Stets zum Verzeihen bereit
Liebe Ehejubilare, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den auferstandenen Herrn, vermutlich sind Sie in den letzten Jahren oft gefragt worden: Wie schafft man es, so lange zusammen zu bleiben? Was ist denn das Geheimnis eurer Beziehung?
Und vielleicht hörten Sie auch die etwas kritische Anfrage: Ist Euch nicht langweilig? Ihr müsst Euch doch schon in- und auswendig kennen… Hinter solchen Fragen steht nicht nur ungläubiges Staunen, sondern meist sehr viel konkrete Sehnsucht, vielleicht sogar ein wenig Neid, weil Ihnen gelungen ist, wonach sich im tiefsten Herzen jede und jeder von uns sehnt: nach einer sich über Zeit und Raum verändernden Beziehung, die trotz unausweichlicher beruflicher und familiärer Schwierigkeiten, ja herber Leiderfahrungen, in Treue und Zugewandtheit lebendig bleibt.
Es ist völlig richtig: So eine Beziehung ist ein Geheimnis, das man nicht analysieren und ergründen kann – vor allem dann nicht, wenn es sich, wie in Ihrem Fall, liebe Ehejubilare, um eine Beziehung handelt, in der der Urgrund der Liebe, unser aller Schöpfer, als ein Dritter im Bunde wirksam ist und Raum für sein Wirken bekommt!
Auch die Lesungstexte für den Festgottesdienst können nur eine Annäherung an das Beziehungsgeheimnis sein. Doch werfen sie ein Schlaglicht auf wichtige Aspekte, die zu beherzigen für uns alle hilfreich ist. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Aussagen aus dem Epheserbrief: „Legt den alten Menschen ab…und lasst euch erneuern durch den Geist. Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Redet die Wahrheit…Wenn ihr zürnt, sündigt nicht. Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.“
Ist das nicht ein echtes Lebensprogramm? Hier fallen zentrale Stichworte, die gutes menschliches Miteinander erst möglich machen: Gerechtigkeit, Wahrheit, Erneuerung und Versöhnung bzw. das Bitten um Verzeihung, wenn „der Gaul mit einem durchgegangen ist“. Dazu darf ich Ihnen ein kleines Ritual aus meinem Elternhaus schildern, das uns Kinder immer sehr beeindruckt hat: Wenn es bei den Eltern Meinungsverschiedenheiten oder auch einen ausgewachsenen Streit gegeben hatte und wir beim Abendessen zusammensaßen, geschah es, dass entweder der Papa oder die Mama den Salzstreuer vom jeweils andern erbat, und sie sich beim Herüberreichen fest und versöhnlich in die Augen sahen. Gemeinsames Essen ohne Versöhnung, das wussten wir in der Familie alle, ist ein Unding! Denn trotziges, beleidigtes Schweigen ist sprechend und es schlägt auf den Magen; man kann daran sogar krank werden!
„Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen“ – dieser Rat des Apostels gilt für uns alle. Bemühen wir uns, nach Beruf und der Hitze des Tages am Abend um einen Moment der Besinnung, hören wir „mit dem Ohr des Herzens“ in uns hinein, um zu spüren: Wodurch fühle ich mich selbst verletzt oder wo bin ich einem anderen in der Auseinandersetzung auf die Zehen gestiegen und habe ihm/ihr weh getan?
Auch wenn es Überwindung kostet, jemanden um Verzeihung zu bitten – dieser Kraftaufwand ist gut investiert und vor allem: er dient der Gesunderhaltung, der Festigung der Beziehungen zu Menschen, die uns wichtig sind. „Bitte, Danke und Entschuldigung“ – das sind nach Papst Franziskus „drei Schlüsselworte“ und in seiner Enzyklika Amoris laetitia (2016) fügt er erläuternd hinzu: „Wenn man in einer Familie nicht aufdringlich ist und „darf ich?“ fragt, wenn man in einer Familie nicht egoistisch ist und lernt, „danke!“ zu sagen, und wenn in einer Familie einer merkt, dass er etwas Hässliches getan hat, und es versteht, „entschuldige!“ zu sagen, dann herrschen in jener Familie Frieden und Freude. Seien wir nicht kleinlich mit dem Gebrauch dieser Worte, seien wir großzügig, sie Tag für Tag zu wiederholen“ (AL Nr. 133).
Die Ehe zwischen Mann und Frau ist auf die Frucht der gegenseitigen Liebe, auf Kinder hin angelegt. Doch auch dann, wenn - aus welchen Gründen auch immer - ein Liebesbund ohne Kinder bleibt, ist er auf keinen Fall weniger wert. In diesem Punkt hat sich die Kirche leider versündigt. Diese Ermutigung wurde in der Vergangenheit von Vertretern der Kirche nicht immer deutlich genug herausgestellt und hat, das ist mir bewusst, viel Leid und Unsicherheit verursacht. Dabei ist Liebe an sich immer fruchtbar, ganz gleich, ob es sich um Liebe in der Ehe, in der Freundschaft, in der persönlichen Berufung zu einem gottgeweihten Leben im Priester- und Ordensstand oder einem kirchlichen Beruf und im caritativen Einsatz für die Mitmenschen handelt.
Von Simeon und Hannah, den in der treuen Ausrichtung auf den lebendigen Gott alt gewordenen Menschen, lesen wir im Evangelium nur wenig über ihren Familienstand – denn der Schwerpunkt ihrer Bedeutung für uns liegt auf ihrer unstillbaren Sehnsucht nach dem Heil, das von Gott kommt.
Beide warten, wie es heißt, „auf den Trost Israels“ (Lk 2,25). Sie waren sich der letzten Verwiesenheit des Menschen auf Gott bewusst, die der Dichter Paul Claudel in seinem geistlichen Schauspiel „Der seidene Schuh“, auf den Punkt brachte: „Füllen kann nur Gott“! Das heißt: kein Mensch ist des anderen Himmelreich, auch wenn es in der Zeit der ersten Verliebtheit und aller Euphorie so erscheinen mag! Ja, es ist sogar eine absolute Überforderung, wenn ein Mensch im anderen seine ganze Glückseligkeit sucht. Kein Mensch kann solchen überzogenen Anforderungen genügen, und wo ein Liebespaar auf diesen Irrweg gerät, haben sie sicher bald „genug“ voneinander.
Simeon und Hanna leben uns vor, was die tiefere Bestimmung jedes Menschen ist, sie strecken sich aus nach dem EWIGEN. Ihnen ist bewusst, dass alle Entscheidungen in dieser Welt den Stempel der Vorläufigkeit tragen. Ganz so antwortet der erwachsene Jesus denen, die ihm eine Falle stellen wollen, indem sie den fiktiven Fall einer Frau schildern, die nacheinander mit sieben Männern verheiratet wurde (NB: welch schaurige Vorstellung nach heutigem Verständnis!), und die Gelehrten fragen: „Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt“, - Jesus antwortet ruhig und bestimmt: „Ihr irrt euch, ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes. Wenn nämlich die Menschen von den Toten auferstehen, heiraten sie nicht, noch lassen sie sich heiraten, sondern sind wie Engel im Himmel. Dass aber die Toten auferstehen, habt ihr das nicht im Buch des Mose gelesen, in der Geschichte vom Dornbusch, in der Gott zu Mose spricht: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Er ist kein Gott von Toten, sondern von Lebenden.“ (Mk 12,23ff). - Dies ist ein Hinweis für uns, nicht die Verhältnisse dieser Welt leichtfertig auf die Ewigkeit zu übertragen!
Den beiden treuen Betenden im Tempel war vergönnt, was auch uns verheißen ist. Simeon bringt es zum Ausdruck in seinem Lobpreis „Nunc dimittis“, der in die Komplet, das Nachtgebet der Kirche, eingegangen ist: „Meine Augen haben das Heil gesehen, das Du, Gott, vor allen Völkern bereitet hast“ (Lk 2,30).[1] Ich lade Sie ein, dieses wunderbare Gebet hin und wieder gemeinsam zu sprechen. Denn ich bin überzeugt, wer am Abend so beten kann, der lässt die Sonne über seinem Zorn nicht untergehen, sondern kann Gott und seiner Lebenspartnerin, seinem Lebenspartner, seinen Eltern, Kindern und Freunden aus ganzem Herzen danken für alle Treue und Fürsorge, für die Langmut der Liebe und das Verzeihen aller Unzulänglichkeiten.
Halten wir in uns die Sehnsucht wach nach dem, was über diese Welt hinausweist, nach der Liebe, die unser Herz ganz erfüllt. Bleiben wir liebende und hoffende, denn nur so werden wir zu glaubenden, zu glaub-würdigen Menschen, die auch für Kinder und Enkel noch Vorbild und Wegweiser sein können.
[1] Vgl. Gotteslob Nr. 665.