Predigt zur Männerwallfahrt in der Ulrichswoche 2016 (05.07.2016) von Domdekan Prälat Dr. Bertram Meier

Glaube braucht Bekenntis

07.07.2016 16:12

Fürchtet euch nicht!

Dreimal spricht Jesus so zu seinen Jüngern. Wem tut eine solche Aufmunterung nicht gut, wenn er sie nicht nur an die Jünger von damals, sondern ganz persönlich an sich gerichtet hören darf!

Fürchte dich nicht! Besonders wird ein solcher Satz den anrühren, der etwas Besonderes fürchtet oder überhaupt mit Lebensangst zu kämpfen hat. Fürchte dich nicht! Dieses Wort kann Balsam sein für eine verängstigte, aufgeschreckte und furchtsame Seele.

Ob diese Ermutigung nicht gerade uns Christen heute gesagt ist? Verfolgungen sind wir, Gott sei Dank, in unseren Breiten nicht ausgesetzt. Wir können und dürfen unseren Glauben leben, ungefährdet und ungeniert, noch…! Bei offiziellen Anlässen ist hier zu Lande das Wort der Kirchen stets willkommen. In vielerlei Weise gehört der Segen mit Grußwort der Kirchenvertreter bei unseren Festlichkeiten dazu. Ist es mehr als schmückendes Beiwerk?

Fürchtet euch nicht! Dieses Thema ist auch bei uns aktuell.

Furcht – wenn ich mich am Arbeitsplatz ständig so bedeckt halte, dass ich mit meiner Glaubensüberzeugung ja bei niemandem anecke.

Furcht – wenn ich im Gespräch mit Freunden und Kollegen meinen christlichen Standpunkt nicht einbringe und offen lasse, um es mir mit keinem zu verderben. Aber aufgepasst: Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht mehr ganz dicht!

Furcht – wenn ich in der Familie um des lieben Friedens willen den Besuch des Gottesdienstes und das Engagement in karitativen Anliegen ganz unterlasse.

Furcht – wenn ich in der Pfarrgemeinde, in der Ordensgemeinschaft keine Courage habe, um Jesu willen für die einzutreten, die keinen guten Namen haben, und gegen den Strom zu schwimmen, nur weil ein paar Meinungsführer(innen) schon einen anderen Kurs ausgegeben haben.

Also doch: Wir sind ertappt. Unser Verhalten ist nicht angstfrei; manche Masche, mit der wir unser Lebensmuster stricken, ist besetzt von Furcht.

Gerade in der jüngsten Vergangenheit wird uns das hautnah bewusst. Die Terroranschläge von Paris und Brüssel haben die ganze Welt betroffen gemacht, gleichzeitig schleicht die Furcht herum. Eigentlich ist es die Neuauflage einer Diskussion, nur unter verschärften Bedingungen. Als der ehemalige Bundespräsident Wulff seinerzeit davon sprach, dass der Islam zu Deutschland gehöre, hatte es zuvor weder ein islamistisches Blutbad in europäischen Metropolen gegeben noch existierte eine Pegida-Bewegung. Auch die Bundeskanzlerin hat behauptet, der Islam gehöre zu Deutschland. Das sorgt für Kontroversen – verständlich. Ganz offensichtlich leben Muslime in Deutschland und haben daher einen Platz in der Gesellschaft: Ob Dönermann, Fußballnationalspieler oder Unfallchirurg: Unverkennbar sind Muslime Teil unseres Landes. Falsch wird diese Feststellung allerdings dann, wenn daraus eine Wertung wird, die Christentum, Judentum und Islam in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft für weitgehend unterschiedslos erklärt. Denn der Islam gehört nicht zur kulturellen Identität Europas. Er ist nicht Teil jenes geistig-kulturellen Erbes, das Europa bis heute prägt, auch wenn uns die Selbstvergessenheit des Kontinents inzwischen arge Sorgen machen muss. Beides muss man sehen: die Lebenswirklichkeit und das kulturelle Wurzelwerk. Zur Wirklichkeit gehört die Mehrzahl friedliebender Muslime, die in Deutschland leben und die selbst Opfer der Barbarei von Islamisten sind oder zu werden drohen. Zur Wirklichkeit der islamischen Welt gehören aber auch Todesstrafen für Konvertiten, Missachtung der Würde der Frau, Terrorzellen in Europa und Gräueltaten gegen Christen, z.B. in Nigeria, Pakistan, Syrien oder dem Irak. Dass da Angst aufkommen kann, ist verständlich.

Fürchtet euch nicht! Damit hat Jesus auch uns im Auge: Verkriech dich nicht in deiner Angst! Lass dir den Schneid nicht abkaufen! Wenn du zu meinen Jüngern gehören willst, dann darf sich das nicht nur abspielen in der Sakristei, in deiner guten Stube, in der Kammer deines Herzens. Es geht also darum, dass sich der Glaube nach außen klappt, dass wir ihm unser Gesicht geben, Hand und Fuß.

Die Angst, die uns als Christen umtreibt, ist auch Folge eines massiven Glaubensschwundes. Manchmal frage ich mich: Warum sollten Christen in Europa den Islam fürchten, wäre ihr Glaube lebendiger? Eine echte Stärkung der eigenen Identität erfolgt nicht durch Ablehnung des anderen und Fremden, sondern durch Vertiefung und Verlebendigung des Eigenen. Wie Recht doch Peter Scholl-Latour hatte mit seiner These: „Ich fürchte weniger die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Christentums.“

Fürchtet euch nicht! Dieses Wort bekommt Ernst und Tiefe, wenn wir es in den Zusammenhang stellen, in den es Jesus gesprochen hat. Er hat erfahren, dass die Kunde vom Reich Gottes nicht nur Applaus hervorruft. Es gibt auch Widerstand und Protest. Des Evangeliums wegen ist Jesus nicht nur aufs Kreuz gelegt worden, auf sein Wort hin wurde er dort sogar festgenagelt. Bis heute werden in vielen Teilen der Erde Jesu Jünger belächelt und veräppelt, benachteiligt, bedroht und verfolgt, gefoltert und ermordet. Da kann es einem angst und bang werden. Messerscharf ist die Analyse, die Roland Freisler, der Vorsitzende des Volksgerichtshofes, vor dem angeklagten Alfred Delp SJ herausbrüllte: „Was Sie und uns verbindet, das ist, dass wir beide den ganzen Menschen wollen.“ Der brutale Jurist Freisler, vom ehemaligen Kommunisten zum fanatischen Nazi mutiert, hat damit sogar Recht. Jesus Christus will nicht nur einen Teil von uns, er will den ganzen Menschen. Es gibt Ideologien, die das nicht ertragen können. Sie wollen jeden und alles total bestimmen: Totalitarismus in vielen Facetten. Jesus hält entgegen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele ins Verderben stürzen kann.“

Wir dürfen unsere Seele nicht verlieren. Oft reden wir von der Seele. Wenn wir uns etwas von der Seele reden können, fühlen wir uns erleichtert. Wir fordern, dass der Sonntag eine Seele und die Seele den Sonntag brauche. Die Architekten für das Haus Europa erinnern daran, dass unser Kontinent eine Seele benötige, um am Leben zu bleiben und auszustrahlen. Menschen, die der Gemeinschaft eine Seele geben, sind Gold wert. Gerade die Kirche darf ihr Seelenleben nicht vergessen. Sonst wird sie ein seelenloser Apparat. Wenn unser Kerngeschäft wirklich die Seelsorge ist, dann gehört die Seele in die Mitte unseres Mühens. Ein alter Pfarrer hat bei seinem Priesterjubiläum vielen Wegbegleitern und Mitarbeitern gedankt: „Ich habe versucht, den Leib Christi in der Gemeinde, die mir anvertraut war, zu beseelen.“ – Wir brauchen nicht alles selbst machen, unser Wert besteht nicht allein im Funktionieren und Organisieren, es geht vor allem darum zu beseelen: dem Raum, den wir bewohnen, eine Seele zu geben.

Fürchtet euch nicht! Wichtig ist, dass eure Seele keinen Schaden nimmt. Das legt auch Pater Alfred Delp seinem Patenkind Alfred Sebastian ans Herz, dem er am 23. Januar 1945 schreibt: „Lieber Alfred Sebastian, als große Freude und Ermunterung erhielt ich heute die Nachricht von deiner Geburt. Ich habe dir gleich mit meinen gebundenen Händen einen kräftigen Segen geschickt, und da ich nicht weiß, ob ich dich im Leben je sehen werde, will ich dir diesen Brief schreiben, von dem ich aber auch nicht weiß, ob er je zu dir kommen wird. Du hast dir für den Anfang deines Lebens eine harte Zeit ausgesucht. Aber das macht nichts. Ein guter Kerl wird mit allem fertig. Du hast gute Eltern, die werden dich schon lehren, wie man die Dinge anpackt und meistert. (…) Ja, mein Lieber, ich möchte deinem Namen auch noch eine Last, ein Erbe hinzufügen. Du trägst ja auch meinen Namen. Und ich möchte, dass du das verstehst, was ich gewollt habe, wenn wir uns nicht richtig kennen lernen sollten in diesem Leben; das war der Sinn, den ich meinem Leben setzte, besser, der ihm gesetzt wurde: die Rühmung und Anbetung Gottes vermehren; helfen, dass die Menschen nach Gottes Ordnung und in Gottes Freiheit leben und Menschen sein können. Ich wollte helfen und will helfen, einen Ausweg zu finden aus der großen Not, in die wir Menschen geraten sind und in der wir das Recht verloren (haben), Menschen zu sein. Nur der Anbetende, der Liebende, der nach Gottes Ordnung Lebende, ist Mensch und ist frei und lebensfähig. (…) Es segne und führe dich der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“ Dein Patenonkel Alfred Delp.