Üben Sie sich in Ihrem Alltag darin ein und achten Sie darauf, „die Andere“ oder „den Fremden“ nicht schief anzuschauen, sondern als wertvolles Mitgeschöpf Gottes zu sehen!
Durch das Ja Mariens und den Mut Josefs, zu seiner schwangeren Verlobten zu stehen, wie uns das Evangelium eindrücklich darlegt, wird der Weg gebahnt, dass Gott in Jesus Christus beim Menschen ankommen kann. So können wir von den beiden lernen, offen zu sein für Gottes Winke, seinen Weisungen zu trauen und auf seine Zusagen zu bauen. Sie zeigen uns, dass Gott oft unvermutet und überraschend ins Leben einbricht und zu Wort kommt. Hören wir wie die beiden „mit dem Ohr des Herzens“, um mit Gott ins Gespräch zu kommen, ihm unsere Fragen zu stellen und ihm unsere Ängste und Sorgen anzuvertrauen. Achten wir auf die „Boten Gottes“ in unserem Leben! Oft erkennen wir das erst im Rückspiegel. Maria und Josef ließen sich auf das ein, was Gott mit ihnen vorhatte und trauten seiner Führung. Gottes Führung wurde für sie zur Fügung. Der Mensch wird geführt. Vertraue ich darauf?
Orte wie die Wallfahrtskirche Maria Alber sind wie ein Kompass. Sie schenken Orientierung. Hier gibt Maria die Richtung an. Dieses völlig verkannte Kleinod erstrahlt nach der umfassend erfolgten Renovierung nun wieder in neuem Glanz. Heute am Patrozinium dürfen wir mit Freude seine Wiedereröffnung feiern. Ein herzliches „Vergelt‘s Gott!“ allen, die an der Renovierung mitgewirkt haben. Vielen Dank für alle organisatorischen Mühen, jedweden körperlichen Einsatz sowie für alle finanzielle Unterstützung. Hier ist zu spüren: Die Kapelle ist Ihnen als Gläubige der Pfarreiengemeinschaft Augsburg-Hochzoll wichtig. Dieser heilige Ort: eine Oase mitten im umtriebigen Alltag und für so manch durchreisenden Gast eine geistlich-seelische Raststation auf seiner irdischen Pilgerfahrt.
Die Bezeichnung Kapelle leitet sich ja vom lateinischen Wort für Mantel, „cappa“, ab. Damit wurde ursprünglich der Aufbewahrungsort in Paris bezeichnet, an dem ab dem 7. Jahrhundert die Mantelhälfte des heiligen Martin von Tours als Reichsreliquie von den Merowingern verehrt wurde. Somit ist jede und jeder Betende hier in dieser Kapelle in besonderer Weise eingehüllt in den Schutz Mariens. Ihr dürfen wir alle unsere Sorgen und Nöte, was uns bewegt und belastet als Fürsprecherin bei ihrem Sohne anempfehlen. Unter dem Mantel Mariens sind wir geborgen und dürfen uns gut aufgehoben wissen. Mit Maria ehren wir eine, die ganz nahe bei uns und zugleich ganz und gar bei Gott ist. Vergessen wir aber auch nicht, mit ihr auch unsere Freuden und unseren Dank zu teilen…
Das Kirchlein „Maria Alber“ kennen die Allermeisten leider nur vom Vorbeifahren auf ihrem Weg hinein nach Augsburg bzw. hinauf in die Innenstadt von Friedberg. Ihre äußere Form und Gestaltung – mit dem ursprünglichen Zentralbau und der 1717 angebauten Vorhalle – sticht ins Auge. Markant thront als Besonderheit der Kapelle auf ihrer Spitze eine für unsere Region eher seltene „Laternenkuppel“, durch die das Licht hineinfällt und im Dunkel der Nacht herausleuchtet.
So ist für mich die Wallfahrtskapelle ein wahres „Glaubensmahnmal“, ein Sinnbild für unsere Zeit. Es scheint, als wolle sie den mit lautem Geräusch vorbeirasenden Autofahrern sagen: Schaut her, das wahre Ziel Eures Weges ist nicht hier; es ist im Himmel. Haltet inne! An einem Ort der Einkehr wie diesem dürft ihr euch niederlassen und seelisch ausspannen, eure Sorgen zurücklassen und neue Kraft tanken. Die Kirche will euch wie eine Laterne Licht und Orientierung sein.
Mir ist bewusst, dass in den letzten Jahren viel an Vertrauen verspielt wurde. Umso wichtiger ist der Auftrag der Kirche heute: Sie soll die Frohe Botschaft von Jesus Christus anbieten. Seien wir als Kirche nah bei den Menschen; ihre Türen stehen allen offen, die eintreten wollen. Die Kirche ist kein exklusiver Club. Sie ist der Ort, wie Papst Franziskus mit Blick auf die Pfarreien anmerkt, an „dem man sich in der Nachfolge Christi trifft, kennenlernt, gegenseitig bereichert“, und zwar mit den Unterschieden: „verschiedene Generationen, verschiedene kulturelle und soziale Gegebenheiten, und jeder hat etwas Einzigartiges zu geben und zu nehmen.“ Eben das sei Kirche, so Franziskus: ein Körper aus vielen Gliedern, „alle im Dienst aneinander und alle beseelt von derselben Liebe“, der Liebe Christi. Völlig Offenheit, die „Augen voller Zuneigung und Bereitschaft zur Begegnung“ kennzeichnet die pastorale Arbeit der Kirche.[2] So ist jede und jeder Getaufte dazu gerufen, Verkünder des Glaubens zu sein. Seien Sie, liebe Wallfahrer aus nah und fern, hell leuchtende „Laternen Jesu Christi“ in ihrem Umfeld, für ihre Nächsten!
Ein Letztes will ich mit Blick auf die Entstehungsgeschichte und die Örtlichkeit dieser Wallfahrtskirche anschließen, obgleich Ihnen diese wohl besser bekannt sein dürfte als mir. Im scheinbaren „Niemandsland“ zwischen den Stadtgrenzen von Augsburg und Friedberg gelegen, gehört Maria Alber bereits zu Friedberg und damit historisch besehen zu Altbayern. Ihre Entstehung hat ja genau mit jener Grenze zwischen Bayern und Schwaben zu tun, an der sich rechts des Lechs rund einen Kilometer weiter östlich eine bayerische Zollstation befand.
In den nahen Baumstamm einer Silberpappel stellte der kurfürstlich-bayerische Hochzollner Arnold Schwenk im Sommer 1686 ein Marienbild nach dem Vorbild der Altöttinger Madonna auf. Von ihrer botanischen Bezeichnung „Populus alba“ (= Silberpappel) leitet sich der Name des Kirchleins „Maria Alber“ ab. Der rege Zulauf an Gläubigen und viele Gebetserhörungen führten bald schon zum Bau einer ersten hölzernen Kapelle; dann folgte die Errichtung einer steinernen Kapelle in Form eines Zentralbaus nach dem Vorbild der Gnadenkapelle in Altötting. Maria Alber kann somit zu Recht als „Grenzkirche“ gesehen werden.
Die Geographie schlägt die Brücke zur Theologie: Gott ist derjenige, der alle Grenzen überwindet: In Jesus Christus hat er sich ent-grenzt. Seine Liebe kennt keine Grenzen und gilt allen Menschen. Durch Kreuz und Auferstehung hat er die Begrenzung des Todes überwunden. So erfahren wir in jeder Eucharistiefeier, wie die Grenze zwischen Himmel und Erde durchbrochen wird, sogar verschmilzt.
Allgemein betrachtet, ist das mit den Grenzen und Grenzziehungen ja eine sehr ambivalente Sache. Auf der einen Seite können klare Eingrenzungen Halt und Sicherheit geben, auf der anderen Seite besteht schnell die Gefahr der Abgrenzung und gar der Ausgrenzung. Zudem kann die Grenzenlosigkeit, mit der eine vermeintlich unbegrenzte Freiheit assoziiert wird, auch einen extremen Zustand darstellen. Manche Sachverhalte haben ihre Grenzen, woanders müssen Grenzen gezogen werden, anderswo gilt es Grenzen einzureißen. Zugleich verbindet sich damit die Frage, wer die Grenzziehung vorgenommen hat. Handelt es sich um eine staatliche, natürliche oder gar willkürlich gesetzte Grenze? Darüber hinaus gibt es ja auch Grenzen, die ich mir selbst auferlege und an denen ich mich – im positiven wie auch negativen Sinne – womöglich abarbeite…
Je nach Handlungsfeldern und Fragestelllungen sind „die Grenzen“ verschieden zu ziehen und zu bewerten. Für uns als Christen ist dabei der Orientierungspunkt klar und maßgebend: Gott ist derjenige, der uns die Grenzen für unser Handeln vorgibt. Ich denke da in besonderer Weise an die Diskussionen um den Wert des menschlichen Lebens am Anfang und Ende, die rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) oder den Umgang mit den Millionen von Menschen weltweit auf der Flucht…
Das heißt auch: Manches, was etwa im technischen Bereich möglich ist, bedarf der Selbstbegrenzung durch den Menschen. Die Erfahrung lehrt: Menschliche Grenzen verwischen und verändern sich; die damit verbundenen Werte und Überzeugungen werden schnell mal „über Bord geworfen“, wenn sich die politische Großwetterlage ändert. Wir Christen haben jedoch die Gewissheit: Gott bleibt als „Grenzerfahrung“ bestehen! Er will uns nicht fesseln oder einsperren, er setzt uns Grenzen, damit wir frei werden.
Liebe Schwestern und Brüder, in Maria haben wir eine sichere Gefährtin, die ihren freud- wie leidvollen Weg mit Gott gegangen ist. Ihr dürfen wir uns als gute und treue Freundin ganz und gar anvertrauen. Sie hilft uns, den eigenen Glaubensweg zu bedenken und immer tiefer zu erfassen – der uns über Maria einmal hinführt zu ihrem Sohn Jesus Christus, dem „Immanuel“, dem „Gott-mit-uns“ (vgl. Mt 1,23).
[1] Papst Franziskus: Predigt in der Eucharistiefeier am 8. September 2017 im Rahmen seiner Apostolischen Reisen nach Kolumbien.
[2] Papst Franziskus: Ansprache an die Gläubigen der Pfarreien von Rho (Mailand) am 25. März 2023 (vgl. www.vaticannews.va )