Liebe überwindet die Ferne: Gott kommt uns nahe in einem Kind
„Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden.“ Schon das Altertum kennt dieses geflügelte Wort. Es besticht durch seine Nüchternheit. Da mag jemand im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, gestylt mit allen möglichen kosmetischen Tricks, ausgeleuchtet im grellen Licht der Neonscheinwerfer, der scheinbar makellose Mensch, im Internet präsent und begehrt auf allen Kanälen: Den Kammerdiener beeindruckt das nicht.
Er kennt seinen „Helden“ aus nächster Nähe, kennt die Banalität seines Alltags und weiß auch um seine allzu menschlichen Seiten. So kann er manchmal vielleicht nur lächeln, wenn er die einen erzählen hört von den Großtaten seines Chefs und die anderen ins Schwärmen geraten von der Größe der Persönlichkeit. Der Kammerdiener weiß vieles und könnte auch anderes erzählen. Helden gibt es für ihn nicht. Ähnliche Erfahrungen sind auch Chauffeuren und Chefsekretärinnen nicht fremd.
In einer scharfsinnigen Interpretation gibt Georg Wilhelm Friedrich Hegel dieser Einsicht eine interessante Wendung. Er meint: Wenn es keinen Helden für den Kammerdiener gibt, dann nicht deshalb, weil jener nicht ein Held, sondern weil dieser der Kammerdiener ist. Diese Auslegung des Philosophen bestreitet nicht, dass auch Helden eine graue Seite, ein alltägliches Leben haben. Doch er gibt zu bedenken: Könnte es nicht sein, dass der Kammerdiener mit Recht das Menschliche, das Allzumenschliche seines Herrn sieht, dabei aber stecken bleibt und nicht durchstößt zur Substanz, zum Wesentlichen, was die Persönlichkeit ausmacht? Die Sicht des Kammerdieners ist nicht falsch, aber beschränkt. Sie stutzt die Erfahrung zurück auf das eigene Maß. Die Nähe zum „Helden“ ist für den Kammerdiener keine Inspiration, nach Großem auszugreifen, sondern höchstens Argumentation, um sich mit der Routine, dem Durchschnitt zufrieden zu geben. Zeitlich und räumlich ist der Kammerdiener seinem Herrn ganz nahe, aber innerlich bleibt er ihm unendlich fern.
Einem solchen Blick des Kammerdieners stellt sich Hermann Hesse entgegen. Er wünscht sich, dass der Mensch den nahen Dingen das Geheimnis ihrer Ferne lässt. Diesen Satz können wir auf Gott übertragen: An Weihnachten geht es darum, dass wir dem nahen Gott das Geheimnis seiner Ferne lassen. Der „holde Knabe im lockigen Haar“ bleibt nicht Kind, er wird erwachsen. Das kleine Kind im Stall von Bethlehem, dem die Mehrheit der Menschen in unserem Land so nah ist, das wir am liebsten umarmen und herzen wollen, entzieht sich schnell unserer Verfügungsgewalt. Das Wort, das Gott in eine Krippe gelegt hat, wächst uns schnell über den Kopf. Ja, es ist größer als unser Kopf, es beansprucht unser ganzes Herz. Wenn das Wort groß geworden ist, gewichtig und schwer, schwerwiegend mit großer Tragweite für das Leben, dann nehmen viele wieder Abstand. Deshalb lichten sich auch in der Kirche die Reihen rasch nach Weihnachten. Wir spüren, dass das Krippenkind mehr sein will als festliche Dekoration im Wohnzimmer. Wir werden ihm nicht Herr, im Gegenteil: Es will selbst Herr sein im Haus unseres Lebens, es neigt sogar, dominant zu werden. Dann halten wir es klein: das Wort, das eigentlich wachsen will. Dann schlüpfen wir schnell in die Haut des Kammerdieners und sagen: Für mich gibt es weder Helden noch Herren. Ich bin der Herr meiner selbst. Oder: Selbst ist die Frau! In Coaching-Programmen steht ein Begriff hoch im Kurs: Selbstoptimierung. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung kennen wir schon, jetzt geht es um Selbstoptimierung. Doch wo bleibt da Gott? Können wir uns Gott wegdenken, dürfen wir ihn aus der Welt hinausdenken? Manchmal habe ich den Eindruck, selbst in der Kirche leben wir so, als ob wir Gott nicht mehr bräuchten. Das ist praktischer Atheismus, der sich schleichend im kirchlichen Leben ausbreiten kann. Wir reden zwar von Gott, aber wir rechnen nicht mehr mit ihm. Wir reformieren die Kirche, aber meistens geht es um Struktur und Organisation: Selbstoptimierung einer Institution. Logisch weitergedacht: Hat ein Mensch, der sich selbst optimieren will, Erlösung noch nötig? Er meint, alles selbst machen zu können – und stößt doch auf Grenzen. Münchhausen lässt grüßen.
Die Liturgiker sind kluge Pädagogen. Sie haben unsere Versuchung erkannt, es uns an der Krippe von Bethlehem bequem zu machen, bei Gänsebraten, Glühwein und süßem Gebäck. Deshalb muten sie uns nach der „Stillen Nacht, heiligen Nacht“ am helllichten Tag des Weihnachtsfestes den steilen und etwas spröden Johannes-Prolog als Evangelium zu. „Im Anfang war das Wort. (…) Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,1.14). Gott hat unter uns gewohnt, doch wie gehen wir mit ihm um? Ist es die Sicht des Kammerdieners, der Gott auf seine Ebene herunterziehen will, oder ist es der Blick des Staunenden, der sich nur wundern kann, dass der unendliche Gott so klein werden wollte, dass er in eine Krippe passt?
Der Mensch des 21. Jahrhunderts neigt dazu, in die Haut des Kammerdieners zu schlüpfen. Doch es gibt auch eine andere Möglichkeit. Der Aphoristiker Michael Rumpf bietet eine Alternative an: „Liebe überwindet die Ferne, vor allem aber macht sie Nähe erträglich.“ Ist das nicht der Schlüssel, um Weihnachten zu verstehen? Tut sich hier nicht der Weg auf, den die Christen nach Weihnachten gehen sollen: dem nahen Gott das Geheimnis seiner Ferne lassen? Letztlich geht es um die Beschreibung zwei ganz verschiedener Beziehungen: dort das Verhältnis zwischen Kammerdiener und Chef, hier die Beziehung zwischen zwei Liebenden. Etwas haben beide Beziehungen gemeinsam: In beiden stehen sich die Partner ungeschminkt gegenüber; sie geraten, ob gewollt oder ungewollt, in Situationen, in denen Nähe belastend und unerträglich werden kann.
In dieser Gemeinsamkeit kommt jedoch auch das Trennende zum Vorschein: Die Nähe zu seinem Herrn ruft im Kammerdiener Distanz hervor. Er sieht seinen Chef nur im Rahmen seiner Dienstpflichten. Der Liebende hingegen sucht seine Nähe. Sein Gegenüber ist ihm Inspiration, auch ohne Schminke, ganz natürlich. „Liebe überwindet die Ferne, vor allem aber macht sie Nähe erträglich.“ Wenn wir diesen Gedanken in die göttliche Ebene übersetzen, dann stoßen wir auf den Kern von Weihnachten: Das Evangelium erzählt die Geschichte, wie nahe uns Gott gekommen ist. Gott, den die Philosophen nur den Ewigen und Unendlichen nennen, ist uns in räumliche und zeitliche Nähe gerückt: ein Winkel in Palästina, ein greifbarer historischer Punkt, die Mutter eine Frau mit Namen Maria, unterstützt von einem Pflegevater, einem Mann namens Josef. Das ist der Moment, auf den Propheten und Denker, Gottsucher und Gotteskünder Jahrhunderte lang gewartet haben. Wenn wir alles Drumherum ernst nehmen, wenn wir in der schweren Geburt und in der Armseligkeit der Krippe ein geweihtes Ereignis, heilige Nacht, sehen, dann feiern wir ernsthaft Weihnachten: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“
Doch Gott wird weitergehen. Sein Wort wird wachsen, schwer werden und anspruchsvoll, wie es der Evangelist voraussieht: „Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18). Jesus ist Gottes Exeget. Er hat Gott ins Menschliche übersetzt. Im Menschen Jesus hat Gott die Ferne überwunden, vor allem aber hat Gott seine Nähe erträglich gemacht.
Wer tut solche Dinge? Romano Guardini weiß die Antwort: „Denken allein kommt hier nicht weiter; ein Freund hat mir einmal ein Wort gesagt, durch das ich mehr verstanden habe als durch alles bloße Denken. Wir sprachen über Fragen dieser Art, da meinte er: ‚Die Liebe tut solche Dinge.’ Dieses Wort hilft mir immer wieder. Keines der großen Dinge im Menschenleben ist aus bloßem Denken entsprungen; alle aus dem Herzen und seiner Liebe. Die Liebe aber hat ihr eigenes Warum und Wozu – freilich muss man dafür offen sein, sonst versteht man nichts.“
Die Liebe tut solche Dinge. „Gott selbst ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4,16b). Das ist Weihnachten: an die Liebe glauben (vgl. 1 Joh 4,16a).