„Krippe und Kreuz gehören zusammen“
Liebe Schwestern und Brüder, „ich bin Christ“. Wenn Sie diese drei Worte in Deutschland laut auf der Straße sagen, wird man Sie vermutlich wenig beachten. Die meisten Menschen werden vielleicht kurz irritiert sein und dann weitergehen, kaum jemand würde sich dafür interessieren. Das liegt daran, dass Religion in unserem Land Privatsache ist. Jede und jeder kann seinen Glauben an den Orten und auf die Weise ausleben, wie es ihr oder ihm am besten erscheint.
Als Bischof, der neben seinem Amt in der Diözese Augsburg auch auf Bundesebene für die weltkirchlichen Belange zuständig und somit eine Art „Außenminister“ der Deutschen Bischofskonferenz ist, kann ich Ihnen sagen, dass das alles andere als selbstverständlich ist. „Ich bin Christ“ - wenn Sie diese Worte beispielsweise auf einem Marktplatz in Nordkorea sagen, werden Sie sofort verhaftet und in ein sogenanntes Umerziehungslager gebracht. Das öffentliche Bekenntnis zu Jesus Christus steht hier unter hoher Strafe und viele Christinnen und Christen kamen dafür bereits zu Tode. Ich erinnere an Pater Kunibert Ott aus Edelstetten[1], der Ihnen allen bekannt sein dürfte. Als Missionsbenediktiner von St. Ottilien erlitt er 1952 den Hungertod in Oksadok nahe der nordkoreanischen Hauptstadt Pyonyang [Anmerkung: der Prozess zur Seligsprechung läuft].
Warum erzähle ich das? Weil wir heute am 26. Dezember nicht nur den zweiten Weihnachtstag feiern. Seit 2012 wird der Stephanstag in Erinnerung an den ersten christlichen Märtyrer auch als „Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen“ begangen. Ihnen, die vor allem in Mittelamerika sowie in Teilen Afrikas und Asiens unter Ausgrenzung und Gewalt leiden, wollen wir heute in besonderer Weise gedenken und für sie beten. In Anlehnung an die heutigen Tageslesungen möchte ich Ihnen dazu drei kurze Gedanken mitgeben.
1. Geht und verkündet!
Der erste beschäftigt sich mit dem Grundauftrag aller Christen: Verkündigung. Vor zehn Jahren veröffentliche Papst Franziskus sein erstes Apostolisches Schreiben mit dem Titel „Evangelii gaudium“ - über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute. Es fängt so an: „Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen.“ (EG 1) Noch ehe der Heilige Vater ausführt, wie das Evangelium zeitgemäß verkündet werden kann, erinnert er daran, wie trostreich und frohmachend der Glaube an Jesus ist.
Gerade jetzt kann uns das wieder neu bewusstwerden, wenn wir Lieder wie „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“ singen, da uns Christ, der Retter erschienen ist. Vielen Menschen wird es warm ums Herz, wenn sie das Kind in der Krippe betrachten, das uns allen sagen will: Habt keine Angst! Gott kommt auf die Erde und zeigt, wie sehr er uns liebt. Die ersten Botschafter dafür sind die Engel. Sie verheißen eine „große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll“ (Lk 2,10). Danach folgen die Hirten, die zum Stall eilen und mit frohem Herzen wieder zurückkehren, nachdem sie das Kind in den Armen der Mutter gesehen haben. Zuletzt kommen sogar Könige aus weiter Ferne; Wochen lang waren sie unterwegs in der Hoffnung, den neugeborenen Messias sehen zu dürfen.
Die Begegnungen atmen eine Erfahrung: dass Menschen innerlich mit Freude erfüllt wurden. So ging es später auch den Jüngern, die Jesus folgten, und dabei spüren konnten, welche Kraft von ihm ausging. Damit diese Erfahrung von Gottes Gegenwart nicht nur wenigen vorenthalten blieb, gab Jesus seinen Jüngern den Auftrag: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,25) Bis heute liegt darin unsere erste Berufung als Christinnen und Christen: Diese Freude, die Gott uns schenken will und die von der Krippe ausgeht, in uns selbst aufnehmen und sie weitergeben, durch Worte und Taten der Liebe. Papst Franziskus spricht in diesem Zusammenhang von einer Freude, die sich mitteilen will (vgl. EG 2-8).
Eine besonders schöne Form der Verkündigung dürfen wir heute erleben: Wir sind bei einer Premiere. Es geht um die neu komponierte Ulrichsmesse von Pfr. Dr. Michael Kinzl. Meinen Glückwunsch zu dieser gelungenen Komposition! Vergelt’s Gott allen Musikern auf der Empore! Dass das Bekenntnis zu Jesus aber nicht immer einfach und teilweise sogar gefährlich sein kann, zeigt uns das Beispiel des hl. Stephanus, von dem wir in der Lesung aus der Apostelgeschichte hörten.
2. Bleibt standhaft in der Bedrängnis!
Als Mitglied der Jerusalemer Urgemeinde und Diakon kümmerte er sich vor allem um die Versorgung der Witwen und anderer Menschen, die damals am Rande der Gesellschaft lebten. Es muss ein beeindruckender Mann gewesen sein, „voll Gnade und Kraft“ (Apg 6,8), wie Lukas schreibt, aber auch gesegnet mit großer „Weisheit“ (Apg 6,10). Viele aus dem Volk hörten ihm gerne zu, da er durch seine guten Taten glaubwürdig und überzeugend war. So wuchs die Zahl an Juden, die seiner Verkündigung folgten und in Jesus den verheißenen Messias erkannten.
Demgegenüber stand jedoch eine Mehrheit, die darin eine Bedrohung für den jüdischen Glauben sah. Wenn man schaut, wie Stephanus in der Folge auf der Grundlage falscher Zeugnisse angeklagt und schließlich zum Tode verurteilt wurde, fühlt man sich schnell an den Prozess Jesu vor Pilatus erinnert, bis hin zur fast wortgleichen Vergebungsbitte für die Peiniger (vgl. Apg 7,60 mit Lk 23,34). Am Ende wird Stephanus unter den Augen des Saulus/Paulus als erster christlicher Märtyrer für sein Stehen zum Herrn gesteinigt, wodurch Jesu Ankündigung aus dem heutigen Evangelium wahr wurde, der allen, die ihm nachfolgen, ein schweres Los prophezeite (vgl. Mt 10,17f.). Umso beeindruckender finde ich das Verhalten des Stephanus: Da ist trotz all der Lügen vor Gericht kein Hass erkennbar, keine Verbitterung, keine Wut. Bis in den Tod hinein bleibt er ruhig, vertraut auf Gottes Beistand, und wird gerade dadurch zum bis heute weltweit verehrten Heiligen. Für mich liegt darin eine versteckte Botschaft: Christinnen und Christen sollen jederzeit mutig für ihre Überzeugung eintreten, so wie das der hl. Stephanus getan hat (vgl. Apg 7,1-53). Polemik oder gar Gewalt dürfen hingegen nie eine Option sein, denn sie sind nicht im Sinne Gottes und bringen nur Schaden, wie wir es an vielen Beispielen der Geschichte sehen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine andere: „Friede den Menschen auf Erden“ singen die Engel über dem Stall von Bethlehem, und der erwachsene Jesus wird später sagen: „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ (Mt 5,9) Der Frieden auf Erden beginnt beim Frieden im Inneren eines jeden Menschen. Der Friede beginnt im Herzen. Darum bitte ich Sie, die vorweihnachtliche Hektik hinter sich zu lassen und sich in den kommenden Tagen viel Zeit für Ruhe zu gönnen. Zünden Sie eine Kerze an und lesen Sie ein Stück in der Heiligen Schrift! Oder kommen Sie in die Kirche zum Kind in der Krippe und beten in einem Moment der Stille für ihre persönlichen Anliegen! Stephanus konnte souverän ins Martyrium gehen, weil er erfüllt war von einem inneren Frieden. Sein Glaube gab ihm Kraft und Hoffnung, was mich zu meinem letzten Gedanken führt.
3. Dann werdet ihr gerettet!
Kurz vor seiner Hinrichtung sah Stephanus in einer Vision „den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,56). Das werte ich als Zeichen, dass Gott allen, die seine Botschaft auch in schwerster Bedrängnis verkünden, nicht alleine lässt. Viele Märtyrer durften es erfahren, dass der Herr auf ihrer Seite steht. Denken wir an die Christen, die zur Zeit der römischen Kaiser verfolgt und getötet wurden. Oder denken wir noch einmal an Pater Kunibert Ott, der davon sprach, dass die Erlösung der Welt in Liebe und Leid geschah.[2] Die spannende Erkenntnis ist, dass Kirche oft genau da wächst, wo sie am meisten verfolgt wird. Der Kirchenlehrer Tertullian aus dem heutigen Tunesien schrieb im 2. Jahrhundert: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“[3] In Mitteleuropa haben wir das Glück, ohne Angst vor Repressalien unseren Glauben frei leben zu können. Das ist ein Grund zur Dankbarkeit. Unlängst gaben die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz ihren „3. Ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit weltweit 2023“ heraus, wo auf das Leid unserer Glaubensgeschwister in vielen Ländern der Welt hingewiesen wird und Überlegungen angestellt werden, wie dieses universelle Menschenrecht besser geschützt werden kann. Dazu führen der Vatikan und die Bischöfe viele diplomatische Gespräche mit den Staatslenkern der Welt. Was aber können wir hier in Neuburg an der Kammel tun? Denken wir in Verbundenheit an die Schwestern und Brüder, die den heutigen Festtag im Verborgenen feiern müssen und beten wir für ihr Wohl und Sicherheit. Stellen wir sie unter den Schutz Gottes, der uns im Evangelium sagt: „Wer (…) bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.“ (Mt 10,22)
Manche Gläubige sind vielleicht irritiert, dass heute am zweiten Weihnachtstag, mitten in der Festwoche, ein so schweres Thema wie die Christenverfolgung auf dem Programm steht. Doch es gehört zu den Paradoxien unseres Glaubens, dass Krippe und Kreuz untrennbar zusammengehören. Besonders schmerzhaft musste das die Muttergottes erfahren. Darum passt es gut, dass wir den heutigen Festtag hier in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt begehen. Denn es hätte kein Weihnachten gegeben, wenn nicht die Gottesmutter als Allererste das Wort Gottes in sich aufgenommen und Ja dazu gesagt hätte, dass es zur Welt kommen konnte. Ein Leben lang stand sie an der Seite ihres Sohnes, auch in der schwersten Stunde, und vertraute auf seine göttliche Heilszusage. Sie, die Mutter vom guten Rat (vgl. linker Seitenaltar), wollen wir am Ende um ihre Fürsprache bitten, dass wir alle zu mutigen Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi werden, des Friedensfürsten und Retters der Welt.
[1] Vgl. https://www.pfarramt-neuburg.de/edelstetten-kunibert-ott.php, 12.12.2023.
[2] Vgl. https://www.pfarramt-neuburg.de/edelstetten-kunibert-ott.php, 12.12.2023.
[3] Vgl. Tertullian: Apologeticum, Kap. 50 (https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-3/versions/apologetikum-bkv/divisions/51, 12.12.2023).